[Juni 1999]

Rückschlag für Monsanto & Co

Von der wachsenden Skepsis europäischer Konsumenten gegenüber Gentechnik-Nahrungsmitteln könnten Brasiliens Soja-Exporteure profitieren

Ist die "Macht der Konsumenten" doch mehr als ein Slogan? Die letzten Erfolge in Sachen Gentechnik sprechen dafür. Ende April kündigten Unilever und Nestlé an, Produkte aus gentechnisch modifizierten Organismen (GMO) nicht mehr in Großbritannien anzubieten. Die selbe Politik gilt bereits für Unilever Österreich und Deutschland, und Schlüsselunternehmen des europäischen Lebensmittelhandels (mit rund 150 Mrd. US-Dollar Gesamtumsatz) haben ebenfalls zugesagt, GMO-Produkte aus den Regalen zu nehmen oder zu kennzeichnen. Die Marktmacht der Nahrungsmittelkonzerne - Nestlé und Unilever sind die Nr. 1 bzw. Nr. 3 der Welt - und des Einzelhandels sollte sich auswirken, kalkuliert Greenpeace: Exporteure in Brasilien, wo derzeit nur gentechnik-freies Soja angebaut wird, hätten nun einen klaren Wettbewerbsvorteil.

Und Folgen gibt es tatsächlich. Bereits im Jänner hatten australische Exporteure, die garantiert gentech-freien Raps anbieten können, ihre bisher größte Rapslieferung in die EU verschifft. Kanada dagegen erlitt laut Greenpeace 1998 bei Rapsexporten in die EU Verluste von 400 Millionen US-Dollar, da in Kanada keine Trennung von üblichem und transgenem Raps erfolgt. Anfang Mai schließlich gab der Agrobusiness-Konzern Archer Daniels Midland bekannt, US-Farmern einen Aufschlag für die Verwendung eines nicht gen-modifizierten Soja-Saatguts von DuPont zu bezahlen - mit ausdrücklichem Hinweis auf die Probleme in Europa. Das Saatgut ist übrigens gegen das DuPont-Herbizid Synchrony resistent. Das Angebot bezieht sich auf bis zu 4 Millionen Hektar oder 14% der US-Sojaanbaufläche.

Schwierigkeiten für die Gentechnik-Saatgutbranche, eine Handvoll Konzerne wie DuPont, Monsanto oder Novartis, gibt es auch außerhalb Europas. In Indien etwa stoppte Ende Februar der Oberste Gerichtshof Freisetzungsversuche von Bt-Baumwolle von Monsanto. Die Bt-Baumwolle enthält Gene des Bakteriums Bazillus thuringiensis zur Produktion von Proteinen, die Baumwollschädlinge töten. In Brasilien wiederum hat die Regierung zwar den Verkauf und Anbau transgener Sojabohnen von Monsanto genehmigt. Doch will etwa der Bundesstaat Rio Grande do Sul trotzdem die Aussaat verbieten, während in Paraná und Mato Grosso Zertifizierungen für "gewöhnliche" Sojabohnen geplant sind. Ein Faktor dabei: die Sorge um die Soja-Exporte in den Hauptmarkt Europa. Brasilien ist nach den USA der weltgrößte Soja-Exporteur.

Monsanto selbst zeigt sich unbeeindruckt. China wird 1999 Bt-Baumwolle auf mehr als einem Viertel seiner Anbaufläche einsetzen, erklärte Robert Fraley, Chef des Geschäftsbereichs Landwirtschaft bei Monsanto, Ende April. Das zeige, daß der Gebrauch gentechnisch modifizierten Saatguts weiter zunehmen werde. Ins gleiche Horn stieß Terry Francl, Chefökonom der American Farm Bureau Federation, der größten Farmerorganisation der USA: Ob die Europäer nun eine Kennzeichnung einführen oder nicht, die Mehrheit der Feldfrüchte werde "sehr bald" aus Biotech-Produkten bestehen. Die Kennzeichnung von GMO-Produkten, so Fraley, sei wahrscheinlich sogar "eine der Lösungen zur Öffnung des EU-Markts".

Anbauflächen transgener Pflanzen (Mio. Hektar)
1997 1998
USA
Argentinien
Kanada
China
Mexiko
Australien
Spanien
Frankreich
Südafrika
8,1
1,4
1,3
k.A.
0,1
0,1
0
0
0
20,5
4,3
2,8
2
0,12
0,1
0,1
0,1
0,1
Gesamte Ackerfläche in Österreich: 1,4
Quellen: Clive James (1998), OXFAM, Monsanto

Ist die Gelassenheit gespielt? Wohl nur zum Teil. Denn erstens entwickelt die Branche bereits "höherwertiges" Saatgut, das nur mit Kennzeichnung am Markt reüssieren kann. So hat etwa DuPont die Zulassung einer Sojabohne beantragt, die sich durch einen höheren Gehalt an ungesättigten Fettsäuren auszeichnet. Zweitens ist die Akzeptanz von GMO-Produkten in den USA hoch, und der Zukunftsmarkt für US-Exporteure liegt eher in Ost- und Südostasien, wo der Nahrungsmittelbedarf bis 2025 um 100 bis 150% zunehmen könnte. Dort steht pro Kopf der Bevölkerung im Schnitt jedoch sechsmal weniger Anbaufläche zur Verfügung als auf dem amerikanischen Kontinent. Die Alternative für Asien: Steigerung der Hektarerträge bei Getreiden - um 50 bis 75% laut Experten - oder wachsende Importabhängigkeit.

Daher auch die Haltung der Asiatischen Entwicklungsbank, die in einer Ende April veröffentlichten Studie die rasche Adaptierung der Gen- und Biotechnologie in der Landwirtschaft des Südens befürwortet - auch um die Dominanz der transnationalen Unternehmen zurückzudrängen. Das Internationale Reisforschungsinstitut bei Manila (Philippinen) versucht etwa, einen Superreis zu entwickeln, der die Erträge von 5 auf 15 Tonnen pro Hektar steigern könnte, und beklagt sich über mangelnde Finanzierung. Fazit: Die Schlacht um die Gentechnik in der Landwirtschaft wird wohl nicht in Europa entschieden werden.


archiv artikel

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Letzte Änderung: 05 07 2007


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