[Februar 2003]
Link zum Hauptartikel: Mit Zähnen und Klauen; siehe auch die Inhalte unter gesundheit

Mit Zähnen und Klauen/Weitere Infos

Die nachstehenden Informationen basieren auf einer Antwort auf einen Leserbrief.

1. Warum werden in diesem Zusammenhang nur die Pharmakonzerne angeprangert?

Grundsätzlich sind Artikel, die sich allein auf einen Industriezweig konzentrieren, im Südwind eine Ausnahme. Dass nun gerade die forschende Pharmaindustrie zum Thema gemacht wird, ist aber kein Zufall. Der Grund dafür ist in erster Linie ein politischer. Wie im Artikel erwähnt haben die Regierungen der Entwicklungsländer bei den WTO-Verhandlungen in Doha/Katar im November 2001 eine verbindliche Interpretation der Patentschutzbestimmungen der WTO im Sinne eines Vorrangs der öffentlichen Gesundheitsversorgung zur Voraussetzung für weitere Liberalisierungsverhandlungen gemacht. Damit hat die forschende Pharmaindustrie eine zentrale Stellung für Erfolg oder Misserfolg der "Entwicklungsrunde" der WTO. Und darüber hinaus war es auch an erster Stelle die Pharmaindustrie, die während der Uruguay-Runde (1986-1994) auf die Aufnahme von Patentschutzbestimmungen in das zukünftige Vertragswerk der WTO gedrängt und den Inhalt von TRIPS weitgehend bestimmt hat.

Natürlich gibt es auch weitere Gründe, warum die forschende Pharmaindustrie leicht ins Rampenlicht gerät (wozu auch ihre überdurchschnittliche Ertragskraft gehört). Sie ist zusammen mit dem Biotech-Sektor, mit dem sie zusehends verschmilzt, der Hoffnungsträger einer alternden Bevölkerung der reichen Länder, was die Verlängerung der Lebenserwartung oder die Erhöhung der Lebensqualität im Alter betrifft. Man könnte sagen, sie ist der Kern eines medizinisch-pharmazeutischen Komplexes, der nach Ansicht mancher SoziologInnen in der "aufgeklärten" Gesellschaft den Platz der Religion eingenommen hat (Stichwort "Götter in Weiß"). Keine andere Branche hat eine derart direkte Verbindung zu einer Kernfrage der menschlichen Existenz, der Auseinandersetzung mit der eigenen Vergänglichkeit. Gleichzeitig ist sie aber auch umgekehrt das Feindbild aller, die aus unterschiedlichen Gründen etwa der Gentechnik skeptisch bis ablehnend gegenüber stehen. Es ist ein ziemlich intensiver Cocktail, selbst ohne die Budgetprobleme aller reichen Länder aufgrund steigender Gesundheitsausgaben.

2. Umsätze, Forschungsbudgets, Markteinführungskosten etc.

Der Vergleich zwischen F&E-Aufwendungen, Marketingkosten und Gewinnen ist in direktem Zusammenhang mit der Drohung der forschenden Pharmabranche zu verstehen, bei einer Schmälerung ihrer Gewinne (etwa durch Parallelimporte) ihre F&E-Aufwendungen einzuschränken. Wie bei jeder Investition muss natürlich auch bei privaten Investitionen in F&E ein angemessener Ertrag erzielbar sein, sonst würden diese Investitionen unterbleiben. Jedoch sollte gezeigt werden, dass die Ertragskraft der forschenden Pharmabranche überdurchschnittlich ist und ihr Reingewinn regelmäßig ihre F&E-Aufwendungen übersteigt. Ein Recht der Pharmabranche und ihrer Eigentümer auf überdurchschnittliche Erträge lässt sich aber nicht begründen. Eine Drohung mit der Kürzung von F&E-Aufwendungen wäre daher nur nachvollziehbar, wenn die Möglichkeit bestünde, dass Zwangslizenzierungen in armen Ländern sowie Generika- und Parallelimporte im Zusammenhang mit Notständen im Gesundheitswesen die Erträge der Pharmabranche unter ein angemessenes Niveau drücken könnten. Dass diese Möglichkeit besteht, glaubt kaum jemand, was auch der im Artikel zitierte EU-Handelskommissar Pascal Lamy bestätigt.

3. Spannen der Generikahersteller

Sind die Spannen von Generikaherstellern aufgrund geringerer Kosten sogar noch größer als die der forschenden Pharmabranche, da sie nur wenig für Forschung, Entwicklung und klinische Tests aufwenden und die Markteinführung durch das Original bereits gegeben ist? Das mag ab und zu der Fall sein. Im Artikel wird auf Bemühungen der zuständigen US-Behörden verwiesen, wettbewerbswidrige Absprachen zwischen Patentinhabern und Generika-Herstellern im öffentlichen Interesse zu unterbinden. Derartige Absprachen können in der Tat dazu führen, dass Generikahersteller für einen beschränkten Zeitraum überhöhte Erträge erzielen können. Tatsächlich sind ihre Gewinnspannen niedriger. Nachstehend ein Vergleich der Kostenstruktur zwischen den jeweiligen Top-10 der Markenhersteller bzw. Generikahersteller im Jahr 2000 (Klick auf Bild öffnet neues Fenster). Quelle (Februar 2003): www.kff.org/content/2001/3112/RxChartbook.pdf)


Eklatant ist natürlich das Marktversagen betreffend die Entwicklung von Medikamenten für in armen Ländern vorherrschende Krankheiten (kein Markt, da keine kaufkräftige Nachfrage). Hier muss die öffentliche Hand einspringen, und dass sie es bisher nicht ausreichend getan hat, ist ein Skandal. In diesem Zusammenhang sollte übrigens nicht einseitig ein Versagen von Märkten und des gewinnorientierten Privatsektors angeprangert und das oft ebenso eklatante Versagen von öffentlichen Institutionen vernachlässigt werden, außer in Fällen, wo sich Letzteres auf den Einfluss des Privatsektors zurückführen lässt.


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Letzte Änderung: 05 07 2007


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