Analyse der EU-Bananenmarktordnung (1995)

Das Auftreten der gefürchteten “Panamakrankheit” in Kolumbien sorgt derzeit wieder für Katastrophenszenarien in der Bananenexportwirtschaft Lateinamerikas.

Es ist schon länger her, dass das Thema Bananen für so viel Aufregung nicht nur in der Region, sondern weltweit sorgte. Das war in den 1990er Jahren, als die Europäische Union ihre Bananenpolitik reformierte, um ihre Konformität mit den Regeln der neu gegründeten Welthandelsorganisation WTO sicherzustellen.

Mit dieser Reform befasst sich eine längere Analyse, die ich vor einiger Zeit auf rpoth.at neu veröffentlicht habe. Ursprünglich hatte ich sie für eine Sondernummer der Zeitschrift des Österreichischen Lateinamerika-Instituts verfasst:

Die EU-Bananenmarktordnung: Wer bekommt wieviel vom Bananenkuchen?

Die Analyse erschien (eventuell in einer etwas abweichenden Version) Anfang 1995 in einer Sondernummer der Zeitschrift für Lateinamerika. Diese Zeitschrift wurde 1997 eingestellt und ist auch online nicht mehr verfügbar.

Zum Thema Bananen, das damals einigen Staub aufwirbelte, siehe auch Das Kreuz mit den Bananen (März 1998) zur Verurteilung der Bananenmarktordnung durch die Welthandelsorganisation WTO.

Facebooks Libra-Projekt – Einschätzung von Joseph Huber

Joseph Huber, bekannt als Verfechter einer Vollgeld-Reform, die den Banken die Geldschöpfungsfähigkeit entziehen würde, hat eine erste – kritische – Einschätzung des Privatwährungsprojekts Libra veröffentlicht.

Lesenswert, wie das meiste aus seiner Feder. Link zum Beitrag auf seiner Website:

Die Libra – Facebooks Projekt einer privaten globalen Digitalwährung. Eine Einschätzung

Auszüge aus dem Text:

Werden wir eines Tages dann auch noch für Facebooks Schattendollars geradestehen müssen? Möglicherweise Ja. Wenn sich die Dinge nach dem bisher angelegten Pfadverlauf fortsetzen, werden sich Regierungen und Zentralbanken über kurz oder lang in der Verlegenheit wiederfinden, auch die Libra stützen und für sie bürgen zu müssen, gerade so wie sie seit der Krise 2007/08 Geldmarktfonds und Bankengeld durch Quantitative Easing (ultralockere Monetisierung von Schulden) und Mehrverschuldung retten mussten, um einen allgemeinen Zusammenbruch der Wirtschaft zu verhindern. (…)

Dass man die schrittweise Privatisierung der Geldhoheit souveräner Staaten so lange und so weit hat treiben lassen, offenbart einen Mangel an Verständnis für die Geldhoheit als einer staatlichen Prärogative von Verfassungsrang. Andere solche Prärogativen wie Gesetzgebung, Recht­sprechung, Gebiets­ver­walt­ung, Steuermonopol und Gewaltmonopol versteht man meist besser. Ohne diese Hoheitsrechte kann ein Rechtstaat, zumal ein freiheitlicher und demokratischer, nicht funktionieren.

Siehe u.a. auch meinen kurzen Beitrag (Oktober 2010) Finanzkrise: Besser gleich an der Wurzel packen, in dem ich sein Buch “Monetäre Modernisierung. Zur Zukunft der Geldordnung” vorgestellt habe, und meinen Artikel (Oktober 2003): Vollgeld – wider die Ohnmacht der Zentralbanken.

Arbeitsproduktivität in Österreich: Ein Update

Statistik Österreich revidiert Daten: Mehr Wachstum und kein Rückgang der Arbeitsproduktivität in 2016.

Statistik Austria hat im September 2018 die Ergebnisse einer routinemäßigen Revision der Daten für die Jahre 2015 und 2016 veröffentlicht. Dadurch ergaben sich vor allem für das Jahr 2016 einige signifikant bessere Kennzahlen: Die österreichische Wirtschaft wuchs 2016 real nicht um 1,5% wie bisher angegeben, sondern um 2%. In Kombination mit revidierten Daten zum Arbeitsvolumen ergab sich auch eine Verbesserung bei der Arbeitsproduktivität für 2016: Aus einem Minus von 0,4% wurde nun eine Stagnation ( -0,0%).

Quelle: Volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen 1995 – 2017; Download (pdf, 550Kb). (Bruttoinlandsprodukt: Tabelle 3; Arbeitsvolumen: Tabelle 15; Arbeitsproduktivität: Tabelle 16)

Die neuen Daten sind allerdings noch nicht in die Präsentationen unter „Wie geht’s Österreich?“ eingearbeitet. Dort heißt es etwa zur Arbeitsproduktivität derzeit weiterhin (per 24. Oktober 2018): „2016 ging die Arbeitsproduktivität im Vergleich zum Vorjahr um 0,4% zurück“ (siehe Arbeitsproduktivität).

Für 2017 wird ein reales BIP-Wachstum von 2,6% angegeben, wobei das Arbeitsvolumen von 7.023 Mio. Stunden auf 7.137 Mio. Stunden zunahm, ein Plus von 1,62%. Das Arbeitsvolumen überstieg damit auch den bisherigen Höchststand aus dem Jahr 2008, vor der Finanzkrise. Die Arbeitsproduktivität erhöhte sich 2017 demnach um rund 0,9% (zumindest bis zur nächsten Revision …).

Die Änderungen vom September 2018 sind in der nachstehenden aktualisierten Grafik zu Arbeitsvolumen und Arbeitsproduktivität berücksichtigt.

Am Trend zu einer schwächeren Zunahme der Arbeitsproduktivität hat sich durch die Datenrevision allerdings nichts geändert. Ein Vergleich des jüngsten Aufschwungs mit der Wachstumsperiode vor der Finanzkrise macht dies besonders deutlich: 2006 und 2007 wuchs das BIP real insgesamt um 7,36% (3,52% bzw. 3,71%), wobei die Arbeitsproduktivität um 5,19% zunahm (plus 2,65% bzw. plus 2,48%). In den Jahren 2016 und 2017 wuchs das BIP um 4,65%, doch die Arbeitsproduktivität erhöhte sich nur um 0,9% (-0,0% + 0,9%).

Auch bei einer anderen Kennzahl für die Produktivität, der Total Factor Productivity (TFP), weist Österreich im internationalen Vergleich zwar hohe Werte auf, verzeichnet aber seit der Finanzkrise eine Stagnation, während die TFP in der Eurozone insgesamt wieder steigt, wie aus einem Bericht der EU-Kommission hervorgeht (Länderbericht Österreich 2018 vom 7. März 2018). Es ist aber darauf hinzuweisen, dass dieser Bericht auf älteren, noch nicht revidierten Daten für 2015 und 2016 beruht, ebenso wie die nachstehende Infografik aus diesem Bericht (der Hinweis in der Grafik “Vor der Revision …” stammt von mir):

“Österreichs totale Faktorproduktivität, die während der Finanzkrise deutlich gesunken ist, hat sich noch nicht wieder erholt und stagniert unter dem Vorkrisenniveau. Dies kontrastiert mit dem Euro-Währungsgebiet insgesamt, in dem die totale Faktorproduktivität zwar ebenfalls während der Krise zurückging, seit 2013 aber stetig ansteigt und das Vorkrisenniveau bereits übertroffen hat.” (Länderbericht Österreich 2018, S.8)

Soweit es meine Zeit erlaubt, werde ich in einem zukünftigen Beitrag verschiedene Erklärungen der Wirtschaftswissenschaft für die schlechte Entwicklung von Arbeitsproduktivität und Total Factor Productivity insbesondere in Österreich darstellen.

Pflegesektor, Gig Economy ausgeblendet?

Eines vorweg: Unter den Faktoren, die die TFP negativ beeinflussen, befindet sich auch der Strukturwandel, d.h. ein steigender Anteil der Dienstleistungen am BIP, was mit dem im Vergleich zur Industrie geringeren Produktivitätswachstum in diesem Sektor zusammenhängt.

Ausdrückliche Hinweise auf spezifische Bereiche des Dienstleistungssektors wie die „Gig Economy“ oder den Pflegesektor habe ich in einschlägigen Quellen bisher übrigens keine gefunden. (Zum Pflegesektor siehe u.a. Pflege kommt nicht ohne Osteuropa aus (ORF, 22. Oktober 2018). Ältere Menschen tauchen nur insofern auf, als sie als „Klotz am Bein“ bei der Erweiterung des „Humankapitals“ betrachtet werden.

Das könnte durchaus auch daran liegen, dass man zumal dem Bereich der (“arbeitsintensiven”) Pflege mit Standard-Empfehlungen wie mehr Deregulierung, Erhöhung der Investitionen und der Forschungs- und Entwicklungsausgaben a priori keine „Produktivitätssteigerung“ im konventionellen Sinne verpassen kann (mehr “Output” pro “Input”). Der Sektor ist m.E. eine Art gesellschaftlicher „Overhead“, wie man aus betriebswirtschaftlicher Sicht sagen würde – zusätzliche Fixkosten, die in Zukunft stetig wachsen werden.

Arbeitsproduktivität und Total Factor Productivity: Weltbank-Analyse

Vor allem in den reichen Ländern hat sich das Wachstum von Arbeitsproduktivität und Total Factor Productivity (TFP / Gesamtfaktorproduktivität) zuletzt deutlich verlangsamt. Dieser Trend etablierte sich bereits vor der Finanzkrise; warum, ist nicht ganz klar. In ihrem jüngsten Bericht zum Ausblick für die Weltwirtschaft (Global Economic Prospects, Jänner 2018) gibt die Weltbank einen Überblick über die Diskussion.

Die Arbeitsproduktivität ist der wirtschaftliche Output pro geleisteter Arbeitsstunde, die Total Factor Productivity steht für jenen Teil des Outputs, der nicht durch den Einsatz der Produktionsfaktoren Kapital und Arbeit erklärt werden kann – man könnte sagen, TFP ist ein Maß für die Effizienz, mit der diese beiden Faktoren kombiniert werden, oder auch ein Maß für die technologische Innovation.

Download der Weltbank-Analyse: Understanding the recent productivity slowdown: Facts and explanations (pdf, extrahiert aus dem Gesamtbericht)

Beide Kennzahlen sind von Bedeutung für das Wachstumspotenzial einer Wirtschaft: Je geringer die Zunahme, desto geringer auch die zukünftigen Wachstumsaussichten und desto schwieriger auch die Deckung der zukünftigen Pensionsverpflichtungen. Daher gibt die jüngste Entwicklung Anlass zur Sorge.

Auch in Österreich geht das Wachstum der Arbeitsproduktivität zurück, und der Aufschwung von 2016 war überraschenderweise sogar von einem Rückgang der Arbeitsproduktivität begleitet, worauf ich hier (Österreich 2016: Seltsamer Aufschwung) aufmerksam gemacht habe.

Weltweit sieht das etwa so aus (Quelle der Grafiken: Weltbank; “AEs” (Advanced Economies) sind die reichen Länder):

Als mögliche Ursachen dieses “productivity slowdowns” nennt die Weltbank vorübergehende Faktoren, insbesondere geringere Investitionen aufgrund höherer Unsicherheit und von Nachwirkungen der Finanzkrise, aber auch nachhaltig wirksame Einflüsse:

  • Die demographische Alterung
  • Regulierungseffekte und “strukturelle Rigiditäten”
  • Sinkende Dynamik des Welthandels und stagnierende vertikale Spezialisierung
  • Sinkender Beitrag der IKT-Branche (“Digitalisierung”) zur Produktivitätssteigerung

Demographische Alterung. In den reichen Ländern sinkt der Anteil der Menschen im Arbeitsalter an der Gesamtbevölkerung seit Jahrzehnten. Ältere Menschen brauchen länger, um sich neue Fähigkeiten anzueignen, d.h. die Akkumulation von Humankapital verlangsamt sich, was wieder Innovation und Produktivitätswachstum bremst.

Regulierung & strukturelle Rigiditäten. Hier verweist die Weltbank auf Faktoren, die eine effiziente Reallokation von Ressourcen (Kapital und Arbeit), eine historisch bedeutende Quelle von Produktivitätsgewinnen, behindern dürften. Genannt werden etwa Flächenwidmungspläne in US-Städten und damit verbundene Probleme der Wohnraumbereitstellung (geringere Mobilität von Arbeitskräften), aber auch “strukturelle Rigiditäten” in Arbeits- und Produktmärkten in Europa.

Welthandel und vertikale Spezialisierung. Abgesehen von einer langsameren Expansion des Welthandels, was mit weniger Wettbewerbsdruck und einer geringeren Investitions- und Reallokationsdynamik in Verbindung gebracht wird, verweist die Weltbank auf eine Stagnation der Bedeutung von globalen Wertschöpfungsketten, die auf vertikaler Spezialisierung beruhen.

Dabei handelt es sich quasi um den Inbegriff der “Globalisierung”: Firmen lagern z.B. arbeitsintensive Prozesse in Länder mit niedrigeren Lohnkosten aus, was mit Produktivitätsgewinnen verbunden ist, wie in einem zitierten Working Paper (World Bank Policy Research Working Paper No. 7978) gezeigt wird (“Does Vertical Specialization Increase Productivity?” (Download-Seite: papers.ssrn.com/sol3/papers.cfm?abstract_id=2923531).

Die folgende Grafik (mit Daten bis 2014) aus diesem Paper deutet an, dass sich die vertikale Spezialisierung weltweit nicht mehr vertieft oder sogar rückläufig sein könnte.

Eine Interpretation wäre, dass das Potenzial für Produktivitätsgewinne durch Auslagerung / Aufsplittung der Wertschöpfungsketten zumindest in den reichen Ländern derzeit bereits ausgeschöpft ist (Globalisierung am Ende?).

IKT, Digitalisierung und Produktivität. Als nur mehr gering schätzt die Weltbank die Produktivitätssteigerung durch die Informations- und Kommunikationstechnologien ein. Da es außerdem zunehmend aufwändiger wird, neue Ideen zu generieren, könnte der Beitrag der IKT-Branche zum Produktivitätswachstum auch in Zukunft schwach bleiben. Zudem hätten sich die Innovationen der Branche seit der Jahrtausendwende zunehmend auf Konsumprodukte konzentriert anstatt auf Hard- und Software, die zu höherer Produktivität führt.

Ich selbst habe ja zuletzt darüber spekuliert, ob Cybercrime und der Kampf dagegen den Produktivitätsbeitrag der Softwarebranche weiter senken könnte (siehe Cybercrime & Produktivitätsbeiträge der Softwarebranche).

Empfehlungen der Weltbank. Was könnte gegen das Problem mit der Produktivität getan werden? Die Weltbank meint, man sollte etwa die Lernfähigkeit älterer Bevölkerungsgruppen erhöhen.

Der Rest ist alter Tobak: Förderung von Investitionen in physisches Kapital und Forschung & Entwicklung, Deregulierung und Handelsliberalisierung, d.h. mehr Wettbewerb. Das wird bereits seit Jahrzehnten gepredigt, ohne dass sich der beobachtete Rückgang des Produktivitätswachstums hätte aufhalten lassen. Alles in allem herrscht m.E. offenbar eher Ratlosigkeit …

Cybercrime & Produktivitätsbeiträge der Softwarebranche

Könnten die Cyberkriminalität und der Kampf gegen Hacker & Co die ohnehin fragwürdigen Produktivitätsbeiträge der Digitalisierung weiter verringern oder zunichte machen? Ein Blick auf ein paar grundlegende Daten.

Wie sich die erhofften Produktivitätssteigerungen durch die Digitalisierung mit dem generell sinkenden Produktivitätswachstum (“Total Factor Productivity” oder Gesamtfaktorproduktivität) in den reichen Ländern vertragen, ist ein bisher ungelöstes ökonomisches Rätsel (Tipp: nach “Produktivitätswachstum” und “Digitalisierung” googeln).

In meinen Anmerkungen zum seltsamen Aufschwung in Österreich habe ich in diesem Zusammenhang folgende gewagte These in den Raum gestellt:

Der Beitrag der Softwarebranche zur Gesamtproduktivität, soweit vorhanden, könnte zunehmend geringer werden, da ein wachsender Teil ihrer Dienstleistungen bloß für den Schutz der expandierenden Datennetzwerke gegen interne und externe Risiken wie Hackerangriffe (“Cybercrime”) erforderlich sind. Ihre Leistungen könnten sich zunehmend zu einem gesamtgesellschaftlichen “Overhead” (Gemeinkosten) entwickeln – bisher unnötige Kosten, die nun zusätzlich zu tragen sind.

Gibt es Daten, die einen solchen Trend bestätigen oder zumindest plausibel erscheinen lassen könnten? Nachfolgend ein erstes Recherche-Ergebnis (zu den Daten siehe weiter unten).

Zuerst habe ich die historischen Ausgaben für IT-Dienstleistungen & Software mit den Ausgaben für Cybersecurity verglichen, beides weltweite Daten. Zu beachten ist, dass Cybersecurity-Kosten auch Ausgaben für Hardware beinhalten; sie sind daher keine Teilmenge der Aufwendungen für IT-Dienstleistungen & Software. Wie auch immer: Das wirkt nicht besonders beeindruckend (Grafiken in Englisch, deutsche Versionen, wenn ich Zeit habe).

Interessanter sieht es in der zweiten Grafik aus: Hier habe ich zusätzlich sichtbar gemacht, wie sich das Verhältnis der absoluten Zuwächse der beiden Ausgabenbereiche entwickelt, und zwar als linearer Trend. Demzufolge nimmt die relative Bedeutung der zusätzlichen Ausgaben für Cybersecurity stetig zu; 2016 sind wir dem Trend nach bereits bei rund 30 % der gesamten zusätzlichen Ausgaben für IT-Dienstleistungen & Software. Das ist doch schon bemerkenswert, würde ich meinen.


Die dritte Grafik zeigt eine mögliche Entwicklung bis 2021, basierend auf historischen Trends und einer Prognose vom Mai 2017, hier mit den tatsächlichen geschätzten/berechneten Datenpunkten. (Das Zickzack der roten Linie bis 2016 entspricht übrigens nicht der Wirklichkeit, sondern ist eine Folge der Darstellung der historischen Cybersecurity-Ausgaben als stetige Exponentialkurve.) Demnach würden die zusätzlichen Ausgaben für Cybersecurity 2021 bereits mehr als 60% der zusätzlichen Ausgaben für IT-Dienstleistungen & Software im Allgemeinen betragen.

In absoluten Zahlen könnten 2021 demnach weltweit ca. 300 Mrd. US-Dollar für Cybersecurity ausgegeben werden. Das erscheint nicht einmal so viel: cybersecurityventures.com schätzt die Kosten von Cyberkriminalität für 2021 auf nicht weniger als 6.000 Mrd. US-Dollar (“Cybercrime damages will cost the world $6 trillion annually by 2021“). Das wären mehr als 6% der für 2021 prognostizierten weltweiten Wirtschaftsleistung (siehe statista.com).

Dabei ist noch zu bedenken, dass zum Zeitpunkt dieser Kostenprognose (Mai 2017) die Öffentlichkeit noch nichts von Meltdown und Spectre wusste.

Klar: Es handelt sich hier nur um Extrapolationen und Schätzungen schwierig zu erhebender Daten; da sich Cybersecurity-Ausgaben und Ausgaben für IT-Dienstleistungen & Software überschneiden, ergibt die Extrapolation des historischen Marktwachstums vielleicht zu geringe Werte, was zu einer Überschätzung des Gewichts der Cybersecurity-Ausgaben führen dürfte.

Trotzdem gibt diese mögliche Entwicklung doch zu Besorgnis Anlass. Meine Hypothese zu sinkenden Produktivitätsbeiträgen der Softwarebranche erscheint nicht so weit hergeholt.

Zu den Daten

  • Die historischen Daten zu den Ausgaben für IT-Dienstleistungen & Software stammen von statista.com. Die Betreiber geben leider nur gegen Geld bekannt, woher sie diese Daten haben.
  • Die historischen Daten zu den Ausgaben für Cybersecurity (Produkte & Dienstleistungen) beruhen auf Angaben von cybersecurityventures.com für die Jahre 2004 und 2017. Für die Jahre dazwischen habe ich ein gleichmäßiges exponentielles Wachstum unterstellt.
  • Die Daten zu den Ausgaben für IT-Dienstleistungen & Software von 2017 bis 2021 beruhen auf einer Extrapolation des historischen Trends (Wachstumsrate zwischen 2005 und 2016, Daten von statista.com).
  • Die Daten zu den Ausgaben für Cybersecurity von 2017 bis 2021 beruhen auf einer Schätzung von cybersecurityventures.com, wonach in diesen fünf Jahren dafür rund 1.000 Mrd. US-Dollar ausgegeben werden dürften. (“Cybersecurity Ventures predicts global spending on cybersecurity products and services will exceed $1 trillion cumulatively over the next five years, from 2017 to 2021.“).
    Dieser Betrag impliziert ein jährliches Wachstum von 26%, ausgehend von 2016. Übrigens im Widerspruch zur Aussage im nachfolgenden Satz: “We anticipate 12-15 percent year-over-year cybersecurity market growth through 2021.” Es muss ja nicht jeder rechnen können.

Österreich 2016: Seltsamer Aufschwung

Der „Aufschwung“ der österreichischen Wirtschaft von 2016 war von einem Rückgang der Arbeitsproduktivität begleitet, wie im Dezember 2017 veröffentlichte Daten von Statistik Austria zeigen – ein ungewöhnliches Phänomen für eine wachsende Volkswirtschaft.

Die Arbeitsproduktivität sank 2016 gegenüber 2015 um 0,44%, während die Wirtschaft gleichzeitig real um 1,5% wuchs. Anders gesagt: In Österreich wurden zwar um 1,86% mehr Arbeitsstunden geleistet als 2015, doch pro Stunde wurde damit weniger Wert erzeugt als im Jahr davor.
[Die Daten für 2015 und 2016 wurden per September 2018 revidiert. Siehe Arbeitsproduktivität in Österreich: Ein Update]

Noch im April 2017 hatte Statistik Austria für 2016 eine Zunahme der Arbeitsproduktivität um 0,6% ausgewiesen. Der erhebliche Unterschied von mehr als einem Prozent geht v.a. auf eine Neuberechnung des Arbeitsvolumens zurück.

Ein Rückgang der Arbeitsproduktivität hatten schon die Mikrozensus-Daten zum Arbeitsvolumen von 2016 vermuten lassen. Nun hat sich offenbar gezeigt, dass diese Daten die Entwicklung besser abgebildet haben als die Berechnungsmodelle von Statistik Austria.

Dass die Arbeitsproduktivität noch 2015 um fast 2% zugenommen hat, lässt die Entwicklung von 2016 umso rätselhafter erscheinen: Was ist das für ein Aufschwung?, fragte ich mich schon im Frühjahr 2017. (Siehe rpoth.at/blog/oesterreich-negative-wirtschaftsdaten-weitgehend-ignoriert.)

Theoretisch sollten sich Arbeitsproduktivität und Wirtschaftswachstum gleichläufig entwickeln, auf Basis einer simplen Hypothese: Im Abschwung werden Personalstand und Arbeitszeiten erst mit Verzögerung in Reaktion auf die sinkende Nachfrage reduziert, d.h. die Wertschöpfung pro geleisteter Arbeitsstunde sinkt tendenziell; das war etwa auch beim Abschwung 2008-2009 der Fall, wie der Abwärtsknick der roten Kurve in der Grafik oben zeigt. Im Aufschwung wiederum wird bei steigender Nachfrage zuerst das vorhandene Personal besser ausgelastet, womit die Wertschöpfung pro Arbeitsstunde steigt, und erst später wird der Personalstand erhöht.

Was war also 2016 los? Den Daten von Statistik Austria lässt sich lediglich entnehmen, dass die ca. 130 Millionen zusätzlichen Arbeitsstunden (gegenüber 2015) großteils im tertiären Sektor geleistet wurden. Im primären Sektor (Land- und Forstwirtschaft) ist ein Rückgang von 3 Mio. Arbeitsstunden ausgewiesen, im sekundären Sektor (Bergbau, Industrie/Gewerbe, Versorgungsbetriebe, Bau) ein Plus von ca. 12,5 Mio. Stunden. Zur Aufteilung der zusätzlichen Arbeitsstunden innerhalb des tertiären Sektors gibt es keine Angaben.

Es kann sich natürlich sowohl um einen „Ausreißer“ als auch um ein statistisches Artefakt handeln. Im ersteren Fall sollte sich bei anhaltendem Konjunkturaufschwung (und das war 2017 offenbar der Fall) die Arbeitsproduktivität wieder positiv entwickeln, was sich erst 2018 zeigen wird.

Persönlich neige ich zu einer pessimistischeren Annahme. Fast in allen entwickelten Wirtschaften (in den „reichen Ländern“) gehen die Steigerungsraten bei Arbeits- als auch Gesamtfaktorproduktivität seit Längerem stetig zurück. Dieser Trend ist jedenfalls bei der Arbeitsproduktivität auch in Österreich zu beobachten – die folgende Grafik ist ein Update einer identischen Grafik vom April.

Dieser Trend ist m.E. auf mehrere Faktoren zurückzuführen, darunter die Auslagerung der industriellen Produktion in Schwellenländer, den technologischen Fortschritt (Digitalisierung) sowie die zunehmend ungleiche Einkommens- und Vermögensverteilung. Alle diese Faktoren stehen miteinander in Wechselwirkung.

Endergebnis ist ein Phänomen, das schon vor Jahren als „Dienstbotisierung“ der Wirtschaft kritisiert wurde: Die wirtschaftliche Expansion im tertiären Sektor beschränkt sich im Wesentlichen auf Branchen mit relativ (zur Industrie) geringer Wertschöpfung, etwa persönliche Dienstleistungen für den wohlhabenderen Teil der Gesellschaft (dazu würde ich auch den Transportdienstleister Uber zählen) oder Leistungen im Gesundheits- und Sozialbereich in Zusammenhang mit der Alterung unserer Gesellschaft (Pflegedienstleistungen). Da ist pro Arbeitsstunde nicht viel Geld zu holen, außer im oberen Einkommenssegment (das sich vielleicht auch zukünftige Pflegeroboter leisten kann), und das drückt daher die Arbeitsproduktivität insgesamt.

Eine gewagtere These in diesem Zusammenhang wäre, dass auch die Softwarebranche zunehmend unproduktiv wird, da sie zwar gut bezahlte Dienstleistungen erbringt, dieselben jedoch immer weniger der Entwicklung neuer Produkte dienen, sondern vermehrt bloß für den Schutz der expandierenden Datennetzwerke gegen interne und externe Risiken wie Hackerangriffe erforderlich sind. Anders gesagt, die „Wertschöpfung“ der Branche müsste zunehmend als Teil des gesamtgesellschaftlichen Overheads (Gemeinkosten) betrachtet werden, der nichts zur Gesamtproduktivität beiträgt, sondern sie sogar verringert – bisher unnötige Kosten, die nun zusätzlich zu tragen sind.

Abschließend noch ein Beispiel für die Infografik-Expertise von Statistik Austria – die Darstellung der Entwickung der Arbeitsproduktivität unter “Wie geht’s Österreich?”.