[November 2015]

Rezessionsängste

Mit dem anhaltenden Abschwung in China und in den Schwellenländern ist das Szenario einer globalen Rezession wieder greifbar geworden. Das Drama hat erst begonnen - auch eine Finanzmarktkrise ist im Bereich des Möglichen.

Seit der Finanzkrise 2008/2009 waren die Schwellenländer der Hauptmotor der Weltwirtschaft - rund 75% des weltweiten Wachstums dürften auf ihr Konto gegangen sein. Nun aber sind die "BRICS" - mit Ausnahme Indiens, das dieses Jahr mit plus 7% den Wachstumstrend beibehalten dürfte - fast ein Schatten ihrer selbst: China wird bestenfalls um 7% wachsen, das von Wirtschaftssanktionen gebeutelte Russland steckt ebenso in einer schweren Rezession (-4%) wie Brasilien (-2,6%), und Südafrika schafft vielleicht noch ein Plus von 1,2%. Und es wird eher schlimmer als besser: Frühindikatoren wie Unternehmensvertrauen und Einkaufsmanagerindizes in der Industrie sind sowohl in China, Russland, Brasilien, Südafrika, aber auch etwa in der Türkei teils stark negativ.

Die Abwärtstrends hatten sich spätestens im Vorjahr etabliert, als die Blase auf den Rohstoffmärkten platzte. Die niedrigen Rohstoffpreise allein, schätzte der Internationale Währungsfonds (IWF) in seinem World Economic Outlook von Oktober 2015, würden den Rohstoffexportländern 2015-2017 fast ein Prozent des jährlichen Wachstums kosten. Im ersten Halbjahr 2015 war das Welthandelsvolumen sogar rückläufig, und seit Jahresbeginn verabschiedeten sich Milliarden an "Hot money" aus dem Süden. 2015 dürften die Nettokapitalflüsse in die Schwellenländer erstmals seit 1988 negativ sein (minus 600 Mrd. US-Dollar), so das Institute of International Finance (IIF) Anfang Oktober. Die Wechselkurse befinden sich weiter unter Druck - die Währungen von Rohstoffexportländern werteten nach IIF-Angaben bisher im Schnitt 25% gegenüber dem Dollar ab.


Bereits im August war die Blase an der Börse in Shanghai geplatzt. Der Index brach um 39% ein, verglichen mit seinem Höchstwert im Juni; insgesamt gingen an den weltweiten Börsen in kurzer Zeit rund 9.000 Mrd. Dollar an "Aktienwert" verloren - nach der Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers 2008 waren es 13.000 Mrd. Wie die Regierung in Beijing auf den Crash reagierte, stoß international auf einige Kritik, die u.a. die überraschende, wenn auch geringfügige Abwertung des Yuan betraf. Seither herrscht nicht nur Angst vor einem Kollaps in China, sondern auch vor einem weltweiten Abwertungswettlauf.

Am 17. September folgte ein weiterer "Moment der Wahrheit": Die US-Notenbank (Federal Reserve) verzichtete neuerlich auf eine geringfügige Anhebung der Leitzinsen und beließ sie dort, wo sie sich seit Ende 2008 befinden - nämlich praktisch auf Null. Die Begründung: "Jüngste globale wirtschaftliche und finanzielle Entwicklungen" könnten das Wachstum dämpfen und kurzfristig für "zusätzlichen Abwärtsdruck" auf die Inflationsraten sorgen. Eine Zinsanhebung hätte signalisiert, das alles mehr oder weniger in Ordnung wäre - was nach Ansicht der Federal Reserve offenbar nicht der Fall ist.
Glossar
Schwellenländer: Der Begriff Schwellenländer wird im Text als Synonym für „Emerging Markets“ verwendet, womit in den Wirtschaftsmedien jene (nicht zu den reichen westlichen Ländern gehörenden) Staaten bezeichnet werden, die es durch ihre wirtschaftliche Bedeutung und/oder ihre marktwirtschaftliche Transformation (Russland) auf den „Radarschirm“ der globalen Finanzbranche geschafft haben.
BRICS: Steht für Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika.


Zwei Wochen später folgten weitere negative Signale: unerwartet schwache US-Arbeitsmarktdaten und eine Abwärtskorrektur der globalen Wachstumsprognose durch den IWF. Auch die deutsche Wirtschaft, so das IIF Anfang Oktober, könnte durch ihre starke Abhängigkeit von Exporten in die BRICS-Staaten (fast 4% der Wertschöpfung) ins Strudeln geraten.

Die Liste der offenen Fragen wird immer länger: Stimmen die Wachstumszahlen in China überhaupt? Kann China seine notleidenden Staatsunternehmen und das Bankenystem retten? Ist nun auch die US-Wirtschaft in Gefahr, kommt mit Deutschland der einzige funktionierende Motor der Eurozone ins Stottern? Droht eine weltweite Rezession?

Die Antworten werden auch die Entwicklung an den globalen Kredit- und Anleihenmärkten bestimmen, wo sich enorme Risiken angesammelt haben. Die weltweite Gesamtverschuldung (Unternehmen, Finanzinstitutionen, Staat, Haushalte) ist seit der Finanzkrise auf einen Rekordwert angeschwollen, sowohl nominell als auch im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung (siehe Grafik). Aber nur etwa ein Drittel der zusätzlichen 57.000 Mrd. Dollar hat sich als Wirtschaftswachstum niedergeschlagen: Ein großer Brocken ging in die Bankenrettung, und der Rest strömte in die Finanzmärkte, finanzierte Fusionen, Übernahmen und Aktienrückkäufe und trieb die Börsenindizes weltweit in die Höhe.


Außerdem haben die historisch niedrigen Renditen, eine beabsichtigte Folge der Nullzinspolitik und der enormen Anleihenkäufe der Notenbanken, nicht nur spekulative Hedgefonds, sondern das gesamte Anlegerspektrum in riskantere Veranlagungen getrieben. Dazu gehören der so genannte "High-Yield-Sektor", beispielsweise US-Schieferöl- und Schiefergasunternehmen, deren Anleihen durch ihre Öl- und Gasreserven besichert sind, insbesondere aber auch Schuldtitel von Unternehmen aus Schwellenländern. Deren Verschuldung hat sich in den letzten zehn Jahren mehr als verfünffacht - auf 23.700 Mrd. Dollar Anfang 2015 (IIF); 18% davon in Fremdwährungen (zumeist US-Dollar), ein Drittel mehr als 2008.

Während der Subprime-Krise in den USA die Wette zugrundelag, dass Eigenheimpreise nur steigen können, wurde seither sowohl von Gläubigern wie Schuldnern darauf gewettet, dass die Wachstumsraten hoch und die Zinsen niedrig bleiben. Gegen Kurs-, Ausfalls- und Zinsrisiken hat man sich vermeintlich abgesichert - mit Finanzderivaten, die sich jedoch als ebenso wirkungslos erweisen werden wie eine Hagelversicherung, wenn es überall hagelt. Mit dem weiteren Rückgang des Wachstums dürften die Insolvenzzahlen in die Höhe schnellen, wie es in Brasilien bereits der Fall ist - und dann könnte etwa ein Konkurs vom Kaliber der Lehman-Pleite durchaus eine Stampede auslösen.
Offizielle Krisenwarnung
IWF, Global Financial Stability Report Oktober 2015: imf.org/External/Pubs/FT/GFSR/2015/02/index.htm


Wie einem neuerlichen Konjunktureinbruch im Norden entgegengesteuert werden könnte, ist fraglich. Die Situation der öffentlichen Haushalte ist angespannt, und die geldpolitischen Instrumente sind bereits ausgereizt (Nullzinsen) oder scheinen ineffektiv (Anleihenkäufe). Die Zentralbanken sind aber noch nicht am Ende ihres Lateins: Über Schritte wie Negativzinsen und sogar eine direkte Finanzierung von Staatsausgaben wird bereits inoffiziell diskutiert. Es wäre ein Tabubruch, der auch den Schwellenländern entsprechende Perspektiven ermöglichen würde. Wir leben in interessanten Zeiten.



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Letzte Änderung: 12 11 2016


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