zweischneidiges schwert
Die Geldschöpfung, ob durch den Staat, die Banken oder andere Teile des Finanzsystems, ist und war stets ein zweischneidiges Schwert.
Einerseits kann man per Geldschöpfung eine Wirtschaft vor einer Deflation retten (die Preise von Waren und Dienstleistungen sinken, weil zuwenig Geld ausgegeben wird) und für rascheres Wirtschaftswachstum sorgen, indem mehr Kredit bereitgestellt wird. Andererseits, sofern Regierungen oder das Finanzsystem damit Unfug treiben, kann man u.U. eine galoppierende Inflation auf Waren- und Dienstleistungsmärkten (immer mehr Geld jagt mit zunehmender Umlaufgeschwindigkeit ein Angebot von Waren und Dienstleistungen, das mit der durch rasch steigende Preise angekurbelten Nachfrage nicht Schritt hält), aber auch Vermögensmärkten herbeiführen (Aktien- oder Immobilienspekulation).
Auf den ersten Blick sieht es so aus, als ob Schuldner bei einer Deflation verlieren und von einer Inflation profitieren würden; für die Kreditgeber gilt Gegenteiliges. Verschuldete Regierungen haben daher einen Anreiz, einfach Geld zu drucken oder auf andere Weise die Geldmenge auszuweiten, um ihre Schulden "weg zu inflationieren". Letzten Endes würden aber beide Seiten verlieren: Können Schuldner ihre Schulden nicht bezahlen, müssen die Kreditgeber auf ihre Forderungen verzichten, und wenn die Forderungen der Kreditgeber durch die Inflation täglich an Wert verlieren, drehen sie vielleicht den Kredithahn überhaupt zu - ein ernste wirtschaftliche Krise wäre in jedem Fall die Folge.
Daher ist es heute den meisten Notenbanken untersagt, Regierungsausgaben direkt zu finanzieren, etwa durch Betätigung der Notenpresse, und die Geld-/Kreditschöpfung durch die Banken wird durch Mindestreservesätze und Bestimmungen über eine angemessene Kapitalausstattung beschränkt.
Der vorgeschriebene
Mindestreservesatz ist ein Prozentsatz bestimmter Verbindlichkeiten der Banken, den sie in Bargeld auf einem Konto bei der Zentralbank zinslos deponieren müssen;
angemessene Kapitalausstattung wiederum bedeutet, dass das Eigenkapital der Banken einen bestimmten Prozentanteil ihrer ausstehenden Forderungen nicht unterschreiten darf.
Umgehung der Eigenkapitalschranke
Banken können die Kreditexpansion durch "Verbriefung" von Kreditforderungen weitertreiben, wie das folgende Beispiel zeigt:
IKB verbrieft Mittelstandskredite über 1,8 Mrd EUR
Donnerstag 15. Dezember 2005, 13:33 Uhr
DÜSSELDORF (Dow Jones)-- Die IKB Deutsche Industriebank AG, Düsseldorf, hat mit der KfW Bankengruppe eine Verbriefungstransaktion über 1,8 Mrd EUR abgeschlossen. Das verbriefte Kreditportfolio bestehe aus 879 Darlehen, die die IKB an insgesamt 631 Mittelständler vergeben habe, teilte das Institut am Donnerstag mit. Ihre Laufzeit betrage bis zu 7 Jahre, die Kreditobergrenze liege bei 13 Mio EUR. Die Deutsche Bank habe die Transaktion arrangiert und platziert.
Bei der Verbriefung übernimmt die KfW das Ausfallrisiko von der IKB. Dieses Risiko wird dann gleichzeitig am internationalen Kapitalmarkt platziert. Damit entlastet die IKB ihr Eigenkapital und verschafft sich Raum für neues Kreditgeschäft mit dem Mittelstand.
Sofern diese "Bremsen" eine inflationäre Ausweitung der Geldmenge nicht effektiv verhindern (Umgehungsmöglichkeiten existieren etwa durch die Umwandlung von Kreditforderungen in handelbare Wertpapiere - "Verbriefung", siehe Beispiel im Kasten;
außerdem gibt es Kredit- bzw. Geldschöpfungsmöglichkeiten außerhalb des regulierten Bankensystems), kann die Notenbank natürlich z.B. die Realzinsen erhöhen (d.h. Zinssatz nach Abzug der Inflation), um die Kreditschöpfung bzw. Verschuldung unattraktiv zu machen. Aber Notenbanken werden davor vielleicht zurückschrecken, weil sie damit riskieren könnten, eine wacklige, bereits hochverschuldete Wirtschaft in eine tiefe Rezession zu treiben.
bubble trouble
Eine solche Situation besteht nach Ansicht einiger ÖkonomInnen und AnalystInnen insbesondere in den USA und in geringerem Ausmaß in der Europäischen Union. Meiner persönlichen Ansicht nach ist auch China in Gefahr - mit dem Unterschied, dass dort die Kreditexpansion den Aufbau überschüssiger Produktionskapazitäten, in den USA aber einen Immobilienboom und einen Konsumexzess finanziert hat. Im letzteren Fall wird dieser Zustand oft als "bubble economy" ("Blasenökonomie") bezeichnet: Einem Großteil der zusätzlich akkumulierten Schulden (= Geld) stehen keine zusätzlichen, profitablen Produktionskapazitäten gegenüber, sondern nur entsprechend höhere Preise von Vermögenswerten wie Aktien und/oder Immobilien.
Japan hat in den späten 1980er Jahren vorgezeigt, wie man in eine solche Falle gerät, und wie schwierig es in der Folge sein kann, wieder herauszukommen. Ein grundlegendes Phänomen der Entwicklung ist eine inflationäre Entwicklung der Preise von Vermögenswerten ("asset price inflation"): Die rasche Expansion der Geldmenge/der Kreditschöpfung bewirkt keine Preissteigerung bei Waren und Dienstleistungen, sondern führt stattdessen zu rasch steigenden Preisen von Immobilien und Aktien. Da diese Vermögenswerte als Kreditsicherheit akzeptiert wurden, konnte ein Prozess in Gang gesetzt werden, bei dem Schulden und das entsprechende, nur auf dem Papier bestehende "Vermögen" beinahe grenzenlos in die Höhe getrieben werden konnte.
Die Blase in Japan platzte schließlich Anfang der 1990er Jahre, aber das Problem mit den "faulen" (notleidenden) Krediten der japanischen Banken ist nach wie vor nicht gelöst. Zwar konnte die Weltwirtschaft bisher die negativen oder sehr geringen Wachstumsraten in Japan verkraften. Sollte aber etwas Ähnliches in den USA passieren, dem wichtigsten globalen Konjunkturmotor, wäre das wahrscheinlich zu viel. Bisher hat es der Chef des US-Notenbanksystems (Federal Reserve), Alan Greenspan, geschafft, die US-Wirtschaft mit negativen Realzinsen über Wasser zu halten. Sobald diese Zinsen jedoch scharf angehoben werden, etwa um einen Verfall des Dollarkurses und die in der Folge importierte Inflation zu bekämpfen, wird sich die wahre wirtschaftliche Lage herausstellen. Meine Vermutung: Das wird nicht gerade angenehm sein - weder für die USA noch für den Rest der Welt. (14.3.2004)
(Fortsetzung geplant)