Vor dem Weltgipfel über nachhaltige Entwicklung im August in Johannesburg häuften sich Studien und Berichte, die eine Bilanz des Fortschritts seit dem Erdgipfel in Rio de Janeiro von 1992 zu ziehen versuchten. Eine einfache Messlatte wäre die folgende: Hat sich am gebannten Blick, mit dem weltweit auf das Bruttoinlandsprodukt (BIP) gestarrt wird, etwas verändert? Denn gerade diese Fixierung auf das BIP ist eine der Haupthürden auf dem Weg zu einer nachhaltigen Entwicklung, sagen KritikerInnen: In seiner heutigen Form ist das BIP alles andere als ein verlässlicher Indikator menschlichen Fortschritts, von dem wir uns umgehend verabschieden sollten, um weitere schwerwiegende Fehlsteuerungen zu vermeiden.
Was sind die Hauptkritikpunkte? Erstens unterscheidet das BIP nicht zwischen Transaktionen, die unsere Lebensqualität erhöhen, und solchen, die sie verringern. Die Kosten von Verkehrsunfällen, Krankheiten oder Katastrophen erhöhen das BIP genauso wie der Verbrauch natürlicher, nicht erneuerbarer Ressourcen. Und zweitens erfasst das BIP nur jene Transaktionen, die in Geldform abgewickelt werden. Was "gratis" ist bzw. keinen Preis hat, kommt darin nicht vor - vor allem globale Umweltressourcen sowie die unbezahlte Haus-, Erziehungs- und Betreuungsarbeit.
Löst sich etwa dieses soziale "Unterfutter" der Gesellschaft auf und müssen Dienstleistungen stattdessen am Markt gekauft werden, weist das BIP einen Zuwachs aus - ein Verlust wird als Gewinn dargestellt. Besonders für Entwicklungsländer, wo ein weit größerer Teil der Produktion außerhalb des Markts stattfindet als in reichen Ländern, ist das BIP als Maßstab des Fortschritts noch ungeeigneter: Eine auf das BIP konzentrierte Entwicklungsstrategie kann ausgeblendete Sektoren einer Wirtschaft zerstören und die tatsächliche Lage der Bevölkerung verschlechtern.
In welchem Ausmaß diese "Blindheit" ökonomische Fehlentscheidungen nach sich ziehen kann, lässt sich einer kürzlich im Magazin Science veröffentlichten Studie entnehmen ("Economic Reasons for Conserving Wild Nature", 9. August 2002). Die AutorInnen versuchten, den "Nettowert" naturbelassener Habitate für die Welt zu beziffern - das heißt die Differenz zwischen dem Wert der Produkte und Dienstleistungen, die diese Habitate derzeit liefern, und dem potenziellen Wert bei ihrer Konversion für andere Nutzungen.
Das Ergebnis: Unter dem Strich dürfte die fortschreitende Konversion solcher Habitate die Welt 250 Mrd. US-Dollar pro Jahr und in jedem folgenden Jahr kosten. Neben einem "Marktversagen" - ihr Nutzen für die lokale und globale Gesellschaft ist ein "öffentliches Gut", für das niemand bezahlt - ist dafür auch verfehlte Intervention in Form staatlicher Subventionen verantwortlich, die weltweit auf zumindest 950 Mrd. US-Dollar pro Jahr geschätzt werden.
Tatsächlich ist die Problematik des BIP als Wohlstandsmaßstab seit langem anerkannt. Sogar einer der maßgeblichen Erfinder des Indikators, der US-Ökonom Simon Kuznets (Nobelpreis 1971) verwahrte sich bereits 1934 gegen eine solche Interpretation. Ernsthafte Versuche, diesen Mangel auszugleichen, wurden im wesentlichen erst seit dem zunehmenden Bewusstsein über globale Umweltprobleme und die hartnäckige "Unterentwicklung" in den ärmeren Ländern der Welt unternommen: prominent darunter etwa der "Ökologische Fußabdruck" von Rees und Wackernagel, der versucht, die globale Umweltbelastung durch menschliche Gesellschaften zu messen, oder der Index der menschlichen Entwicklung (HDI) des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen (UNDP).
Weniger bekannt ist, dass auch in der Weltbank bereits versucht wurde, Umwelt-, Human- und bis zu einem gewissen Grad auch Sozialkapital zu berücksichtigen, um die "Genuine Savings" (die "echten Ersparnisse") einer Volkswirtschaft und die Pro-Kopf-Vermögensentwicklung zu messen - mit frappierenden Ergebnissen. 1997 ergab sich für zehn der untersuchten Entwicklungsländer eine negative Vermögensakkumulation und für 40 weitere eine Reduzierung des Vermögens pro Kopf - also, pro Kopf gerechnet wurden 50 Länder ärmer (eine graphische Illustration am Beispiel Ecuadors und Afrikas südlich der Sahara bietet der Text Mangelhaftes Wachstumsmodell). Kein Wunder, dass die Weltbank diese Ergebnisse nicht an die große Glocke hängt.