[Oktober 1998]

Warteschleife für das Internet

Innovative Lösungen und bescheidenere Ziele sind angesagt, wenn auch die Armen in den ländlichen Regionen des Südens Zugang zu moderner Telekommunikation bekommen sollen.

Ein Internet-Zugang für die Mehrheit der Bevölkerung im Süden scheint noch auf längere Zeit ein Hirngespinst zu bleiben. In vielen Ländern haben die meisten Menschen nicht einmal Zugang zu einem Telefonanschluß oder könnten sich ihn nicht leisten, selbst wenn die Infrastruktur vorhanden wäre. Das war 1996 für 675 Millionen oder 45% der weltweit 1,5 Mrd. Haushalte der Fall, wie die Internationale Fernmeldunion ITU in ihrem jüngsten "World Telecommunication Development Report" berechnet. Andererseits befanden sich 42 Millionen Haushalte auf der Warteliste eines Netzbetreibers, und weitere 230 Millionen Haushalte könnten sich im Prinzip ein Telefon leisten, verfügen aber nicht über ein entsprechendes Angebot.

Für diese immerhin fast 300 Millionen Haushalte bestehen durchaus Chancen, in absehbarer Zeit einen Telefonanschluß und schließlich auch Zugang zum Internet zu erhalten. Marktöffnung und Liberalisierung in vielen Entwicklungsländern, zuletzt auch im Rahmen der Welthandelsorganisation WTO, haben zu einem Investitionsboom international agierender Telekommunikationsunternehmen im Süden geführt. Die Zukunftschance Internet spielt dabei ebenso eine Rolle: Wer bereits als Telefon- oder Kabelfernsehanbieter am Markt präsent ist, könnte auch als Internet-Provider die erste Wahl sein.

Bereits zwischen 1984 und 1996 wurden nach ITU-Angaben bei Privatisierungen staatlicher Netzbetreiber 158,5 Mrd. US-Dollar investiert, 54,3% davon im Asien-Pazifik-Raum und 11,5% in Lateinamerika. Gleichzeitig haben sich auch Formen öffentlich-privater Partnerschaften wie etwa BOT ("Build, Operate, Transfer") oder BT (Build, Transfer) entwickelt. Dabei errichten ausländische Unternehmen ein Netz, übergeben es der Regierung oder betreiben es zuvor selbst, während die Regierung am Gewinn beteiligt wird.

Die Erfolge sind beeindruckend. Nach ITU-Angaben verringerte sich in Argentinien, Mexiko und Chile die Zahl der Kunden, die auf einen Telefonanschluß warten, von 1990 bis 1995 von über zwei Millionen auf nicht einmal mehr 300.000; die Wartezeit sank gleichzeitig von zwei bis sechs Jahren auf nur mehr zwei bis fünf Monate. Die Telefondichte stieg nach der Privatisierung in Argentinien von 10 auf fast 18 pro 100 Einwohner, in Thailand (durch BOT-Abkommen) zwischen 1992 und 1996 von 2 auf mehr als 5. Erst im vergangenen Juli ließen Investoren insgesamt 19 Mrd. US-Dollar springen, um sich Teile des staatlichen brasilianischen Telekom-Riesen Telebras zu sichern. Mit dabei sind die in Südamerika stark engagierte spanische Telefonica, Telecom Italia oder der US-Ferngesprächsanbieter MCI. Analysten rechnen mit einer Verdoppelung der bestehenden 17 Millionen Anschlüsse bis 2001, die Zahl der Mobiltelefone sollte sich gleichzeitig auf 13,5 Millionen verdreifachen.

Was geschieht aber mit jenen 675 Millionen Haushalten, die sich beim besten Willen nicht einmal ein Telefon leisten können? Die meisten der betroffenen Menschen leben in ländlichen Gebieten des Südens und in den ärmsten Entwicklungsländern. Hier braucht es wohl andere, innovative Lösungen - und bescheidenere Ziele. Diese sind auf internationaler Ebene bereits formuliert - "Universal Access" oder allgemeiner Zugang. Die Definitionen sind unterschiedlich: In Brasilien heißt das ein Telefon innerhalb von weniger als 5 Kilometern, in Südafrika etwa innerhalb einer in 30 Minuten überwindbaren Distanz. Es geht um die Bereitstellung von Kommunikationsdiensten auf Basis gemeinschaftlicher Nutzung durch sogenannte "Telecenter", wobei Telekommunikation als Instrument einer integrierten ländlichen Entwicklung eingesetzt werden soll. Der Aktionsplan für die LDCs, den die ITU bei ihrer letzten Weltkonferenz im März in Valletta/Malta beschlossen hat, sieht bis zum Jahr 2005 in städtischen Gebieten eine mittlere Telefondichte von 10 und in ländlichen Gebieten zumindest zwei Anschlüsse pro 10.000 Einwohner vor.

Diese Telecenter sollen eine Basisversorgung mit Telefon- und Faxdiensten, aber genauso auch mit E-Mail- und Internet-Diensten bereitstellen. Neben Satellitensystemen sind dabei vor allem Mobilfunktechniken erste Wahl. Kabel erscheint zu kostspielig: Um ganz Afrika auf den Weltdurchschnitt von 12,7 Festnetzanschlüssen pro hundert Einwohner zu bringen, müßten ca. 110 Mrd. US-Dollar investiert werden, schätzt das norwegische Telekom-Unternehmen Telenor.

GrameenPhone
In Bangladesch stehen auch den Ärmsten immer mehr Dorftelefone zur Verfügung

Die Kosten einer modernen Kommunikationsinfrastruktur lassen sich auch in den ärmsten Ländern der Welt finanzieren - das versucht der Gründer der Grameen-Bank, Muhammad Yunus, mit GrameenPhone zu beweisen. GrameenPhone wurde 1996 als Joint venture mit der norwegischen Telenor Invest (51% der Anteile ) und zwei weiteren Aktionären gegründet.

Ziel ist der Aufbau eines GSM-Mobilfunknetzes, das bis 2002 ganz Bangladesch versorgen soll. Mitte 1998 versorgte das Unternehmen lt. Telenor-Angaben bereits 25.000 Teilnehmer, und per Ende 1998 soll es rund 500 sogenannte "Dorftelefone" geben.

Das Konzept entspricht der erfolgreichen Grameen-Bank-Philosophie: 60.000 Mitglieder der Bank sind berechtigt, ein Mobiltelefon per Leasing zu erwerben, und die möglichen Dienste - Sprachübertragung, Kurznachrichten, später auch Fax und E-Mail - auf kommerzieller Basis anzubieten.

Der Kredit für ein Mobiltelefon - 450 US-Dollar - kann in Raten von etwa 3,5 US-Dollar pro Woche getilgt werden. Und dies scheint problemlos möglich zu sein: Die 27jährige Laili Begum etwa, eine der ersten Kundinnen, verdiente mit einem Aufschlag von 2 Cent auf die Minutengebühr von 8 Cent in den ersten drei Tagen bereits 13,5 Dollar.
Einige Beispiele erfolgreicher privater Telecenters wie in Senegal und Peru beweisen, daß selbst hier rein kommerzielle Lösungen möglich sind. Ein Grund ist die höhere Auslastung der bereitgestellten Verbindungen - selbst in reichen Ländern wie Frankreich wird ein privater Telefonanschluß pro Tag im Schnitt nur 8 Minuten lang benutzt, muß sich aber für den Betreiber trotzdem rechnen. Ähnliches gilt für die Kosten von PCs und Modems, die auf viele Nutzer verteilt, plötzlich nicht mehr so unerschwinglich sind. Daß die ländliche Bevölkerung selbst in den ärmsten Ländern an der Kommunikationsrevolution teilhaben kann, versucht "GrameenPhone" in Bangladesch zu beweisen (siehe Kasten).

Kurzfristig sieht die ITU auch in sogenannten "kleinen LEOs" ("Low Earth Orbit"), beruhend auf einem oder wenigen Satelliten, die die Erde in niedrigen Umlaufbahnen (700 - 1500 Kilometer) umkreisen, Chancen für eine Verbesserung der Versorgung. VITA etwa, eine Non-Profit-Organisation, betreibt seit Herbst 1997 einen ans Internet angeschlossenen Satelliten, der jeden Punkt der Erde zumindest viermal pro Tag für zehn Minuten abdecken kann. Nun soll der Dienst durch ungenutzte Kapazitäten kommerzieller LEO-Satelliten erweitert werden, die NGOs gratis für humanitäre und Entwicklungszwecke zur Verfügung gestellt werden würden.

Was ist aber mit hohen Übertragungskapazitäten, die für die meisten vielversprechenden Anwendungen des Internet - Telemedizin, interaktives Lernen, Multimedia - notwendig sind? Auch dies könnte schon im Jahr 2003 selbst in entlegenen Gebieten im Süden möglich sein. Bis dahin will das Konsortium Teledesic, an dem u.a. Microsoft-Chef Bill Gates (als Person), Motorola und Boeing beteiligt sind, sein Projekt "Internet-in-the-Sky" realisiert haben. Teledesic will um neun Mrd. US-Dollar ein Netz von anfangs 288 LEO-Satelliten errichten und dabei Übertragungsraten bis 64Megabit/Sekunde vom Satelliten zum Benutzer bzw. 2 Mbit/s in die andere Richtung garantieren - im "downlink" etwa die 2000fache Geschwindigkeit eines heutigen Modems. Dieses Satellitennetz würde, entsprechende Endgeräte vorausgesetzt, auch den ärmsten Ländern der Welt einen Breitband-Zugang zum Internet bieten, ohne daß eine teure terrestrische Infrastruktur installiert werden müßte. Die Tarife würden zwar von den Providern festgesetzt, sollten aber nach Angaben des Konsortiums nicht höher liegen als für zukünftige kabelgebundene Breitbanddienste - und die wären sicher niedriger als die heutigen.



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Letzte Änderung: 24 08 2008


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