WTO/Doha: Gehirnwäsche und Abhilfe

Die Vermarktung der Doha-Runde der WTO als eine Art Wundermittel gegen die Armut wird vor der Ministerkonferenz in Hongkong immer penetranter. Nachfolgend u.a. Links zu Lesestoff, der Abhilfe bringen kann.

Nicht zuletzt als Abonnent und regelmäßiger Leser der World Bank Press Review, einer per E-Mail verbreiteten (werk-)täglichen Presseschau aus dem (nunmehrigen) Hause Wolfowitz, bin ich einer überdurchschnittlich hohen Dosis an Pro-Doha-PR ausgesetzt. Zu meinem Leidwesen. Etwa beleidigt die bis zum Erbrechen wiederholte Darstellung eines möglichen weltweiten Wohlfahrtsgewinns von 300 Mrd. US-Dollar als “enorm” einfach meinen Verstand – ungeachtet meiner an sich durchaus differenzierten Ansicht zu der entwicklungspolitischen Sinnhaftigkeit einer Liberalisierung des Welthandels.

Nur zum Vergleich: Nach dem World Economic Outlook des Internationalen Währungsfonds vom vergangenen September wird die Weltwirtschaft 2005 um 4,3% wachsen – das sind allein bereits mehr als 1.700 Mrd. Dollar. Die 300 Doha-Milliarden sind dagegen erstens ein Maximum aus einer völligen Liberalisierung des Warenhandels (was die Doha-Runde nicht schaffen wird) und würden außerdem erst 2015 in voller Höhe realisiert werden. Auf die Entwicklungsländer entfielen davon übrigens bloß 90 Mrd.!

Sofern das überhaupt so ist. Diese um die Welt geisternden Zahlen sind Daten, die auf Basis des von der Weltbank verwendeten LINKAGE-Modells errechnet wurden. Die aktuellen Prognosen sind erstens um das Dreifache niedriger als früher (2003), zweitens kommen andere Modelle zu weit niedrigeren Zahlen und drittens sind die Modelle selbst fragwürdig – auch ohne das Problem der Missachtung externer Kosten (Umweltkosten z.B.).

Einen guten Background dazu liefert das Paper The Shrinking Gains from Trade: A Critical Assessment of Doha Round Projections von Franz Ackermann (Oktober 2005; pdf, 136kB), eine Publikation des Global Development and Environment Institute der Tufts University in Medford, Massachussetts. Die Berechnung von Wohlfahrtsgewinnen aus der Liberalisierung des Dienstleistunghandels ist noch schwieriger – und fragwürdiger, wie ebenfalls dem Paper entnommen werden kann.

Selbst auf Basis der alten, viel höheren Prognosen kamen Marc Weisbrot und Dean Baker vom Washingtoner Center for Economic and Policy Research (CEPR) 2002 zum Schluss, dass allein die Kosten der Umsetzung des TRIPS-Abkommens (Link zu einem kleinen, internen WTO-Glossar) und der Akkumulierung höherer Devisenreserven durch die Entwicklungsländer die hypothetischen Wohlfahrtsgewinne aus der Liberalisierung des Warenhandels übersteigen könnten. Der Link zur Studie: The Relative Impact of Trade Liberalization on Developing Countries.

Mit Hilfe dieser beiden Studien ist es m.E. möglich, ein etwas entspannteres Verhältnis zu den laufenden WTO-Verhandlungen zu gewinnen. Wozu ich hiermit hoffe, beigetragen zu haben.

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