peak oil: entwicklungen/anzeichen

Die zwei wichtigsten kontroversiellen Fragen in der Peak oil-Diskussion betreffen den Umfang der vorhandenen "sicheren" Reserven und der möglichen Neufunde in der Zukunft.

Reserven

Ungeachtet der geologischen Fachdiskussion halten PessimistInnen wie die der ASPO die in der Branche verwendeten Angaben (u.a. die in der Statistical Review of World Energy von BP) für überschätzt. Eines der grundlegenden Argumente, die dafür in The End of Cheap Oil vorgebracht werden: Sowohl die Mitglieder der Organisation erdölexportierender Länder (OPEC) als auch börsenotierte Öl- und Gasunternehmen haben einen Anreiz, ihre Öl- und Gasreserven zu übertreiben - die ersteren, weil höhere Reserven höhere potenzielle Exportquoten bedeuten, die zweiteren, weil der Umfang ihrer "sicheren" Reserven (im Unterschied zu "wahrscheinlichen" Reserven) ein wichtiger Faktor bei ihrer Bewertung an den Börsen ist (für den Kurs ihrer Aktien).

Tatsächlich ist die Begriffswahl irreführend, denn auch die als "sicher" bezeichneten Vorkommen sind nur mit einer Wahrscheinlichkeit von 90 bis 95% ("P90", "P95") förderbar. Eine vereinfachte Definition sicherer und wahrscheinlicher Reserven (verwendet von der Energy Information Administration der US-Regierung) habe ich hier bereitgestellt (neues Fenster).

Jede - überraschende - Reduzierung der Reserven durch bedeutende Öl- und Gaskonzerne kann natürlich als Indiz dafür betrachtet werden, dass die Reserven allgemein überschätzt sind. Solche Reduzierungen nahmen in jüngerer Vergangenheit Shell Oil (minus 20% im Jänner 2004, gefolgt von einer weiteren um etwa 1% im März 2004) und El Paso (minus 41%, 2004) vor. (Die Links führen zur news section von finance.yahoo.com für die jeweiligen Unternehmen.)

Umgekehrt sind Erhöhungen der Reserven ziemlich oft kein Ergebnis aktueller Neufunde oder neuer Erschließungsprojekte, sondern bloß auf Übernahmen anderer Unternehmen zurückzuführen.

Die Reduzierungen der Reserven durch Shell und El Paso lösten eine laufende Debatte über Bilanzierungsregeln und Definitionen "sicherer" Reserven und die Bedeutung dieser Zahlen aus. Ein informativer Artikel dazu wurde im Lauf des Jahres (2004) vom Ölberatungsunternehmen IHS Energy veröffentlicht: Reserves Reporting — What's it all about?.

Unter den Argumenten: Während eine Reduzierung der sicheren Reserven nicht notwendigerweise bedeutet, dass die Reserven tatsächlich geringer sind, gilt auch das Gegenteil: Reserveerhöhungen können sich (abgesehen von den erwähnten Übernahmen) auch auf Ölvorkommen beziehen, die bereits vor 30 Jahren oder noch früher entdeckt wurden.

Exploration und Neufunde

Ohne Exploration kann es natürlich keine Neufunde geben. Die Kosten von Exploration und Entwicklung zeigen im allgemeinen einen steigenden Trend, und es handelt sich um Investitionen, die viele Jahre im voraus finanziert werden müssen. Der aktuelle Ölpreis spiegelt jedoch nicht diese zukünftigen Kosten wieder, sondern kurzfristige Schwankungen von Angebot und Nachfrage plus einen spekulativen Anteil. Niedrige Ölpreise heute bedeuten weniger Mittel für Exploration und daher eine mögliche Knappheit und höhere Preise einige Jahre später.

Umgekehrt sind aber auch hohe Ölpreise keine Garantie für höhere Explorationsaufwendungen; ein Grund dafür ist die Unsicherheit über die zukünftige Markt- und Preisentwicklung. Nachrichten über Unternehmen, die sich aus Explorationsprojekten zurückziehen, die zögern, Kapital mittel- und/oder langfristig zu binden, können als Indiz für zukünftige Versorgungsprobleme betrachtet werden.

Was die Wahrscheinlichkeit von Neufunden betrifft, ist zu beachten, ob und in welchem Umfang Unternehmen in Regionen investieren, die nur eine geringe Wahrscheinlichkeit von Öl- und Gasvorkommen aufweisen oder auf politischer Ebene fordern, geschützte Gebiete für die Exploration zu öffnen.

Der tatsächliche Umfang der Neufunde ist nicht gerade beruhigend. Die Grafik unten zeigt die Entwicklung der wirtschaftlich nutzbaren Neufunde (Öl und Gas zusammengerechnet, ausgedrückt in Barrel Öläquivalent) der zehn größten Unternehmen. Die Grafik und der kursiv gesetzte Text (von mir übersetzt und gekürzt) sind ein Auszug aus dem Newsletter 39 der oben erwähnten ExpertInnen der ASPO. Der gesamte Newsletter kann hier gelesen/heruntergeladen werden.



"Das Wall Street Journal vom 26. Jänner [2004] bestätigte den Rückgang der Neufunde der zehn größten Unternehmen während der letzten Jahre, gestützt auf eine Studie von Wood Mackenzie (...). Die hohen Werte von 1999 und 2000 beziehen sich vor allem auf zwei große, außergewöhnliche Funde oder bestätigte Funde (Kashagan in Kasachstan und Azedegan im Iran). Ansonsten scheinen die Neufunde unter 6 Gboe [Gigabarrel = 1 Milliarde Barrel] pro Jahr zu liegen, bei Öl darunter. Die Welt entdeckt pro vier Barrel, die sie verbraucht, weniger als ein Barrel, und dieses Defizit besteht seit 1981. Es sollte nur den dümmsten unter den marktgläubigen Ökonomen überraschen, dass der Höhepunkt und Rückgang der entsprechenden Produktion nun erreicht ist bzw. unmittelbar bevorsteht. Scharfsinnige Analysten werden vielleicht daraus den angemessenen Schluss ziehen, dass damit eine tiefe und möglicherweise permanente Rezession bevorsteht, da die Welt ja von billiger Energie auf Basis von Öl abhängig ist. Das Ausmaß dieses Übergangs vom Wachstum zum Rückgang ist monumental, da das Finanzsystem nur mit Wachstum überleben kann und die generelle Geisteshaltung auf der Bedingung beruht, immer mehr verdienen, ausgeben und konsumieren zu können."

Downstream Investitionen

In den USA wurden in den letzten drei Jahrzehnten keine neuen Ölraffinerien gebaut - stattdessen wurden zahlreiche geschlossen. Diese Tatsache wird von manchen als Indiz dafür interpretiert, dass die Ölbranche bereits seit langem nicht mehr mit einer steigenden Rohölförderung rechnet und die Öffentlichkeit mit Meldungen über noch Jahrzehnte ausreichende Reserven bewusst hinters Licht führt.

Eine naheliegendere Interpretation ist jedoch, dass es sich um eine koordinierte Strategie zur Steigerung der niedrigen Raffineriemargen handelt. Diese Ansicht wird jedenfalls durch einen Bericht des US-Senators Ron Wyden aus dem Jahr 2001 untermauert - hier der Link: The Oil Industry, Gas Supply and Refinery Capacity: More Than Meets the Eye (pdf, 56kB).

Auf diesen Bericht wurde ich durch den Artikel von David Champeau aufmerksam: Unleaded Gasoline: Bubble? Manipulated?, der mit Datum 28.10.2005 auf www.safehaven.com publiziert wurde.

Exklusive, langfristige Lieferverträge

Zu beachten sind Nachrichten über Regierungen und Unternehmen, die mit öl-/gasproduzierenden Unternehmen bzw. Ländern über bedeutende Verträge für die zukünftige Lieferung von Öl und/oder Gas verhandeln oder solche Verträge vereinbaren. Derartige Verträge sind untrügliche Anzeichen des aktuellen Wettbewerbs um sichere Energiequellen, der sich in den kommenden Jahren veschärfen wird. Die wichtigsten Länder sind die derzeitigen und zukünftigen großen Nettoimporteure, d.h. die USA, China und Indien.

Der Wettlauf zwischen den USA und China nimmt bereits beinahe dramatische Züge an. Die Regierung in Beijing rückt den USA bereits ans "Eingemachte", indem sie sich um Verträge mit traditionellen Öllieferanten der USA wie Venezuela und Kanada bemüht. Diese Bestrebungen kommen außerdem dem Interesse der Chávez-Regierung in Caracas nach mehr Unabhängigkeit von Washington entgegen. Sollte der Ressourcenkonflikt zwischen den USA und China jedoch irgendwann eskalieren, werden die Ambitionen der Regierung in Venezuela aber wohl nur eine höchst nachrangige Rolle spielen.



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Letzte Änderung: 01 04 2012


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