Milliarden Erden in der Milchstraße: Bad news

Je mehr Anzeichen für die Wahrscheinlichkeit extraterrestrischen Lebens, und je höher die Entwicklungsstufe dieses Lebens, desto schlimmer für uns - zumindest auf Basis pessimistischer Erklärungen des Fermi-Paradoxons.

Die Exobiologie befasst sich u.a. mit der Möglichkeit der Entstehung und Existenz von außerirdischem "Leben" - unter Anführungszeichen, weil es m.W. keine allgemein anerkannte exakte Definition dessen gibt, was als "Leben" zu betrachten ist und was nicht.

Jüngste Analysen von Daten des Kepler Weltraumteleskops (2013) legen nahe, dass es allein in unserer Galaxis Milliarden erdähnlicher Planeten gibt - beeindruckend visuell dargestellt auf einer Webpage des NewScientist (siehe Kasten links: "How Many Earths?").

Dabei ist noch nicht einmal berücksichtigt, dass die Einschränkung der Suche nach Leben auf eine "habitable zone" im Orbit um eine Sonne, ausgehend von einem Temperaturbereich, in dem Wasser flüssig ist, Möglichkeiten außerirdischen Lebens im Untergrund von Planeten oder Monden ausschließt, wie sie z.B. in unserem eigenen Sonnensystem für möglich gehalten werden (siehe u.a. Enceladus, Titan, Europa).

Für mich sind diese Milliarden möglicher "Erden" insofern eine positive Nachricht, als ich in meiner Jugend Unmengen von Science fiction verschlungen habe, darunter hunderte Hefte der noch immer erscheinenden Perry Rhodan-Serie. Die Annahme, Leben auf der Erde sei einzigartig im Universum ("Rare Earth hypothesis"), erschien mir daher als äußerst unwahrscheinlich.

Damals hatte ich aber noch nichts vom so genannten Fermi-Paradox (Link zum englischen, ausführlicheren Wikipedia-Eintrag) gehört. Denn je unwahrscheinlicher die Einzigartigkeit des Lebens auf der Erde, desto wahrscheinlicher werden auch die aus unserer Sicht eher deprimierenden Erklärungen für das besagte Paradoxon.

Das Paradoxon ergibt sich allerdings erst aufgrund bestimmter Annahmen. Eine zentrale darunter ist eben, dass sich Leben in allen möglichen Sonnensystemen entwickeln kann - und dafür spricht nun die große Zahl potenziell erdähnlicher Planeten. Damit steigt auch die Wahrscheinlichkeit der Existenz intelligenter Lebensformen.

Nun zum Pudels Kern: Unsere Sonne ist ein relativ junger Stern, und insofern müssten wir Menschen "Newcomer" sein. Allfällige extraterrestrische Zivilisationen wären also viel älter als unsere und hätten die Milchstraße im Verlauf von zig-Millionen Jahren trotz der Schranke der Lichtgeschwindigkeit und der enormen Entfernungen schon längst kolonisieren können (wobei im Fermi-Paradoxon angenommen wird, dass sie das auch tun würden).

Die Menschheit ist bisher jedoch noch auf keine handfesten Anzeichen extraterrestrischer Intelligenz gestoßen, wenn wir von UFO-Sichtungen, Verschwörungstheorien und Spekulationen wie jener Erich von Dänikens absehen. Wie lässt sich dieser - als paradox, widersprüchlich wirkender - Sachverhalt erklären?

Die einfachste Erklärung ist natürlich, dass, ungeachtet der Milliarden potenzieller Erden, die Menschheit als äußerst seltener Zufall zu betrachten ist. Soll heißen, wir sind wirklich allein.
Dass diese These für sehr plausibel gehalten wird, beruht m.E. allerdings zum Teil auf einem logischen Trugschluss - nur deshalb, weil es auf Basis unseres Wissens über die Entwicklung des Lebens auf der Erde offenbar enormer Zufälle, also höchst unwahrscheinlicher Ereignisfolgen bedurfte, um unsere Biosphäre hervorzubringen, lässt sich nicht ableiten, dass die Entwicklung von Leben überhaupt äußerst unwahrscheinlich wäre - unwahrscheinlich ist lediglich, dass es sich anderswo exakt gleich entwickelt. Mehr können wir mangels Information über den Rest des Universums nämlich nicht sagen.
Wir kennen nur das Einzelereignis, und das erscheint unwahrscheinlich, ebenso wie ein beliebiger Autounfall, in den man verwickelt wird - die Ereignisfolgen, die exakt zu einem bestimmten, einzelnen Unfall führen, sind höchst komplex und unwahrscheinlich. Tatsächlich sind Autounfälle aber weit häufiger, wie wir aus Unfallstatistiken wissen. Im Fall von Exoplaneten haben wir aber keine Statistiken, um unseren Eindruck von "Unwahrscheinlichkeit" zu korrigieren.


Diese Annahme wird nicht allen gefallen. Das Problem ist aber, dass dann vor allem die von mir so bezeichneten deprimierenden Lösungen übrig bleiben, denn für sie spricht auch das "Ockham'sche Rasiermesser" (sie kommen mit den wenigsten Annahmen aus). Die laufen kurz auf eines hinaus: Intelligente Lebensformen werden mit hoher Wahrscheinlichkeit durch natürliche Katastrophen ausgelöscht oder, noch schlimmer, zerstören sich selbst, bevor sie die Fähigkeit zu interstellarem Reisen und interstellarer Kommunikation entwickeln. Daher sind uns auch noch keine fremden Intelligenzen begegnet, obwohl sie da (gewesen) sein müssen.

Woraus folgt, dass auch die Chancen der Menschheit, lange genug zu überleben, um auf interstellare Reisen zu gehen, äußerst gering oder eigentlich gleich Null sind. Wir werden also wieder verschwinden. Und je optimistischer man die Geschwindigkeit der technologischen Entwicklung einschätzt, desto zeitlich näher wäre das Ende der Menschheit zu erwarten - vielleicht schon in weniger als hundert Jahren ...

Das Thema ist Gegenstand eines Interviews mit dem schwedischen Philosophen Nick Bostrom, veröffentlicht auf Youtube (Nick Bostrom on the Fermi Paradox ). Im Gespräch kommt auch die Suche nach Leben in unserem Sonnensystem zur Sprache. Was, wenn man auf dem Mars Spuren von Leben finden würde, fragt der Gesprächspartner Bostroms? "That would be bad news", so Bostrom.

Der "große Filter" (zur Erklärung des Fermi-Paradoxons) befindet sich entweder zwischen keinem Leben und uns, so Bostrom, oder zwischen uns und einer Zivilisation, die den Weltraum kolonisiert - vor uns oder nach uns. Und je höher entwickelte Lebensformen sich nachweisen ließen, umso eher liegt der Filter "nach uns". Ein ausgestorbenes Lebewesen etwa von der Kategorie eines Nagetiers auf dem Mars zu finden, das wären sogar "horrible news" ...







wissenschaft

Letzte Änderung: 15 12 2016


disclaimer impressum
© robert poth
alle rechte vorbehalten
Kontakt: office@rpoth.at