[Dezember 1999]

Markt gegen Markt

Mit Hilfe der Finanzmärkte will die Weltbank Bauern und Konsumenten in Entwicklungsländern sichere Einkommen und stabile Preise verschaffen

Rohstoffabkommen, ade: Mit dem Naturkautschuk-Übereinkommen scheiterte Mitte Oktober die letzte jener internationalen Vereinbarungen aus den 70er und 80er Jahren, die auf Pufferla-ger und Stützungskäufe setzten, um die notorisch heftigen Preisschwankungen von Rohstoffen zu kontrollieren. Ähnlich erging es zuvor bereits den Abkommen über Zinn, Kaffee, Kakao oder Zucker. Schlechte Nachrichten also für jene meist afrikanischen Länder, die einen Groß-teil ihrer Deviseneinnahmen aus dem Export von drei oder noch weniger Rohstoffen erzielen oder Grundnahrungsmittel importieren müssen. Und mehr noch für die unmittelbar Betroffe-nen: Millionen von Bauern und Konsumenten sind solchen Preisschwankungen durch den staatlichen Rückzug aus dem Landwirtschaftssektor viel unmittelbarer ausgesetzt als früher.

Genau ihnen will nun eine von der Weltbank initiierte International Task Force (ITF) unter die Arme greifen. Die Devise: Nicht gegen, sondern mit dem Markt arbeiten. Durch die Nutzung von Absicherungsgeschäften ("Hedging") auf den Terminmärkten soll etwa den Bauern Preis-stabilität und Einkommenssicherheit sowie besserer Zugang zu Kredit und ein niedrigeres Zins-niveau verschafft werden. Eine internationale privatwirtschaftliche Einrichtung wird dabei als Mittler zwischen Märkten und Bauern auftreten. Das sogenannte "Länderrisiko" (politische Umwälzungen, mögliche Abwertungen) wird von der Weltbank übernommen. "Wir wollen versuchen, die Armut an ihren Wurzeln zu bekämpfen, und das ist eine davon", argumentierte Weltbankpräsident James Wolfensohn. Mit Erfolg: Bei der Präsentation des Programms bei der Jahrestagung von Weltbank und Internationalem Währungsfonds Ende September gab es keine Gegenstimme.

Wieviel die Initiative kosten wird, hängt davon ab, wieviele Länder und Rohstoffe erfasst wer-den. Die Rede ist von 80 bis 350 Millionen US-Dollar pro Jahr - weit weniger als bisherige Programme, die ähnliche Ziele verfolgen wie etwa STABEX, ein Programm zur Stabilisierung der Exporterlöse im Rahmen des Lomé-Abkommens zwischen der Europäischen Union und den AKP-Ländern (Afrika, Karibik, Pazifik). Das Konzept wird nun im Rahmen von Pilotpro-jekten erprobt. Mögliche Kandidaten sind Ägypten (Baumwolle), Tansania (Kaffee und Tee), Simbabwe (Mais) und Kamerun (Kakao).

Das Programm hat jedenfalls den Segen der International Federation of Agricultural Producers (IFAP), die 85 nationale Bauernorganisationen mit 500 Millionen Mitgliedern vor allem in Entwicklungsländern vertritt. Allerdings, so IFAP-Generalsekretär David King, sind ergänzen-de Maßnahmen unbedingt nötig: Demokratische Bauernorganisationen müssten gefördert wer-den, denn sie garantieren, dass Kleinbauern tatsächlich profitieren; und die nötigen Institutio-nen und Rahmenbedingungen müssten geschaffen werden.

King verweist damit auf einige Ursachen für die bisher geringe Nutzung von Hedging-Strategien durch Bauern: Mangelnde Kompetenz im Umgang mit Finanzinstrumenten, schwa-che Bankensysteme und ungeeignete rechtliche Bestimmungen. Oft ist es etwa verboten, Treu-handkonten im Ausland zu unterhalten oder die zukünftigen Exporteinnahmen oder die Pro-dukte selbst als Sicherheit bereitzustellen. Dies ist aber unumgänglich: Bei ungünstigen Preis-entwicklungen muss es möglich sein, Nachschussforderungen der Broker umgehend zu erfül-len, und ohne Besicherung können die Finanzierungskosten nicht gesenkt und oft überhaupt keine Vertragspartner gefunden werden.

Euphorie ist allerdings nicht angesagt: Absicherungsgeschäfte können zwar dazu beitragen, mit der Instabilität der Weltmärkte besser zurechtzukommen, warnt etwa die UN-Konferenz für Handel und Entwicklung (UNCTAD); die Instabilität beseitigen können sie nicht. Und sie sind auch gefährlich: Die kanadische Ashanti Goldfields in Ghana - die Regierung ist zu 20 Prozent beteiligt - hatte, wie die meisten Marktteilnehmer, auf sinkende Goldpreise gesetzt. Genau an jenem Tag Ende September, als Ghanas Finanzminister Kwame Peprah bei der Weltbankta-gung die erfolgreiche Hedging-Strategie von Ashanti präsentierte, schoss der Goldpreis plötz-lich in die Höhe, und das Unternehmen stand knapp vor dem Bankrott. Wenn schon kein Schuß vor den Bug, so doch eine wahrlich zeitgerechte Warnung.


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Letzte Änderung: 05 07 2007


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