[14.3.2004]

bubble trouble

Trotz Mindestreservesätzen und Eigenkapitalvorschriften kann die Geld-/Kreditschöpfung durch das Bankensystem und andere Finanzmarktinstitutionen zu einer Überschuldung einer Volkswirtschaft führen, deren Rückführung auf ein mit den langfristigen Wachstumsaussichten kompatibles Ausmaß mit erheblichen wirtschaftlichen und sozialen Kosten verbunden ist.

Eine solche Situation - Überschuldung - besteht nach Ansicht einiger ÖkonomInnen und AnalystInnen insbesondere in den USA und in geringerem Ausmaß in der Europäischen Union. Meiner persönlichen Ansicht nach ist auch China in Gefahr - mit dem Unterschied, dass dort die Kreditexpansion den Aufbau überschüssiger Produktionskapazitäten, in den USA aber einen Immobilienboom und einen Konsumexzess finanziert hat. Im letzteren Fall wird dieser Zustand oft als "bubble economy" ("Blasenökonomie") bezeichnet: Einem Großteil der zusätzlich akkumulierten Schulden (= Geld) stehen keine zusätzlichen, profitablen Produktionskapazitäten gegenüber, sondern nur entsprechend höhere Preise von Vermögenswerten wie Aktien und/oder Immobilien.

Japan hat in den späten 1980er Jahren vorgezeigt, wie man in eine solche Falle gerät, und wie schwierig es in der Folge sein kann, wieder herauszukommen. Ein grundlegendes Phänomen der Entwicklung ist eine inflationäre Entwicklung der Preise von Vermögenswerten ("asset price inflation"): Die rasche Expansion der Geldmenge/der Kreditschöpfung bewirkt keine Preissteigerung bei Waren und Dienstleistungen, sondern führt stattdessen zu rasch steigenden Preisen von Immobilien und Aktien.

Da diese Vermögenswerte als Kreditsicherheit akzeptiert wurden, konnte ein Prozess in Gang gesetzt werden, bei dem Schulden und das entsprechende, nur auf dem Papier bestehende "Vermögen" beinahe grenzenlos in die Höhe getrieben werden konnte.

Die Blase in Japan platzte schließlich Anfang der 1990er Jahre, aber das Problem mit den "faulen" (notleidenden) Krediten der japanischen Banken ist nach wie vor nicht gelöst. Zwar konnte die Weltwirtschaft bisher die negativen oder sehr geringen Wachstumsraten in Japan verkraften. Sollte aber etwas Ähnliches in den USA passieren, dem wichtigsten globalen Konjunkturmotor, wäre das wahrscheinlich zu viel. Bisher hat es der Chef des US-Notenbanksystems (Federal Reserve), Alan Greenspan, geschafft, die US-Wirtschaft mit negativen Realzinsen über Wasser zu halten. Sobald diese Zinsen jedoch scharf angehoben werden, etwa um einen Verfall des Dollarkurses und die in der Folge importierte Inflation zu bekämpfen, wird sich die wahre wirtschaftliche Lage herausstellen. Meine Vermutung: Das wird nicht gerade angenehm sein - weder für die USA noch für den Rest der Welt.

Nachtrag
Auch einige Jahre nach dem Platzen der US-Immobilienblase wird in Medien immer wieder berichtet, dass die Krise von den meisten Ökonomen nicht vorhergesehen wurde.

Mein liebstes Zitat in diesem Zusammenhang: "I really didn't get it until very late in 2005 and 2006". Es stammt von Ex-Fed-Chef Alan Greenspan aus einem Interview im September 2007 mit dem Sender CBS über seine Wahrnehmung der Vergabepraktiken im US-Hypothekarkreditgeschäft und deren potenzielle Auswirkungen auf die Wirtschaft.

Für mich ist diese angebliche Unvorhersehbarkeit ein nach wie vor ungelöstes Rätsel. Meines Erachtens hätte es allein ausgereicht, sich die Entwicklung der Gesamtverschuldung in der US-Wirtschaft sowie der Sparquote der privaten US-Haushalte anzusehen, um "Alarmstufe Rot" auszugeben, wie die beiden nachstehenden Grafiken illustrieren. Die Gesamtverschuldung hatte bereits Anfang des Jahrtausends den bisherigen Höchststand aus den 1930er Jahren überschritten, und die private Sparquote war bereits negativ.

Die beiden Kennzahlen gehören zu den Daten, die ich in meinem ausführlichsten Kommentar zur Schuldenkrise in den USA herangezogen habe - Schulmeister auf Abwegen?









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Letzte Änderung: 10 05 2017


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