Reise in ein besetztes Land


Ein Bericht über den Aufenthalt österreichischer MenschenrechtsbeobachterInnen in Türkisch-Kurdistan
Von Robert Poth (Mitglied der Delegation), April 1996

Unser erstes Ziel ist Diyarbakir, die wichtigste Stadt in Türkisch-Kurdistan, deren Einwohnerzahl nicht zuletzt infolge der Vertreibungspolitik gegen die kurdische Landbevölkerung auf mittlerweile 1,5 Millionen angewachsen sein dürfte. Hier hat die prokurdische HADEP ("Partei der Demokratie des Volkes") bei den Wahlen im Dezember fast 50% der Stimmen errungen. Der Bürgermeister gehört der islamischen Refah-Partei ("Wohlfahrtspartei") an. Alles das ist allerdings bedeutungslos: die Region, in der seit 1978 (!) der Ausnahmezustand gilt, wird formell von einem Supergouverneur, de facto von Armee und Polizei regiert.

Das ist auch mit den Augen wahrzunehmen. Polizei, Gendarmerie- und Militärkasernen samt angeschlossenen Wohnsiedlungen finden sich überall, außerhalb der großen Städte meist isoliert von den umliegenden Siedlungen. Wo eine starke Militärpräsenz innerhalb der Städte nicht wie z.B. in Van, Hakkari oder Dersim (Tunceli) geboten erscheint, nimmt ein mehr oder weniger sichtbares Aufgebot von Zivil- und Geheimpolizei den Platz der Armee ein, von dem auch wir fast permanent beobachtet und verfolgt werden.

Auf den Verbindungsstraßen werden Reisende durch zahlreiche Polizei- und Militärkontrollen aufgehalten, nach Waffen abgetastet, ihre Ausweise kontrolliert. Mit wem auch immer wir, unerwünschte Zeugen und potentielle Staatsfeinde, die wir für die türkischen Behörden sind, Kontakt aufnehmen, macht sich verdächtig und muss zumindest mit einer Befragung rechnen (wie unerwünscht wir waren, zeigt auch die Erfahrung der Vertreterin der Initiative "Kurden in Not": Sie war in Gaziantep in der Nacht vor dem Abflug in ihrem Hotelzimmer permanenten telefonischen Beschimpfungen offenbar durch Polizeiagenten ausgesetzt, s.u.).

Diyarbakir

Nach unserer Ankunft in Diyarbakir (über Istanbul bzw. über Gaziantep und Urfa) am Dienstag (18.3.96) erfahren wir, dass das Newroz-Fest der HADEP im Stadion untersagt wurde und es zu zahlreichen Festnahmen kommt. Stattdessen hatte die Regierung Newroz kurzerhand zum traditionellen Fest aller Turkvölker erklärt und gleichzeitig alle Staatsbeamten verpflichtet, sich aus Anlass des ebenfalls auf den 21.März fallenden Internationalen Tag des Waldes an Baumpflanzungen zu beteiligen. Der Verkauf von Autoreifen, die üblicherweise als Brennmaterial für die Newrozfeuer verwendet werden, war schon zuvor verboten worden.

Wenige Stunden zuvor wurden bei einem brutalen Polizeieinsatz gegen eine Newroz-Kundgebung, bei der die TeilnehmerInnen mangels Autoreifen ihre eigenen Kleider verbrannten, ca. 60 StudentInnen einer Lehrerakademie verhaftet. Sie sind großteils noch in Haft, als wir eine Woche später nach Istanbul fliegen. Gefoltert - mit Elektroschocks, Aufhängen, Schläge auf Fußsohlen und Genitalien, Eiswasser - wird dabei routinemäßig, berichten uns Mitarbeiter der lokalen Filiale des türkischen Menschenrechtsvereins (IHD). Gegen dessen örtlichen Vorsitzenden, Mahmut Sakar, ist ein Verfahren wegen "separatistischer Propaganda" gemäß dem berüchtigten Art. 8 des Anti-Terror-Gesetzes anhängig, mit dem jede prokurdische Äußerung strafrechtlich verfolgt werden kann.

Festnahmen erleben wir auch selbst, so eine Blitzaktion der allgegenwärtigen, mit Handys oder Funkgeräten ausgerüsteten Zivilpolizisten in unserem Lokal mit einem jungen Mann als Opfer, oder vier Menschen, Frauen und Männer, die vormittags in einen Polizeiwagen gedrängt werden. In der außerhalb der Stadt liegenden Dicle-Universität wiederum, wo wir Mittwoch mittags eine Protestkundgebung beobachten wollen, hat sich die Polizei schon breitgemacht und alle Verdächtigen mitgenommen. Es dauert auch keine 20 Minuten, bis zwei Mitglieder unserer Gruppe von der Polizei im Taxi Richtung Stadt abtransportiert werden. Gespräche sind wegen der Angst der Studenten kaum möglich.

Diyarbakir - Silvan - Baykan - Bitlis

Die Gebiete, in denen die Armee ganze Dörfer evakuiert oder zerstört hat, werden nach Möglichkeit abgeriegelt. Mittwoch nachmittag werden eine junge Fotografin und der Vertreter der GfbV beim Versuch, per Taxi in zerstörte Dörfer in einem Berggebiet nordöstlich von Diyarbakir zu gelangen, von einer Militärpatrouille erwischt, die ihnen die Rückkehr nach Diyarbakir untersagt. Dabei packt einer der Soldaten die Fotografin gezielt an der Brust und stößt sie zurück. Sie berichten: "Wir werden über 50 Kilometer bis zum Batmanstaudamm zwangseskortiert; eine Übernachtung am dortigen Militärstützpunkt bleibt uns durch eine Delegation mit Parlamentariern aus der Schweiz und Spanien erspart, die per Bus unterwegs ist (sie stellt uns für die Mitnahme allerdings einen etwas überhöhten Betrag von einer Million Türkische Lira pro Kopf, etwa 150 öS, in Rechnung). So gelangen wir nach fünf Militärkontrollen ins mehr als 200 Kilometer entfernte Bitlis (es regnet und schneit, die Stadt wirkt wie ausgestorben), von wo wir tags darauf per Sammeltaxi und nach glücklicher Überwindung einiger Kontrollen und näherer Befragungen nach Diyarbakir zurückkehren. Kein einziges Newrozfeuer ist auf der ganzen Strecke wahrzunehmen, dafür aber starke Militärpräsenz in allen größeren Orten."

Trotz der bekannten Schwierigkeiten gelingt es der Fotografin, aus dem Sammeltaxi heraus einige Aufnahmen von Panzern und Hubschraubern sowie von einem Gefängnis/einer Kaserne in Diyarbakir zu machen.

Newroz in Diyarbakir

In Diyarbakir selbst war die Newroz-Veranstaltung der HADEP im Stadion ja angeblich wegen eines Fußballspiels zwischen der Türkei und Ägypten untersagt. Die übrigen Mitglieder unserer Delegation begaben sich Mittwoch abends per Taxi - vergeblich - auf die Suche nach Newrozfeuern; dabei konnten sie in den Außenbezirken Gefechtsstellungen der Militärs beobachten. Donnerstag vormittag sollte angeblich am Friedhof im Süden der Stadt ein kleines Newrozfest stattfinden; die Delegation wurde von der Polizei verfolgt und schließlich am Friedhof, wo sie u.a. das Grab des 1991 ermordeten kurdischen Politikers Vedat Aydin besuchen wollten, aufgehalten, fotografiert und kontrolliert, ihre Namen teilweise notiert. Die Dolmetscherinnen wurden nach ihrer Herkunft befragt. Vom Friedhof aus waren viele Rauchsäulen von Newrozfeuern zu sehen. Die Delegation nahm dann eine Stunde unter Präsenz von Geheimpolizei (die auch mit Videokameras das Geschehen filmte) an einem Newrozfest im Süden außerhalb der Stadtmauer teil, an dem sich etwa 2-3.000 Menschen, darunter auffallend viele Frauen und Kinder beteiligten. Der anwesende HADEP-Vertreter begrüßte die Delegation. Die Polizei hat in der Folge noch zweimal vergeblich versucht, das Fest aufzulösen.

Zu schwerwiegenden Zwischenfällen kam es bei einem Newrozfest mit 3-4.000 Beteiligten auf einem Platz im Zentrum. Hier wurde u.a. eine alte Frau, Mutter eins getöteten PKKlers, von der Polizei erkannt und mit Ketten schwer am Kopf verletzt. Ein 13jähriger Junge wird von einem Polizeipanzer angefahren und schwer verletzt, ein 24jähriger mit Knüppeln niedergeschlagen. Im Norden der Stadt gab es ein Fest unter Anwesenheit des nationalen HADEP-Vorsitzenden, an dem bis zu 5.000 Leute teilnahmen. Bei einem anschließenden Protestzug kam es zu einer gefährlichen Konfrontation mit schwerbewaffneten Polizeieinheiten, wobei auch ein deutscher Rechtsanwalt festgenommen und auf der Polizeistation vom Einsatzleiter bespuckt und geschlagen wurde. Insgesamt sollen an diesem Tag in Diyarbakir etwa 200 Menschen festgenommen worden sein.

Die Behandlung von Verletzten muss im allgemeinen und musste auch in den vorher erwähnten Fällen privat erfolgen. Medikamente und Verbandsmaterial werden daher immer dringend benötigt; auch für die Versorgung der aus ihren Dörfern vertriebenen Menschen in den Elendsvierteln, wo sich vor allem unter den Kindern durch Mangelernährung und fehlende Kanalisation begünstigte Krankheiten (Tuberkulose, Darmkrankheiten) breitmachen. Hier wird tatsächlich gehungert, wie uns Mitglieder anderer Delegationen betroffen versichern; Geldspenden z.B. an den IHD, der eine sinnvolle Hilfe organisieren kann, wären dringend erforderlich.

Freitag vormittag hat die Vertreterin von Kurden in Not die Gelegenheit, mit einem Journalisten des ORF-Mittagsjournals in Wien telefonisch über die aktuelle Lage zu sprechen. Die Ankündigungen des Regierungschefs Mesut Yilmaz vom Vortag, kurdischen Schulunterricht oder kurdisches Fernsehen zuzulassen und überhaupt einen anderen Weg in der Kurdenfrage einzuschlagen, haben ihre beabsichtigte Wirkung in Europa nicht verfehlt: ob jetzt nicht Grund für Hoffnung gegeben sei, so die beharrliche Frage des Journalisten.

Wir könnten hier jedenfalls nichts davon bemerken; an der Unterdrückung hätte sich nichts geändert, und es gebe auch massivere Truppenbewegungen; wir hielten die Yilmaz-Rede jedenfalls für ein paar schöne Worte fürs westliche Ausland. Die wesentlichen Aussagen werden auch tatsächlich gesendet- ein kleines Erfolgserlebnis.

Später sind wir wieder im IHD und haben Gelegenheit, Gespräche (allerdings ohne Tonbandmitschnitt) mit zwei Frauen zu führen, deren Männer von der Armee bzw. der Polizei gefoltert und ermordet wurden. Einer der beiden Männer war ein Mitbegründer des IHD und der HEP (Partei "Arbeit des Volkes"), deren Vorsitzender in Diyarbakir und ein äußerst beliebter Politiker. Die HEP wurde genauso verboten wie ihre Nachfolgepartei DEP ("Demokratische Partei"), der auch die Abgeordnete und Menschenrechtspreisträgerin Leyla Zana angehörte (Sie wurde genauso wie die DEP-Abgeordneten Selim Sadak und Orhan Dogan sowie der DEP-Vorsitzende Hatip Dicle wegen angeblicher Unterstützung der PKK zu 15 Jahren Haft verurteilt) . Während die eine Frau aus Sicherheitsgründen lieber ohne uns das Gebäude verlassen will, kümmert das die Witwe des HEP-Politikers weniger: sie geht mit uns zusammen essen. Ohnehin stehen jahraus, jahrein jeden Tag zwei Polizeiautos vor ihrem Haus; vor zwei Jahren wurde ihre Wohnung verwüstet; wenn die Behörden etwas unternehmen wollen, würden sie es ohnehin tun.

Besuche in den Elendsvierteln

Freitag nachmittag schafften wir es erstaunlicherweise, ohne irgendwelche "Schatten" durch ein armes Altstadtviertel und ein weiteres, in den letzten Jahren errichtetes Armenviertel außerhalb der Stadtmauer im Süden zu spazieren und uns ohne weitere Folgen mit den BewohnerInnen zu unterhalten. Unsere junge Fotografin versuchte es tags darauf noch einmal, begleitet von einem Dolmetscher einer deutschen Delegation. Doch diesmal war der weiße Renault mit der Zivilpolizei auf dem Weg in ein Flüchtlingsviertel an der anderen Seite der Stadt nicht zu übersehen. Nach einigen Fotos und einer Einladung zum Tee - die Leute meinten, es bestünde für sie keine Gefahr - war der Ausflug jedoch zu Ende. Ein mit einer MP bewaffnete Zivilpolizist pfiff die beiden zurück und brachte sie zu weiteren 5 oder 6 wartenden Polizisten, die auf deren Frage nach dem Grund der Festnahme wieder einmal die Mär von der nötigen Genehmigung des Supergouverneurs auftischten und danach behaupteten, sie hätten nach Deutschland telefoniert und militärische Einrichtungen abgelichtet. Nichts half, sie wurden in ein Polizeiauto verfrachtet, aber zu ihrer Sorge auch das Oberhaupt der Familie, die sie auf einen Tee eingeladen hatte.

Der bereits teilweise belichtete Film musste entwickelt werden, allerdings auf Polizeikosten. Das dauerte alles in allem 2 Stunden, wobei die beiden zwischendurch gegen Abgabe ihrer Pässe die Polizeistation verlassen durften und u.a. den IHD und die deutsche Botschaft von der Festnahme des Familienoberhaupts verständigen konnten. Der Film wurde dann auf der Straße (!) von einem Zivilpolizisten wieder ausgehändigt, der auch versicherte, der festgenommene Kurde sei wieder frei (davon hat sich der deutsche Dolmetscher tags darauf überzeugt). Offenbar war nichts Verdächtiges fotografiert worden.

Erfahrungen anderer Delegationen

Freitag abends trafen sich die meisten der anwesenden Delegationen zu einem Erfahrungsaustausch im Raum des örtlichen Lions' Club, der sich in einem teureren, als Journalistentreff bekannten Hotel befindet - ausgestattet mit der türkischen Fahne und dem allgegenwärtigen Konterfei des Staatsgründers Mustafa Kemal Atatürk. Neben einer Delegation der PDS ("Partei des Demokratischen Sozialismus"), der ein Bundestagsabgeordneter sowie zwei Landtagsabgeordnete angehören, trifft auch eine Berliner Delegation ein, die zuvor in Dersim (Tunceli) war und dann nicht nach Elazig eingelassen wurde. Ihre Dolmetscherin, eine deutsche Staatsbürgerin kurdischer Herkunft, wurde seit ihrer Ankunft in der Region massiv von der Geheimpolizei unter Druck gesetzt und bedroht - u.a. mit den Worten: "Wir kriegen Dich schon, Du stolze Deutsche!". Wie wir später erfahren, flog sie tags darauf aus Sicherheitsgründen nach Deutschland zurück. Ebenso hatte ein paar Tage zuvor eine halbe Delegation gehandelt, die in Van massiv unter Druck geraten war. Dort war die Polizei so weit gegangen, mit dem Wagen neben der Dolmetscherin einherzufahren und ihr per Lautsprecher ihre Vergewaltigung in allen Details anzukündigen. Dass die Berliner nicht nach Elazig gelassen wurden, war im Nachhinein vielleicht noch ein Glück: eine deutsche Delegation, der dies gelang, wurde dort von türkischen Rechtsextremen mit Eisenstangen und Knüppeln überfallen und teilweise krankenhausreif geschlagen, bis endlich die Polizei einschritt - um die Opfer stundenlang zu verhören und zu bedrohen.

Auf diesem Treffen erfahren wir auch, dass eine deutsche Delegation versucht, nach Dargeçit zu gelangen, ein Ort in den Bergen nordöstlich von Midyat. Dort verschwanden in letzter Zeit zumindest sieben Personen, einige wurden nur mehr als Leichen wieder aufgefunden. Die dortige Bevölkerung hatte sich mehrmals an den IHD um Hilfe gewandt. Wie wir später von der Delegation in Istanbul erfahren, wurden sie zuerst von Dorfschützern aufgehalten, dann aber doch in den Ort zu einer Hochzeit gebracht. Einer der offenbar sehr eingeschüchterten Dorfbewohner konnte dabei einen Zettel übergeben, auf dem die bekannten Fakten und ein Hilferuf notiert waren.

Ein Erlebnis der besonderen Art machte auch ein Berliner, der in Sivas u.a. mit der Refah-Partei und der kemalistischen CHP (Republikanische Volkspartei) über ihre Position zum einseitigen Waffenstillstand der PKK sprechen wollte. Die Refah alarmierte nämlich die Polizei, die den Berliner festnahm, stundenlang verhörte, ihn zwang, sich auszuziehen, von einer für solche Gespräche angeblich erforderlichen Genehmigung des Supergouverneurs informierte und schließlich nach Ankara abschob, wo er neuerlich verhört wurde. Nach Information der deutschen Botschaft konnte er allerdings problemlos nach Diyarbakir reisen.

Mardin - Midyat - Idil - Cizre

Samstag vormittag schon war unsere Delegation zu einer zweitägigen Reise über Mardin, Midyat, Idil, Cizre und zurück aufgebrochen, die weitere Einblicke gestattete. Hier, im Gebiet des Tur Abdin, wurden in den letzten 30 Jahren fast alle der 60.000 syrisch-orthodoxen Christen (=neuaramäisch sprechende Assyrer; Überlebende und Nachfahren der Massaker während und nach dem 1. Weltkrieg) vertrieben; rund 1.000 sollen noch ausharren. In Mardin, wohin wir nach drei Kontrollen gelangen, bedeutet uns ein Restaurantbesitzer, es sei gefährlich, nach Midyat weiterzureisen. Überraschenderweise gibt es auf den 50 Kilometern bis dorthin, die wir im Sammeltaxi zurücklegen, keine einzige Straßensperre. In der früher christlich geprägten Stadt Midyat, was an den vielen Kirchtürmen noch erkennbar ist, sind wir nicht nur für die lokalen Sicherheitskräfte eine Attraktion. Unsere Absicht, den Ort sofort wieder zu verlassen, sowie unser bekanntgegebenes Reiseziel, das 20 Kilometer entfernte Kloster Mar Gabriel, schützen uns offenbar vor weiteren Belästigungen.

Im Kloster werden wir mit anfänglichem Misstrauen empfangen, das sich aber im Zuge unserer Gespräche verflüchtigt. Unser allgemeiner Eindruck: diese Menschen fühlen sich, wenn schon nicht von Gott, so doch fast von der ganzen Welt im Stich gelassen. Die österreichische Vertretung in Ankara hätte die Pflicht, für diese Menschen diplomatisch aktiv zu werden. Wir übernachten dort und nehmen teilweise an der Frühmesse teil.

Die Weiterreise Richtung Osten nach Idil, eine öfters umkämpfte Ortschaft, aus der die Christen u.a. durch Sprengung ihrer Häuser durch die Behörden vertrieben wurden, führt uns durch eine steppenartige Landschaft. Hier gab es früher Waldgebiete, die im Zuge der Guerrillabekämpfung gerodet wurden; ein Anhalten auf dieser Strecke ist streng verboten. In Idil, wo eine vom Militär zerbombte Moschee gerade wiederaufgebaut wird, werden wir, soeben angekommen und vor dem Regen in ein Restaurant geflüchtet, von Polizisten kontrolliert, dort festgehalten und sofort nach dem Essen mit dem Taxi eines Polizeikollaboranten nach Cizre verfrachtet. Unserem Taxifahrer von zuvor fährt die Polizei nach und bringt ihn zurück; er hätte uns offenbar nicht hierhin fahren dürfen. Von seinem weiteren Schicksal wissen wir bisher nichts. In Cizre dürfen wir uns lediglich am Autobusbahnhof eine Karte nach Mardin kaufen, mehrere Kontrollen genießen und uns Tipps über alternative Sehenswürdigkeiten geben lassen, so z.B. die Reste der Arche Noah am Çudi-Berg - dort dürften aber derzeit (wegen der Guerrilla, natürlich) nicht einmal die US-Archäologen hin, wie der Polizeibeamte - ein Lase, wie er sagt - einräumen muss.

Nach Cizre passieren wir eine scheinbar endlose Schlange abgestellter LKW, die angeblich manchmal bis zu 2 Monate auf eine Weiterfahrt in den Irak warten müssen. Danach dürfen wir den "Eisernen Vorhang" der Türkei gegen Syrien bewundern: links der Straße ein wahrscheinlich vermintes Feld, dann mehrere Stacheldrahtzäune, dazwischen nackte Erde, ca. alle 500 Meter (tagsüber unbesetzte) Wachtürme und Scheinwerfer, rechts der Straße in ähnlichen Abständen Schießstände.

In Mardin trennen wir uns von der Vertreterin von Kurden in Not, die alleine über Urfa nach Gaziantep zurückkehren und von dort nach Istanbul fliegen will. Wir vier Verbleibenden fahren nach Diyarbakir, wobei wir an einer Militärkontrolle Truppenbewegungen mit mehreren gepanzerten Fahrzeugen beobachten. Montag vormittag begeben wir uns nochmal zum IHD, wo wir ein spanisch/andalusisches Fernsehteam ("Canal Sur") treffen, die mit uns noch einen Bericht über das Schicksal der Delegation aufnehmen, die nach Dargeçit gelangen wollte. Wir führen außerdem ein weiteres Gespräch mit dem IHD über die politischen Perspektiven und unsere Vorhaben nach unserer Rückkehr.

Istanbul

Montag abends fliegen wir nach Istanbul, wo sich zwei Mitglieder der Delegation noch bis Mittwoch vormittag aufhalten. Wir besuchen am Dienstag den lokalen IHD, treffen dort einige Mitglieder anderer Delegationen wieder und nehmen spontan an einer öffentlichen Verhandlung gegen den IHD vor einem Militärgericht teil. IHD-Vertreter sollen auf einer Pressekonferenz vor zwei Jahren zur Verweigerung des Militärdienstes aufgefordert haben. Die Verhandlung, die uns leider nicht zur Gänze gedolmetscht werden konnte, endet mit einer Verlegung des Prozesses an das Militärgericht in Ankara. Der IHD-Vertreter und Rechtsanwalt Ercan Kanar hatte u.a. argumentiert, das ganze Verfahren widerspreche der Europäischen Menschenrechtskonvention.

Ein Treffen mit Führern der aktuellen Studentenstreiks (u.a. gegen die Erhöhung der Einschreibgebühren etc.) kommt nicht zustande, da sie alle im asiatischen Teil der Stadt gegen die gewaltsame Repression und die zahlreichen Festnahmen bei einer Studentendemo in Ankara vor ein paar Tagen demonstrieren; viele Teilnehmer wollen per Zug nach Ankara reisen, um dort ebenfalls zu protestieren.

Vom IHD erfahren wir schließlich, dass abgeschobene Flüchtlinge gemäß dem Anti-Terror-Gesetz problemlos bis zu 15 Tagen in Gewahrsam der Anti-Terror-Polizei verschwinden können und auch verschwunden sind/gefoltert wurden (Fälle wurden vom IHD dokumentiert), was dem deutsch-türkischen Garantieabkommen über die Behandlung von Abgeschobenen widerspricht. Dieses Garantieabkommen sei, so Mercan Güclü, IHD-Anwältin, in der Türkei tatsächlich gesetz- und verfassungswidrig. Wir vereinbaren, dass in bedeutsamen Fällen von Österreich aus eine Intervention des IHD am Flughafen Istanbul zum Schutz von Abgeschobenen angefordert werden kann sowie im allgemeinen die Namen von Abgeschobenen mitgeteilt werden. Derartige Interventionen sind für den IHD allerdings sehr zeit- und geldaufwendig und können nur in ganz besonderen Fällen vorgenommen werden.

Polizeiterror

Erst bei unserer Ankunft in Wien erfahren wir, wie es der Vertreterin von Kurden in Not nach unserer Trennung in Mardin ergangen ist.

Sie wurde in Gaziantep am Abend vor ihrem Abflug nach Istanbul bis auf die Toilette von "Schatten" verfolgt. Nachdem sie den Portier gebeten hatte, sie um vier Uhr morgens aufzuwecken, beobachtete sie von einem gegenüberliegenden Lokal, wie einige Männer in das Hotel gingen, wieder herauskamen, etwas besprachen und wieder hineingingen. Zurück im Zimmer, kam es zu "Kontrollanrufen"; sie ersuchte den Portier neuerlich, sie zu wecken. In der folgenden Nacht wurde sie immer wieder durch Telefonanrufe geweckt und auf Türkisch beschimpft und verschlief, da der Portier sie nicht weckte; er stellte sich am Morgen schlafend, die Aufzugtür klemmte plötzlich, und der Schlüssel für die Hoteltür konnte längere Zeit nicht gefunden werden. Vor dem Hotel befand sich ein einziges Taxi; der Fahrer bot ihr ein bierähnliches Getränk in einem Glas an, was sie ablehnte, fuhr trotz der gebotenen Eile plötzlich langsam und erpresste schließlich das Doppelte des ausgemachten Fahrpreises; am Flughafen fehlte plötzlich eine Tasche mit Aufzeichnungen, Fotoapparat und Aufnahmegerät; mit einem diesmal freundlichen Taxifahrer ging es wieder zurück zum Hotel, kurz davor konnte der erste Taxifahrer gestoppt und ihm die Tasche wieder abgenommen werden, die allerdings durchstöbert worden war, da das "Notgeld" fehlte; das Hotel war von der Geheimpolizei besetzt, ihr Zimmer offenbar peinlichst genau kontrolliert worden.

Trotz alldem erreichte sie das Flugzeug, nunmehr ohne Geld, und informierte, einmal in Istanbul, den österreichischen Botschafter - er empfahl ihr, sich doch an die Polizei (!) und an das österreichische Konsulat zu wenden; auch von dort kam aber keine Hilfe, stattdessen ermöglichte ihr eine AUA-Mitarbeiterin einen früheren Rückflug nach Wien.



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Letzte Änderung: 13 06 2017

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