[April 2005]
Der Preis der Vision
Hohes Wachstum wird es dem Süden ermöglichen, den Großteil der
Kosten für die Umsetzung der Millenniumsziele „aus der Portokassa“
zu bezahlen – der reiche Norden wird sich verschulden müssen, so
nimmt das UN-Millenniumprojekt an.
Was könnte die Umsetzung der
Millenniumsziele insgesamt
kosten – und wen? Gute Frage.
Der im Jänner 2005 veröffentlichte
Bericht
des „UN Millennium Project“ (Link zur Download-Seite) beantwortet
diese Frage allerdings nicht direkt.
Über den Grund darf spekuliert
werden – um reine Nachlässigkeit kann
es sich wohl nicht handeln. Die impliziten
Kosten lassen sich jedoch abschätzen
– auf Basis der Annahmen des Plans und
seiner Finanzierung über eine
International
Finance Facility (IFF) nach dem
Vorschlag des britischen Finanzministers
Gordon Brown.
Zuerst jedoch zur Frage, wie die Gesamtkosten
überhaupt kalkuliert wurden.
Ausgehend von fünf detaillierten
Länderstudien (Bangladesch, Ghana,
Kambodscha, Tansania, Uganda) wurden
Bedarfs- und Kostenschätzungen für die
Umsetzung der einzelnen Ziele erstellt,
anhand vergleichbarer Studien abgesichert
und auf sämtliche Länder unter Berücksichtigung
der lokalen Kosten
(Preisniveau), Bedürfnisse sowie ihrer angenommenen Entwicklung hochgerechnet.
Als Nächstes wurde abgeschätzt:
a) welchen Teil dieser Kosten die Regierungen
im Süden tragen können und b)
welcher Teil der bisher geleisteten offiziellen
Entwicklungshilfe bereits als Beitrag
zur Realisierung der Millenniumsziele
angerechnet werden kann. Aus der
Differenz dieser Beträge ergibt sich eine
Finanzierungslücke, die durch zusätzliche
Mittel aus den reichen Ländern gedeckt
werden muss.
Bei dieser Lücke handelt es sich also um
einen Restbetrag, dessen absolute Höhe
weitgehend von den Annahmen über die
Finanzkraft der Entwicklungsländer bestimmt
wird. Diese wird in erster Linie
vom jeweiligen Wirtschaftswachstum abhängen.
Auch dafür mussten daher Annahmen
gemacht werden. Die Tabelle
zeigt die vom Millenniumsprojekt angenommenen
Pro-Kopf-Wachstumsraten
von 2006 bis 2015.
| Jährliches Wirtschaftswachstum 2006-2015 |
pro Kopf |
Gesamt- wirtschaft |
| Ostasien/Pazifik |
5% |
5,5% |
| Europa und Zentralasien |
3,2% |
3,2% |
| Lateinamerika/Karibik |
3,2% |
4,4% |
| Mittlerer OSten/Nordafrika |
3,2% |
5% |
| Südasien |
5% |
6,6% |
| Afrika südlich der Sahara |
3,2% |
5,5% |
Quellen: UN Millennium Project 2005, World Population Prospects 2004
Vorausgesetzt wurde,
dass die erforderlichen Mittel plangemäß
bereitgestellt und eingesetzt werden. Die
Wachstumsraten der Gesamtwirtschaft
stammen übrigens nicht aus dem Bericht,
sondern ergeben sich auf Basis der
Pro-Kopf-Raten und der jüngsten Bevölkerungsprognose
der UNO (mittlere Variante,
Revision 2004).
Diese Wachstumsraten wurden auf ein
Bruttoinlandsprodukt (BIP) von 2006
(Projektbeginn) angewendet, das anhand
der durchschnittlichen regionalen
Wachstumsraten in der Periode 1997-
2002 ermittelt wurde. Auf dieser – theoretischen
– Grundlage wurde dann die
Finanzierungskraft der Regierungen im
Süden abgeschätzt.
Als tragende Pfeiler des gesamten UN-Millenniumprojekts
können die zwei folgenden
Annahmen gelten: 1. Die Regierungen
im Süden können ihre Ausgaben
für die Millenniumsziele von 2006 bis
2015 schrittweise um bis zu 4% des BIP
erhöhen. 2. Diese Erhöhung gelingt ohne
Aufnahme irgendwelcher Schulden auf
Basis von Mehrwertsteuern, einer verbesserten
Steuereintreibung und Umschichtungen
im Budget.
Flankierende Maßnahmen wie ein weiterer Schuldenerlass
oder ein Teilverzicht auf die Rückzahlung
„weicher“ Kredite sind zwar
ebenfalls vorgesehen; diese Kosten gehören
aber zu den „Restkosten“, die vom
Norden zu tragen sind. Im Gegensatz dazu
sollen die von den reichen Ländern
bereitgestellten zusätzlichen Mittel zur
Gänze über die Emission von Anleihen
am internationalen Kapitalmarkt finanziert
werden – dazu weiter unten.
Nun wurden die so geschätzten Eigenleistungen
der Entwicklungsländer von den (nicht bezifferten) Gesamtkosten abgezogen
und die zusätzlichen Mittel errechnet,
die vom Norden bereitzustellen sind. Diese Mittel werden im Bericht lediglich
für einzelne Jahre angegeben, und
zwar einerseits als Differenz zu den auf
die Umsetzung der Millenniumsziele anrechenbaren
Entwicklungshilfeleistungen
von 2002 („Lücke 1“), andererseits
als Differenz zu den bereits zugesagten
Erhöhungen dieser Leistungen („Lücke
2“).
Letztere Zusagen liegen jedoch großteils
nicht in absoluten Beträgen vor, sondern
als Prozentsatz des Wirtschaftsprodukts.
Insofern hängt die Größe der Lücke
2 vom Wirtschaftswachstum ab. Im
Bericht wird etwa angenommen, dass das
Bruttonationaleinkommen (BNE) der
OECD-Länder real (inflationsbereinigt)
um 2% pro Kopf und Jahr von 28.000
Mrd. US-Dollar im Jahr 2003 auf 36.000
Mrd. Dollar im Jahr 2015 anwächst.
Ein klareres Bild ergibt sich daher, wenn
von der „Lücke 1“ ausgegangen wird: Die
Differenz zum Status quo (2002) entspricht
eher dem tatsächlich erforderlichen
zusätzlichen Beitrag des Nordens.
(Die Beträge der Lücke 2 werden im Folgenden
in Klammer angegeben.) Diese
Lücke 1 wird laut Millenniumsprojekt
im Jahr 2006 70 Mrd. Dollar (48 Mrd.),
im Jahr 2010 87 Mrd. Dollar (50 Mrd.)
und im Jahr 2015 130 Mrd. Dollar (74
Mrd.) betragen. Alle Beträge lauten auf
US-Dollar von 2003, was bedeutet, dass
die tatsächlich erforderlichen Beträge um
die bis dahin akkumulierte Inflation höher
liegen werden.
Was die Realisierung der Millenniumsziele
insgesamt kostet und wie viel
davon die armen Länder zahlen müssten,
bleibt zwar weiter im Dunkeln. Aber es
liegen nun fast alle Informationen vor,
um sich selbst ein Bild zu machen. Drei
zusätzliche Annahmen sind noch nötig:
1. Die „Lücke 1“ steigt jeweils linear von
70 Mrd. (2006) auf 87 Mrd. (2010) und
auf 130 Mrd. (2015)
2. Die Entwicklungsländer
erhöhen ihre Mittel für die
Umsetzung der Millenniumsziele ab
2006 ebenfalls linear (also in Schritten
von 0,4% des BIP/Jahr) um insgesamt
4% des BIP.
3. Die reichen Länder finanzieren
die zusätzlichen Mittel wie im britischen
IFF-Vorschlag vorgesehen durch
die Emission endfälliger Anleihen mit einer
Laufzeit von 15 Jahren zu – dem optimalen
Rating der Weltbank entsprechenden
– Realzinsen von 5% pro Jahr.
(„Endfällig“ = die Anleihe wird erst bei
Ende der Laufzeit zurückgezahlt.)
Was dabei herauskommt, zeigt die Kreisgrafik. Die Umsetzung der Millenniumsziele
nach dem Plan des UN-Millenniumprojekts
könnte insgesamt rund 4.100
Mrd. Dollar (von 2003) kosten; davon
würden die Entwicklungsländer mit
mehr als 2.400 Mrd. Dollar den Löwenanteil
bezahlen. Die von den reichen
Ländern bereitgestellten effektiven Mittel
beliefen sich auf rund 950 Mrd. Dollar,
sie hätten darüber hinaus aber noch
Zinskosten von mehr als 700 Mrd. Dollar
zu tragen.
Wie und von wem diese Mittel
über die Zeit aufgebracht würden, lässt
sich den beiden anderen Grafiken entnehmen.
Die Zinszahlungen der reichen
Länder würden großteils erst nach 2015
anfallen.
Wer den Eindruck hat, dieser Finanzierungsplan
sei bloß ein riesiges Kartenhaus,
liegt so falsch nicht: Jede Annahme
bedingt die andere; erweist sich nur eine
einzige als falsch, fällt alles in sich zusammen.
Nur wenn die zusätzlichen Mittel
rechtzeitig eingesetzt werden, können die
angenommenen Wachstumsraten erreicht
und die Eigenleistungen finanziert
werden. Steigen die Wachstumsraten
aber langsamer als erwartet, scheitert der
Plan ebenso.
Alles müsste wie ein riesiges
Puzzle zusammenpassen
und eintreffen, inklusive
der (ungezählten)
weiteren, dem
Bericht zugrunde liegenden
Annahmen
über internationale
Rahmenbedingungen oder die Auswirkungen
von Liberalisierung und Investitionen,
die nur allzu oft auf Basis perfekter
Märkte bewertet werden. Die gibt es
jedoch nur im Lehrbuch.
Eine nähere Betrachtung verdient jedenfalls
die Annahme, Regierungen armer
Länder könnten ihre Ausgaben für die
Millenniumsziele ohne Schuldenaufnahme
jährlich um 0,4% des BIP erhöhen –
während den unter „budgetären Zwängen“
leidenden Regierungen reicher Länder
zugestanden wird, Ähnliches nur per
Verschuldung auf den internationalen
Kapitalmärkten bewerkstelligen zu können.
Letzteres wird im britischen IFF-Vorschlag
nicht zu Unrecht mit den über
den Zinskosten liegenden Renditen öffentlicher
Investitionen in Entwicklungsländern
gerechtfertigt, die mit durchschnittlich
8% angenommen werden.
Das liefert einen Anhaltspunkt: Regierungen
im Süden haben angesichts ihrer
weit niedrigeren Bonität kaum Chancen,
internationale Anleihen mit weniger als
8% Realzinsen zu platzieren – und Zinsen
von 8% würden ihre Kosten um rund
2.900 Mrd. Dollar mehr als verdoppeln.
Insofern wäre es ohnehin sinnlos, würden
sie sich für die Millenniumsziele verschulden
– oder überhaupt Schulden
aufnehmen.
Eine Vermutung wäre daher,
dass hier die Not zur Tugend gemacht
wird: Wer nicht zu vernünftigen Konditionen
Kredit bekommt, braucht auch
keinen – oder darf einfach keinen brauchen.
Praktisch. Ob’s funktioniert, werden
wir sehen.