[November 2009]

Krise als Katalysator

Ein Preisverfall bei Solarzellen treibt die bisher subventionsabhängige Photovoltaik Richtung Wirtschaftlichkeit. Der Branche droht jedoch ein Verdrängungswettbewerb – mit guten Karten für chinesische Hersteller.

Der Manie folgt die Depression - jedenfalls auf den Finanzmärkten, aber nicht nur: Ähnlich geht es derzeit auch einer jungen Zukunftsbranche, der Photovoltaik-Industrie. 2008 erlebte sie noch ein Rekordjahr: Dank großzügiger Förderungen in Deutschland und Spanien wurden Solarzellen mit einer Nennleistung von ca. 5.600 Megawatt (MW) installiert, womit die weltweiten Kapazitäten auf ca. 15.000 MW stiegen. Doch seit Ende des Vorjahrs herrscht Katzenjammer - nicht zuletzt aufgrund der weltweiten Finanzkrise: Die Banken kämpften seither mit faulen Krediten und Liquiditätsproblemen, was dazu führte, dass die Finanzierung kommerzieller Solarenergieprojekte drastisch gekürzt wurde.

Das war nur ein Faktor. Zudem brach der spanische Markt, der 2008 mit 2.500 MW fast die Hälfte der Nachfrage repräsentierte, weitgehend weg. Die spanische Regierung begrenzte den Markt bis 2012 auf jährlich 500 MW. 2009 dürften sogar nur 375 MW installiert werden, glaubt der europäische Photovoltaikverband EPIA. Und drittens bauten alle Hersteller, ob in Europa, Asien oder in den USA, ihre Kapazitäten ungebremst weiter aus. Zwar wurden die Expansionspläne laut dem US-Marktforschungsunternehmen iSuppli bereits gestutzt - ursprünglich waren für 2009 weltweit 12 Gigawatt (GW) anvisiert - doch könnten im laufenden Jahr bis zu 9 GW hergestellt werden. Das wäre fast das Doppelte einer Nachfrage, die vom Beratungsunternehmen Gartner auf bloß 4,6 GW geschätzt wird.

Mit dem Überangebot begannen die Preise für Solarmodule Ende 2008 zu fallen. Module mit Silizium-Solarzellen kosten nun weniger als zwei Dollar pro Watt, die Hälfte des Preises von 2008. Der weltweite Umsatz der Branche dürfte sich nach einer Prognose von Gartner gegenüber dem Vorjahr auf neun Mrd. Dollar halbieren, und die Preise werden weiter sinken: 2013 könnten Solarmodule im Schnitt nur mehr 1,17 Dollar pro Watt kosten (siehe Tabelle).

Ein Grund für den Preistrend ist, dass die Produktionskosten von Silizium-Solarzellen, der bisher vorherrschenden Technologie, zuletzt wieder stark gesunken sind. Seit 2005 bestand ein Engpass bei Silizium, der den Herstellern, einer Handvoll Unternehmen, enorme Gewinnspannen ermöglichte und die Endprodukte verteuerte. Das hat weltweit entsprechende Investitionen und den Markteintritt neuer Akteure ausgelöst. Auch in China, wo vor drei Jahren noch 95% des Siliziums importiert werden mussten, gibt es nun bereits Überkapazitäten. Laut Gartner übersteigt das Angebot die aktuelle Nachfrage um bis zum Dreifachen. Die Siliziumpreise am freien Markt stürzten ab - von einem Maximum von mehr als 450 Dollar pro Kilo auf bis zu 30 Dollar pro Kilo.

Ein weiterer Grund sind die Kostensenkungen bei einer konkurrierenden Technologie, den so genannten Dünnschicht-Solarzellen des US-Unternehmens First Solar. Im zweiten Quartal lagen die Produktionskosten der Firma aus Arizona bei nur 0,89 Dollar pro Watt. Aufgrund dieser Kostenvorteile dürfte First Solar 2009 seinen Weltmarktanteil von 7,5% auf 12,8% erhöhen und damit zum unangefochtenen Marktführer werden, erwartet iSuppli.

Die jüngste Entwicklung kam nicht unerwartet. Bereits im Vorjahr sprachen Analysten von einem "Big Bang" in der Photovoltaik. Michael Rogol von PHOTON consulting schätzte, dass Firmen 2010 Systeme installieren werden, die eine Kilowattstunde (kWh) in Spanien um 12 Eurocent und in Süddeutschland um 18 Eurocent produzieren. Die so genannte "Netzparität", d.h. Gestehungskosten, die gleich hoch wie der Haushaltstarif sind, könnte also in weiten Teilen Europas früher Realität sein als erwartet. Rasch geht es auch in China: Bei einer Ausschreibung für ein 10-MW-Solarprojekt in der Provinz Gansu ergab sich im Sommer zur Überraschung der Regierung ein Preis von 1,09 Yuan pro kWh (10,8 Eurocent) - der frühere Subventionspreis war 4 Yuan. Strom aus thermischen Kraftwerken (Kohle) kostet in China derzeit etwa 0,3 - 0,4 Yuan/kWh, Windenergie 0,5 Yuan/kWh.

Der bisher vernachlässigte Ausbau der Photovoltaik wird dadurch natürlich begünstigt - in China waren 2008 erst 145 MW installiert. Die Kapazitäten sollen bis 2011 auf 2 GW und bis 2020 auf 10 GW erweitert werden, was von der Regierung mit Großaufträgen und Subventionen gefördert wird - etwa wird sie 50 Prozent der Investitionskosten für Solaranlagen mit einer Kapazität von mehr als 500 MW bis 2011 übernehmen (70 Prozent für entlegene Regionen). Das hilft den chinesischen Herstellern, doch kommen auch ausländische Anbieter zum Zug. Anfang September unterzeichnete First Solar mit der Regierung eine Absichtserklärung über den Bau eines Solarkraftwerks in der Inneren Mongolei, das bis 2019 eine Kapazität von 2 Gigawatt erreichen soll. Auch in den USA wird die Nachfrage durch "grüne" Anteile des staatlichen Konkunkturprogramms, vor allem aber durch Förderungen auf bundesstaatlicher Ebene steigen. Bereits 2009, erwartet iSuppli, dürften in Kalifornien 350 MW installiert werden, im Rest der USA weitere 132 MW.

Im Süden schon wirtschaftlich
In ländlichen Gebieten ohne Anschluss an das Stromnetz, wo weltweit rund 1,6 Mrd. Menschen leben, ist Strom aus Photovoltaik-Anlagen bereits heute wirtschaftlich - billiger als etwa Talgkerzen in den Anden oder Kerosinlampen in Indien. Das Problem besteht zumeist darin, den Kaufpreis vorzufinanzieren. Das macht etwa Grameen Shakti (www.gshakti.org) in Bangladesch - u.a. mit Unterstützung der Weltbank. Mittlerweile wurden bereits rund 220.000 Haushalte mit Solaranlagen ausgestattet, monatlich kommen 8.000 hinzu; 2015 sollen es eine Million sein (das Bild ganz oben zeigt ein "Solar Home System" in den Sundarbans im Mündungsgebiet von Ganges und Brahmaputra). Aus den selben Gründen könnten sich übrigens auch selbstaufladende "Solarhandys" im Süden wie ein Lauffeuer verbreiten. Das Gerangel der Hersteller um diesen Markt ist bereits im Gange.

Ungeachtet der guten Zukunftsperspektiven steht der Branche jedoch ein rascher Konsolidierungsprozess bevor. Das US-Marktforschungsunternehmen Information Network glaubt, dass die Hälfte der aktuell mehr als 200 Solarzellenhersteller das Jahr 2010 nicht überleben könnte - es sieht nach einem Verdrängungswettbewerb aus. Zhengrong Shi, Chef der chinesischen Suntech, derzeit die Nr. 2 der Welt, sorgte etwa Ende August für Zündstoff, als er in einem Interview mit der New York Times angab, in den USA unter den Gestehungskosten anzubieten, um Marktanteile zu gewinnen.

Eine Reaktion kam sofort aus Deutschland, wo einige Anbieter schwer unter der billigeren chinesischen Konkurrenz zu leiden haben: Der Chef der deutschen Solarworld, Frank Asbeck, forderte Anti-Dumping-Prüfungen bzw. Umwelt- und Sozialstandards im Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG), das die Einspeisungstarife für Solaranlagen regelt. Hintergrund dazu ist, dass chinesische Hersteller in Sachen Arbeitsrecht und Umweltschutz verwundbar sein könnten. Zhengrong Shi warf daraufhin der deutschen Solarbranche vor, sie sei bloß nicht mehr wettbewerbsfähig - was übrigens dem Fazit einer nicht öffentlichen Branchenstudie der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) entspricht, aus der die Berliner Zeitung zitierte: Chinesische Hersteller hätten sich einen Kostenvorteil von 44 Prozent erarbeitet, der nur zum geringeren Teil auf Lohnkosten beruhe. Wer überleben will, muss laut LBBW die Produktivität erhöhen, innovativ sein oder die Produktion ins billigere Ausland verlagern.



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Letzte Änderung: 06 11 2010


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