Beruht „unser“ Reichtum auf der Armut des Südens?

Dass der Lebensstandard im Norden zur Gänze oder überwiegend auf der Ausbeutung bzw. Armut des Südens beruhe, ist ein hartnäckiger Irrglaube.

Dieser Irrglaube gehört zu den Mystifikationen im Bereich der Ökonomie, die mir seit langem „im Magen“ liegen und zu deren Beseitigung ich hier auch beitragen will (siehe Übersicht Ökonomie).

Dankenswerterweise hat Peter Wahl vom deutschen Informationsdienst WEED (Weltwirtschaft, Ökologie und Entwicklung) kürzlich eine Stellungnahme dazu verfasst (Leben wir auf Kosten der Dritten Welt?), deren Lektüre ich hiermit empfehle.

Ich habe den Text über die Mailingliste des Beigewum (Beirat für gesellschafts-, wirtschafts- und umweltpolitische Alternativen; Wien) erhalten. Bisher konnte ich keine Online-Version entdecken, daher führt der obige Link zu einer von mir erstellten html-Version des Textes auf dieser Website.

Peter Wahl nennt darin einige Komponenten des tatsächlich substanziellen Ressourcentransfers vom Süden in den Norden wie etwa den Verfall der Terms of Trade der Entwicklungsländer (des Verhältnisses der gewichteten Export- und Importpreise eines Landes), Nettotransfers über den Schuldendienst, Repatriierung von Profiten oder den Brain Drain (Emigration qualifizierter Arbeitskräfte in den Norden). Dass etwa der Verfall der Terms of Trade nicht nur die (historisch sinkenden) Rohstoffpreise betrifft, sondern nun auch Industrieprodukte aus Entwicklungsländern erfasst, stellte die UN-Konferenz über Handel und Entwicklung (UNCTAD) bereits in ihrem Trade and Development Report 1999 fest (siehe dazu und zum Schuldendienst meinen Südwind-Artikel Die Grenzen der Liberalisierung).

Alles zusammen kommt Wahl auf einen Betrag zwischen 400 und 800 Mrd. US-Dollar jährlich. Über die Quantifizierung der einzelnen Faktoren lässt sich sicher genauso streiten wie darüber, welcher Teil davon nun welchen Bevölkerungsgruppen zugute kommt, doch nicht über die Dimension: Es handelt sich um höchstens 3% des Bruttoinlandsprodukts der reichen Länder.

Selbst dieser Betrag dürfte überschätzt sein, denn einigen der genannten Komponenten stehen umgekehrte Ressourcenflüsse gegenüber: Den repatriierten Gewinnen etwa gehen ausländische Direktinvestitionen voraus, während die steigenden, überwiegend in US-Staatsanleihen investierten Währungsreserven der Entwicklungsländer (die einen Kapitalexport des Südens in den Norden darstellen) auch auf zuvor erzielten Überschüssen im Handel mit Waren und Dienstleistungen beruhen. Auch scheinen die Überweisungen von MigrantInnen in ihre Heimatländer im Süden nicht in die Rechnung eingegangen zu sein – und dabei dürfte es sich um weit mehr als 100 Mrd. US-Dollar jährlich handeln (siehe dazu auch meinen Südwind-Artikel Manna in der Wüste).

Sicher wird der Text Peter Wahls den Irrglauben über die unmoralischen Quellen unseres Wohlstands (von dem gerade im Norden eine wachsende Zahl von Menschen de facto ausgeschlossen wird, Stichwort „Prekarisierung“) nicht auslöschen; als Beitrag zur Versachlichung der Debatte ist er aber höchst brauchbar.

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