[Mai 2000]
Siehe u.a. auch Vom Schürfen zum Schleifen (November 2008)

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Unblutige Diamanten

Spät, aber doch soll eine Art Moral ins internationale Diamantengeschäft einkehren: Seit Ende März garantiert der weltgrößte Diamantenkonzern seinen Kunden rebellenfreie Ware.

Diamanten waren in den 90er Jahren die "best friends" von Rebellenbewegungen in Afrika: Ob in Angola, Sierra Leone und Liberia, ihre militärischen Operationen wurden weitgehend mit Rohdiamanten finanziert - durch Verkauf gegen Bargeld oder im Austausch für Waffen, Treibstoff und militärische Ausrüstungen. Insbesondere die angolanische UNITA dürfte von 1992 bis 1998 Diamanten im Wert von drei bis vier Milliarden US-Dollar umgesetzt haben. Der UN-Sicherheitsrat ließ sich lange Zeit: Zwar wurde bereits 1993 ein - kaum effektives - Waffen- und Treibstoffembargo gegen die UNITA verhängt, doch zu einem Embargo gegen Diamanten der UNITA konnte sich die UNO erst im Juni 1998 durchringen.

Für hunderttausende Opfer des Konflikts war das zu spät. Bereits 1998 sank der Diamantenabsatz der UNITA auf nur mehr 200 Millionen US-Dollar, nach den jüngsten Gebietseroberungen der Regierungstruppen wird das Geschäft auf zwischen 80 und 150 Millionen US-Dollar geschätzt - gerade zwei Prozent der Weltproduktion. Wie die UNITA-Diamanten auf den internationalen Markt gerieten, hat die britische Menschenrechts- und Umweltorganisation Global Witness in einem 1998 veröffentlichten Bericht dokumentiert und dabei insbesondere De Beers aufs Korn genommen. Der südafrikanische Konzern, der zum Imperium der Anglo American gehört, beherrscht das weltweite Diamantengeschäft seit den 30er Jahren nach Art eines Kartells. Rund 70 Prozent aller schmucksteintauglichen Rohdiamanten gehen durch die Hände von De Beers und seiner "Central Selling Organisation" (CSO).

De Beers hatte alles daran gesetzt, die angolanische Rebellenproduktion vom Markt zu räumen - getreu der Strategie, durch Kontrolle des Angebots die Weltmarktpreise für Rohdiamanten zu stützen. Der Buchwert des Pufferlagers von De Beers liegt trotz starker Lagerverkäufe noch immer bei 3,9 Mrd. US-Dollar.

Nun soll das alles anders werden. Seit Ende März garantiert De Beers seinen Großhandelskunden, den "Sightholders", rund 125 Vertretern der Diamantenindustrie aus Belgien, Indien, Israel und den USA, daß sich in seinem Angebot garantiert keine Ware befindet, die aus Bürgerkriegsgebieten stammt oder die UN-Sanktionen gegen die UNITA verletzt. De Beers hat außerdem zugesagt, jeden Sightholder auszuladen, der mit solchen Diamanten Geschäfte macht, und wird hinfort auch keine Ware aus informeller Produktion etwa in der Demokratischen Republik Kongo abnehmen. Gleichzeitig sollen strengere Bestimmungen in Angola dafür sorgen, dass UNITA-Diamanten nicht als offizielle angolanische Produktion auf dem Markt in Antwerpen landen, wo 80 Prozent des Rohdiamanthandels stattfindet.

Ein Erfolg für Global Witness und den Druck der öffentlichen Meinung? Zum Teil. Was dahinter steckt, ist aber eher eine Neustrukturierung der Diamantenindustrie. Denn die Rebellenproduktion ist bereits zu gering, um die Preise zu gefährden. Und die Gefahr, daß es irgendwann zu einem Konsumentenboykott von Bürgerkriegsdiamanten kommen könnte, sei "sehr, sehr gering", wie ein Vertreter des israelischen Diamant-Instituts Ende März in Basel versicherte.

Vielmehr ist De Beers dabei, seine Strategie zu ändern. Der Konzern ist zwar noch Marktführer, aber kein Kartell mehr: 1996 machte sich Ashton Mining (Argyle), eine Tochter des weltgrößten Bergbaukonzerns Rio Tinto Zinc, selbständig; Rußland verkauft De Beers nur 550 Mio. Dollar oder rund 40 Prozent der eigenen Produktion(und auch das vorläufig nur bis 2001). Von der Produktion der neuen kanadischen Ekati-Mine (im Eigentum der australischen BHP) erhält De Beers lediglich 35 Prozent, und selbst der Zugriff auf die besonders lukrative angolanische Produktion ist in Gefahr. Die Regierung in Luanda will De Beers zugunsten von Ascorp (mit Beteiligung des israelischen Händlers Lev Leviev) ausbooten, die angeblich eine höhere Gewinnbeteiligung zugesichert hat.

Die Antwort von De Beers ist eine Konzentration auf das höherpreisige Segment des Schmuckhandels: "Branding" - Markendiamanten - lautet die Devise. Die lassen sich laut De Beers um bis zu 20 Prozent teurer verkaufen, und die hauseigenen "Millennium-Diamanten" werden mit einem 50prozentigen Aufschlag angeboten. Konkurrent Argyle etwa wird sich darüber nicht beklagen: Der eigenen Marktforschung zufolge wächst nämlich gerade die Nachfrage nach kleineren und billigeren Diamanten, die Argyle fast ausschließlich in Indien bearbeiten läßt, wo ein Großteil der Rohdiamanten geschliffen oder poliert wird. Rund 800.000 Menschen arbeiten dort in einer der wichtigsten Exportbranchen des Landes - davon zumindest 20.000 Kinder, möglicherweise aber bis zu 160.000, heißt es in einem Bericht der Internationalen Arbeitsorganisation ILO. Von einem sauberen Diamanthandel kann also noch lange nicht die Rede sein.



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Letzte Änderung: 02 11 2009


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