Konfusion im linken Spektrum

Wirtschaftsanalysen aus dem linken Spektrum, so richtig sie im Grunde oft sind, lassen immer wieder erstaunliche Wissensdefizite und Widersprüchlichkeiten erkennen. Zwei Beispiele finden sich etwa
in der letzten Ausgabe (7/8-2004) der Zeitschrift „Die Alternative“, herausgegeben von den Alternativen und Grünen GewerkschafterInnnen im ÖGB (www.ug-oegb.at).

Mit Interesse las ich die Artikel „Arbeitszeit: Darf’s a bisserl mehr sein?“ von Markus Koza sowie „Krise der Erwerbsarbeit“ von Josef Schmee, denen ich inhaltlich im Großen und Ganzen durchaus zustimme. Leider beinhalten beide erstaunliche Schnitzer bzw. Widersprüche.

Im ersten Fall geht es um den von der Arbeiterkammer (siehe AK Pressemeldung) festgestellten Umstand, dass 170 große österreichische Kapitalgesellschaften ihre Gewinnausschüttungen 2003 gegenüber dem Vorjahr um 9,5% auf 1,7 Mrd. Euro gesteigert haben (lassen wir einmal beiseite, dass im besagten Artikel stattdessen von 147 Mio. die Rede ist – das waren die 9,5%). Hervorgehoben wird, dass der ausgeschüttete Betrag die tatsächlich erwirtschafteten Gewinne um 0,8% übersteigt, die KapitaleignerInnen also zum Teil aus der Substanz der Unternehmen bedient werden. Tatsächlich einer Kritik wert.

Doch dann zieht der Autor die folgende Schlussfolgerung: „(…) da bleibt kein Cent für zukunftsfähige Investitionen, für Modernisierungen, neue Produktionstechniken.“ Hoppla: Investitionen sind ja gewinnmindernde Aufwendungen. Wäre in der Tat seltsam, wenn sich die für Investitionen verfügbaren Finanzmittel eines Unternehmen auf jenen Betrag beschränken würden, der sich im Jahresabschluss als „Gewinn nach Steuern“ ergibt. Genau das nimmt der Autor aber offensichtlich an.

Im zweiten Fall konstatiert der Nationalökonom Josef Schmee vorerst m.E. korrekt, dass sich heute die Arbeitslosigkeit selbst im konjunkturellen Aufschwung nicht mehr wesentlich verringert. Also obwohl die Wirtschaft wächst, nimmt die Beschäftigung kaum zu. Das führt Schmee auf einen Strukturbruch der kapitalistischen Gesellschaften zurück, genauer gesagt auf die durch den Konkurrenzkampf erzwungenen Produktivitätssteigerungen und Rationalisierungsinvestitionen – also auf beschleunigten technischen Fortschritt.

Gegen Ende seines Beitrags behauptet Schmee jedoch: „Ganz allgemein ist die hohe Arbeitslosigkeit nicht technologisch, sondern wachstumsbedingt.“ Also was jetzt? Zuerst ist die technologische Entwicklung schuld, und dann aber nicht, sondern vielmehr das fehlende Wachstum, das aber wie zuvor analysiert die Beschäftigung nicht mehr steigert? Rätselhaft.

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