Mikrokredite/Entwicklung: It’s finance, stupid

Die Expansion der Mikrofinanzbranche kann auch als Beleg der zentralen Rolle des Finanzsektors als Wachstumsmotor gerade in armen Ländern verstanden werden.

Über die Gründe des Erfolgs der Mikrofinanzbranche und ihre Innovationen existieren zahlreiche umfangreiche Analysen. Eine knappe Einführung bieten meine beiden Artikel von 1999 (Klein, aber oho) und 2004 (Zwischen Erfolg und Überschätzung). Kurz: Die Aktivitäten der Mikrofinanzbranche ermöglichen bestimmten, bisher unterversorgten Sektoren der Gesellschaft Zugang zu Investitionskrediten; damit beseitigen sie einen Engpass, der auf lokaler, aber auch regionaler Ebene als Wachstumsblockade wirkt.

Auch 2004 ist die Branche weiter rasch gewachsen, wie dem am 7. Dezember 2005 veröffentlichten neuen Bericht der Microcredit Summit Campaign entnommen werden kann. Ende 2004 hatten Mikrokreditorganisationen weltweit 92 Millionen KreditkundInnen, davon 66 Millionen unter den Ärmsten. Dies entspricht einem Zuwachs gegenüber dem Vorjahr von 14% bzw. rund 22%. Rechnet man im Schnitt vier Familienangehörige pro KreditnehmerIn hinzu, erweitert sich der Kreis der direkt Begünstigten auf rund 450 Millionen bzw. 300 Millionen Menschen. [Hier die Download-Adresse des Report 2005 (pdf, 764 kB).]

Zwar werden Mikrokredite und nach den selben Grundsätzen maßgeschneiderte Spar- und Versicherungsprodukte als wichtiges Instrument der Armutsbekämpfung betrachtet. Selten wird jedoch die Bedeutung dieses Ansatzes für die Analyse der Wachstumsprobleme ärmerer Länder überhaupt erkannt: Genauso wie der fehlende Zugang zu Krediten die Chancen ärmerer Bevölkerungsschichten vermindert, ihr Einkommen zu erhöhen, kann ein Versagen oder eine Disfunktionalität des Finanzsektors die Entwicklungschancen eines ganzen Landes blockieren. Denn die Finanzierung von Investitionen per Kreditschöpfung durch Banken bzw. den Finanzsektor ist eine unumgängliche Voraussetzung für wirtschaftliches Wachstum.

Schafft es der Finanzsektor eines Landes etwa nicht, kontinuierlich Investitionskredite zu vernünftigen Konditionen und in ausreichendem Umfang bereitzustellen, ob an den Staat oder an Unternehmen beliebiger Größenordnung, wendet sich der Blick zwangsläufig ins Ausland: Der Mythos, Entwicklungsländer müssten Auslandskapital importieren, weil ihre „Ersparnisse“ zu niedrig seien, steht nicht zuletzt mit einem Versagen des nationalen Finanzsektors in Zusammenhang (zu diesem Mythos bzw. Trugschluss siehe meinen Text Ersparnisse und Investitionen).

Tatsache ist jedoch, dass eine Investition, sofern durch einen Bankkredit finanziert, automatisch von so genannten „Ersparnissen“ in gleicher Höhe begleitet wird: Insofern schaffen die Investitionen die Ersparnisse und nicht die Ersparnisse die Investitionen (wieso das so ist, versuche ich unter rätsel geldschöpfung zu erklären.) Insofern ist ein Mangel an „Geld“ – eigentlich „Kredit“ – in ärmeren Ländern unter aktuellen Verhältnissen eigentlich das geringste Problem.

Klar: die Investitionsbereitschaft kann zu gering sein. Da es in ärmeren Ländern jedoch gewaltigen ungedeckten Bedarf an privaten Gütern (Konsum) und Infrastruktur (etwa Gesundheits- und Bildungseinrichtungen, Verkehrsystem, Energieversorgung, Telekommunikation etc.) gibt, kann es nicht an den fehlenden Investitionschancen liegen. Zu geringe Investitionen sollten nur vorübergehend (abhängig von internen und externen Konjunkturzyklen) oder im Rahmen politischer Krisen (zunehmende Risken) ein Problem sein.

Sind daher in ärmeren Ländern oder Regionen längerfristig niedrige oder gar sinkende Investitionsquoten festzustellen, wäre es angebracht, sich den jeweiligen Finanzsektor näher anzusehen: Mit hoher Wahrscheinlichkeit läuft dort etwas falsch. Das kann an externen oder internen Ursachen oder an beidem zugleich liegen.

Ein Beispiel für externe Ursachen niedriger Investitionsquoten ist das internationale Regime, dem Entwicklungsländern im Gefolge der Schuldenkrise der 1980er Jahre unterworfen wurden. Voraussetzung dafür war eine Internationalisierung der Kapitalmärkte: Insbesondere US-Banken exportierten in den 1970er Jahren überschüssige Petrodollars zu unschlagbar niedrigen Zinsen an opportunistische politische Eliten in Entwicklungsländern, die die Risken einer Auslandsverschuldung großzügig missachteten.

Asienkrise: Zuviel Kredit
Auch die Finanzkrise der asiatischen „Tiger“-Staaten 1997/98 resultierte aus einem Versagen des Finanzsektors. Hier wurde aber nicht zu wenig Kredit vergeben, sondern zu viel – anstatt produktiver Investitionen wurde eine Spekulationsspirale auf Aktien- und Immobilienmärkten finanziert. Gemeinsames Merkmal beider Schuldenkrisen war allerdings das niedrigere Zinsniveau im Ausland (USA, Europa), womit der Anreiz zur Auslandsverschuldung gegeben war. Siehe u.a. Tiger in der Falle (Februar 1998)

Nach dem Zusammenbruch der öffentlichen Finanzen wurde unter Aufsicht der Internationalen Finanzinstitutionen ein Regime für die Schuldnerländer eingerichtet, das den Bedarf an Auslandskapital von einer theoretischen Fiktion in eine perverse Realität verwandelte: Um den in Devisen zu leistenden Schuldendienst zu finanzieren, muss nicht nur ein Exportüberschuss erzielt, sondern darüber hinaus noch Kapital importiert werden. Pervers auch deshalb, weil das importierte Kapital keineswegs irgendwelche fehlenden „Ersparnisse“ ersetzt, sondern entweder postwendend oder später in Form repatriierter Profite wieder in den Norden verschwindet.

Gleichzeitig wurden mit wenigen Ausnahmen die Wechselkurse freigegeben und der Kapitalverkehr liberalisiert. Damit kommt jedoch dem Leitzinssatz auch die Funktion zu, das aufgrund des Schuldendienstes prekäre außenwirtschaftliche Gleichgewicht der betroffenen Länder aufrechtzuerhalten, anstatt als Parameter zur Steuerung der Kreditschöpfung im eigenen Land zur Verfügung zu stehen. Der Leitzinssatz ist deshalb in der Regel zu hoch – das ist insbesondere in Brasilien der Fall. Heute ist dieser Zinssatz mit real 13% (nominell 18,5%) sogar höher als vor drei Jahren beim Amtsantritt Lulas (Quelle: Banco Central do Brasil).

[Zur Zinspolitik in Brasilien siehe auch meinen Artikel Quo vadis, Lula? (Dezember 2002).]

Unter diesen Umständen ist der inländische Finanzsektor zwar profitabel („gesund“), kann aber seine Rolle als Kreditgeber der nationalen Wirtschaft nur beschränkt erfüllen. Stattdessen verschulden sich zumal brasilianische Großunternehmen per Emission von Dollaranleihen im Ausland, weil dafür trotz „Riskoprämie“ weit geringere Zinsen zu bezahlen sind. Das perpetuiert das Problem mit der Leistungs- und Kapitalbilanz und macht anfällig für Zinserhöhungen im Ausland, die nichts mit der eigenen Konjunktur zu tun haben – ein Teufelskreis.

Mit diesem Regime wurde also über den Finanzsektor in allen betroffenen Ländern eine je nach Fall mehr oder weniger starke, permanente Wachstumsblockade installiert. Brasilien etwa erzielt zwar (nicht zuletzt wegen hoher Rohstoffpreise) derzeit Wachstumsraten von 3-4%, aber eigentlich müssten 7-8% wie in Indien oder mehr möglich sein.

Hohe Kreditzinsen sind eine dem Finanzsektor gleichsam „aufgepropfte“, letztlich externe Wachstumsblockade. Oft sind aber „interne“ Blockaden, die nichts mit den Leitzinsen zu tun haben, weit wichtiger und viel schwieriger in den Griff zu bekommen. Im Wesentlichen geht es dabei um strukturelle Merkmale des Finanzsektors, die einem großen Teil potenzieller Investoren verunmöglichen, zu vernünftigen Konditionen Kredit aufzunehmen.

Es kann etwa sein, das das Bankensystem im Wesentlichen eine beschränkte Klientel bedient, die einer staatlichen oder privaten Elite entstammt und insofern keinen Anreiz hat, sich um andere Kunden zu bemühen (von deren Kreditwürdigkeit die Banken dann zumeist ohnehin keine Ahnung haben). Fast überall zu beobachten ist jedoch der Ausschluss des informellen Sektors, der in vielen Entwicklungsländern 50% oder mehr des Bruttoinlandsprodukts erwirtschaftet. Einer der Gründe, warum Unternehmen aus diesem Sektor keinen oder nur unzureichenden Kredit erhalten, ist die fehlende Exekutierbarkeit der Sicherheiten, über die sie verfügen.

Dieses Problem, argumentiert der peruanische Ökonom Hernando de Soto, könnte durch eine Formalisierung der Vermögenswerte im informellen Sektor beseitigt werden. Nach Schätzungen des von de Soto gegründeten Institute for Liberty and Democracy in Lima/Peru dürfte allein das Vermögen an offiziell nicht registrierten Immobilien (Wohnungen, Häuser, Anbau- und Weideflächen) Ende der 1990er Jahre rund 9.300 Mrd. US-Dollar wert gewesen sein. [Siehe dazu auch meinen Artikel Wider die ökonomische Apartheid für das Südwind-Magazin (Juni 2005).]

Hohe Investitionsquoten und hohe Wachstumsraten beruhen auf der Fähigkeit des Finanzsektors eines Landes, seiner Rolle als Wachstumsmotor gerecht zu werden. Diese Funktionsfähigkeit herzustellen sollte m.E. ein zentrales Ziel der Wirtschaftspolitik in ärmeren Ländern sein – entsprechende Veränderungen im externen Umfeld, sofern erforderlich, inbegriffen (etwa Entschuldung, Kapitalverkehrskontrollen). Oder kurz gesagt: It’s finance, stupid.

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