Ein allgemeines Missverständnis besteht darin, (unser) Geld als etwas Dingliches zu betrachten, dass von Hand zu Hand geht, auf Bankkonten deponiert und von dort wieder entnommen wird, in Geldspeichern á la Dagobert Duck aufbewahrt wird usw. Das ist wahrscheinlich ein Erbe der Vergangenheit: Mehrere hundert Jahre lang und in den verschiedensten Regionen der Welt bestand das verwendete Geld aus Münzen aus Metall, auch aus Edelmetallen wie Silber und Gold. Geld wurde daher als etwas Materielles aufgefasst, das einen ihm innewohnenden Wert hat, und es wurde angenommen, dass die Geldmenge nur zunehmen kann, wenn etwa mehr Gold und Silber abgebaut oder einfach von anderswo (z.B. aus Nord- und Südamerika) herbeigebracht wird.
Wenn man versteht, dass Geld ein Paar aus Forderungen und Verbindlichkeiten repräsentiert, ist es vielleicht einfacher, auch zu verstehen, dass Banken Geld "aus dem Nichts" schöpfen können, wie es oft heißt. Man braucht sich nur zu vergegenwärtigen, wie ein Vertrag zwischen zwei Parteien zustande kommt: Die Rechte und Pflichten beider Seiten werden festgehalten - man braucht gerade mal ein Stück Papier und oft nicht einmal das, es geht auch mündlich - und ab diesem Moment sind diese Rechte und Pflichten, die vorher nicht existiert haben, völlig real und durchsetzbar (ein entsprechendes Rechtssystem vorausgesetzt natürlich).
Geldschöpfung per Kreditvertrag funktioniert im Prinzip genauso - bloß werden die vereinbarten Rechte und Pflichten in der Maßeinheit "Geld" ausgedrückt. (Zum Verhältnis von Ökonomie und Gesellschaft siehe auch das Textfragment Markt vs. Staat.)
Wenn alles Geld Schulden repräsentiert, bliebe übrigens - rein theoretisch - kein Geld übrig, wenn alle derartigen Verpflichtungen eingelöst, also alle "Schulden" bezahlt würden. Nur ist eine Gesellschaft a priori ein System wechselseitiger Verpflichtungen zwischen ihren Mitgliedern; gibt es keine derartigen Verpflichtungen, haben wir es nicht mit einer Gesellschaft, sondern nur mit einer Ansammlung voneinander isolierter Einzelpersonen zu tun.
Auch das von einer Notenbank geschaffene Bargeld, das "eigentliche" Geld des Staates, könnte durchaus analog auf einen stillschweigenden (impliziten) Vertrag zwischen den BürgerInnen und dem Staat als symbolischen Repräsentanten ihrer allgemeinen oder "öffentlichen" Interessen zurückgeführt werden. Das wäre gewissermaßen ein Vertrag der Gesamtheit der BürgerInnen mit sich selbst. [Weitere Ausführungen dazu geplant!]
Es stimmt zwar, dass Banken keine zusätzlichen Einlagen brauchen, um einen zusätzlichen Kredit zu vergeben. Es verhält sich genau anders herum: Denn der einem Kreditnehmer von einer Bank auf sein Konto gutgeschriebene Betrag wird ja vom Kunden abgehoben und ausgegeben - und verwandelt sich unweigerlich früher oder später in Einlagen bei anderen Banken oder sogar der selben Bank.
Sie benötigen aber jedenfalls eine angemessene Sicherheit, dass die gerade geschaffene Forderung der Bank vom Schuldner auch vertragsgemäß beglichen wird. Diese Sicherheit kann ein bereits vorhandener Vermögenswert des Schuldners (etwa ein Grundstück) gewährleisten, aber auch sein zukünftiges Einkommen. In den USA etwa ist die Hypothek auf das Haus die wichtigste Finanzierungsquelle für die Neugründung eines Unternehmens.
Wie wir jedoch alle wissen, kann die Zukunft negativer ausfallen als erwartet, und der Wert des Grundstücks, das als Sicherheit dient, kann sinken. Dann wird der Kredit nicht zur Gänze oder vielleicht überhaupt nicht zurückgezahlt werden, der Erlös aus dem Verkauf des beschlagnahmten Vermögenswerts wird zu gering ausfallen, und die neu geschaffene Forderung, also das per Kredit geschaffene Geld wird sich zumindest zum Teil in Nichts auflösen - aus dem es ja auch entstanden ist.
Nächster Teil: Geldschöpfung, ein zweischneidiges Schwert.