[September 2009]

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Gereizter Drache

Chinas wirtschaftlicher Aufstieg verläuft nicht reibungslos. Jüngstes Beispiel: Der Machtpoker mit Australien über die Eisenerzpreise.

Hat der australische Bergwerkskonzern Rio Tinto tatsächlich die gesamte chinesische Stahlindustrie bestochen, wie "China Daily" Mitte Juli schrieb? Oder handelt es sich um einen staatlichen Willkürakt mit unabsehbaren Folgen für die Wirtschaftsbeziehungen Chinas mit dem Rest der Welt? Anfang Juli nahm die chinesische Justiz jedenfalls vier leitende Mitarbeiter von Rio Tinto in Haft, neben zahlreichen Managern chinesischer Unternehmen. Der von den Australiern vehement dementierte Vorwurf: Diebstahl von Staatsgeheimnissen - mutmaßlich die Produktionsziele der staatlichen chinesischen Stahlhersteller.

Vielleicht hat sich der Nebel unterdessen gelichtet, doch Anfang August herrschte noch Rätselraten. Klar ist der Hintergrund: Die Verhandlungen über die Eisenerzpreise zwischen der China Iron and Steel Association (CISA) und den Exporteuren, dominiert von Rio Tinto und BHP Billiton. Die letzte Preisvereinbarung lief per 1. April aus; seither regiert der Kassamarkt. Die CISA forderte eine Preissenkung von 40-45%, doch die Australier wollen maximal 33% zugestehen - was die Abnehmer in Japan und Südkorea unterdessen bereits akzeptiert haben.

Noch bis vor wenigen Monaten wären minus 40% vielleicht realistisch gewesen. Im April etwa fiel der Eisenerzpreis in China auf dem Kassamarkt auf 58 US-Dollar pro Tonne (der Höchstwert vor einem Jahr lag bei 150 Dollar). Doch dann begann das chinesische Konjunkturpaket zu wirken. Sowohl die Nachfrage der Bauwirtschaft, die in China 40% der Stahlproduktion abnimmt, als auch der Autobranche stieg sprunghaft an. Im Juli etwa wurden inklusive LKW und Busse 1,09 Mio. Fahrzeuge produziert, ein Plus von 64% im Jahresvergleich. Baosteel, Chinas größter Stahlkocher, hat laut der Investmentbank JPMorgan Chase bereits Mühe, die "explosiv" steigende Nachfrage zu decken.

Eisenerzhandel: Monopol und Duopol
Der internationale Eisenerzhandel wird auf der Angebotsseite von Rio Tinto und BHP Billiton (Australien) und der brasilianischen Vale dominiert. Die drei Bergwerksriesen decken zusammen rund 70% der Importnachfrage, wobei ihre Marktmacht noch durch die Geographie verstärkt wird: Vale beliefert in erster Linie die westliche Hemisphäre, die Australier Asien. Mit dem raschen Aufstieg Chinas zum wichtigsten Importeur ist nun auch die Nachfrageseite stark konzentriert. Im Mai dürfte China im Seefrachtgeschäft bereits einen Importanteil von 70% erreicht haben. Weltweit dürfte 2009 jede zweite Tonne Stahl in China produziert werden.
Demgemäß legten auch die Eisenerzpreise in China kräftig zu, Anfang August sogar in einer Woche um 10% auf 110 Dollar. Damit lagen sie bereits um 45% über den Vertragspreisen der Konkurrenz in Japan und Südkorea - ein klarer Misserfolg der chinesischen Verhandlungsstrategie. Die CISA sieht darin aber weniger ein Ergebnis von selbst erzeugten Marktkräften als von Machenschaften ausländischer Eisenerzanbieter. Diese hätten für "übermäßige Importe" gesorgt - tatsächlich lagen sie im Juli mit 58 Mio. Tonnen um knapp 32% über dem Vorjahrsniveau - hätten Angebot und Nachfrage verzerrt und die Preisverhandlungen ernsthaft gestört, hieß es in einer Stellungnahme Ende Juli.

Beijing hätte auch einen anderen Grund, sich auf Rio Tinto einzuschießen. Die Australier hatten Anfang Juni ein 20-Mrd.-Dollar-Geschäft mit dem chinesischen Aluminiumhersteller Chinalco platzen lassen (siehe SWM 4/09). Statt für die Finanzspritze aus China und eine höhere Chinalco-Beteiligung entschied sich Rio Tinto für ein Joint Venture mit BHP Billiton, das eine Zusammenlegung der westaustralischen Eisenerzproduktion der beiden Konzerne vorsieht. Dagegen wettert übrigens praktisch die gesamte weltweite Stahlindustrie, die ein Einschreiten der Kartellbehörden gegen diese weitere Einschränkung des Wettbewerbs fordert.

Wie die Rio-Tinto-Affäre auch ausgeht: Letztlich wird die CISA einlenken und eine Mischformel aus Fixpreisen und Kassapreisen akzeptieren, um das Gesicht zu wahren, meinen Brancheninsider. Vorläufig scheint jedenfalls der brasilianische Bergbauriese Vale zu profitieren. Der Konzern verzeichnete im 2. Quartal zwar einen starken Absatzrückgang bei Eisenerz und Eisenerzpellets (von 78,8 Mio. auf 53,8 Mio. Tonnen im Jahresvergleich). Doch die Ausfuhren nach China stiegen kräftig von 25 Mio. auf 35,6 Mio. Tonnen - zwei Drittel der gesamten Lieferungen und ein neuer Rekord, auch ohne Preisvereinbarung mit der CISA. Und seit der Inhaftierung der Rio Tinto-Manager scheinen chinesische Importeure noch stärker auf brasilianisches Eisenerz umgestiegen zu sein, wie sich den Frachterbuchungen entnehmen lässt. Wenn zwei sich streiten, freut sich der Dritte.



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Letzte Änderung: 07 09 2010


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