Sparaufruf Bartensteins: Grober Unfug

Pünktlich zum Weltspartag rief Wirtschaftsminister Martin Bartenstein (VP) zu einer Anhebung der nationalen Sparquote auf (siehe Artikel im Standard). Genau genommen sollte sie von 8,4% (2003) auf 10%, den Durchschnitt der Eurozone steigen, meinte Bartenstein. Wozu das gut sein soll, verschwieg er uns allerdings – offenbar zur Charakterbildung, denn Sparen sei „allemal eine Tugend“, wie uns der Minister wissen ließ.

Das Fehlen einer Begründung ist jedoch kein Wunder: Derartige Aufrufe zu vermehrtem Sparen sind in der aktuellen gesamtwirtschaftlichen Situation grober Unfug. Der einzige Sektor, der davon unmittelbar profitiert, ist die Finanzbranche – also Banken, Versicherungen, Immobiliengesellschaften sowie Investitions- und Pensionsfonds jeder Spielart.

Warum ist das so? Sparen ist, entgegen Bartensteins Gefasel von „Tugend“, grundsätzlich ein Problem. Denn nichts garantiert, dass die „gesparten“ Mittel irgendwelche positiven wirtschaftlichen Effekte auslösen – abgesehen von dem privaten Nutzen einer „Vermögensbildung“. Hierzulande wird unter „Sparquote“ jener Teil des verfügbaren Nettoeinkommens der privaten Haushalte verstanden, der nicht für Konsumzwecke ausgegeben wird, sondern auf Giro- und Sparkonten eingezahlt, in Finanzanlagen wie Aktien, Anleihen, Fondsanteile oder in Lebensversicherungen oder den Erwerb von Wohnungseigentum gesteckt wird.

Werden Finanzanlagen erworben, wechselt das Geld im Allgemeinen bloß den Eigentümer – was die Verkäufer dieser Wertpapiere damit tun, ist nicht absehbar: Erstemissionen von Anleihen oder Aktien, deren Erlös für Investitionen in die Realwirtschaft verwendet wird, repräsentieren nur einen kleinen Anteil (siehe u.a. Mehr Parfüm als Substanz zum Nutzen des „ethischen Investierens“). Nutznießer sind die „Vermittler“ dieser Geschäfte, die dafür teils saftige Gebühren kassieren. Ähnliches gilt für den Erwerb bereits errichteten Wohnraums – auch hier findet bloß ein von zahlreichen Gebühren belasteter Eigentumswechsel statt, und auch hier weiß niemand, was mit den Mitteln weiter passiert. Um nicht auszuufern, verzichte ich hier auf eine Diskussion des volkswirtschaftlichen Sinns und Unsinns steigender Preise von Vermögenswerten wie Aktien und Immobilien.

Der Effekt der bisher behandelten „Sparformen“ auf die gesamtwirtschaftliche Nachfrage ist also bestenfalls neutral. Besonders problematisch ist jedoch jener Teil des „Gesparten“, der sich in Gutschriften auf Giro- oder Sparkonten verwandelt. Diese Mittel fehlen dem Wirtschaftskreislauf und sind nur durch Mittel ersetzbar, die in Form verzinslicher Kredite zur Verfügung gestellt werden. Diese Kreditaufnahme erfolgt jedoch keineswegs automatisch, sondern nur dann, wenn eine entsprechende Verschuldungs- und Investitionsbereitschaft der Unternehmen existiert.

Nun weist aber die Konsumnachfrage in Österreich, die rund 60% des Bruttoinlandsprodukts ausmacht, nur minimale Zuwachsraten auf (2003: real +0,6%, siehe Pressemeldung Statistik Austria vom 8.10.2004) und fehlt daher als Wachstumsmotor. Sparaufrufe á la Bartenstein sind daher völlig widersinnig. Was die Unternehmen brauchen, sind Aussichten auf nachhaltige Nachfragesteigerungen. Höhere Guthaben auf Giro- und Sparkonten helfen ihnen nicht. Weiß Bartenstein überhaupt, was er tut?

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