ich, ein terrorist?

Das Foto in dem nachstehend abgebildeten Artikel (erschienen im österreichischen Nachrichtenmagazin profil, www.profil.at, am 6. Dezember 1977) zeigt mich in der rechten unteren Ecke vor dem Eingang zum Hauptgebäude der Universität Wien, und zwar während einer Kundgebung gegen Neonazis. Fälschlich wird aber angegeben, ich wäre jemand anderer, nämlich ein Student, der später wegen seiner Beteiligung an der Entführung eines österreichischen Industriellen (Palmers) zusammen mit zwei anderen jungen Österreichern verurteilt wurde; einer dieser beiden sitzt auf dem Foto neben mir.

Bei der Entführung, die unblutig zu Ende ging, handelte es sich um eine Finanzierungsaktion der "Bewegung 2. Juni", einer linken Splittergruppe, die sich zum bewaffneten Kampf gegen Kapitalismus und Imperialismus bekannte. Ihr Name erinnert an den Tod des deutschen Studenten Benno Ohnesorg, der am 2. Juni 1967 während einer Demonstration gegen den Schah des Iran in Berlin von einem Polizisten erschossen wurde. Es schien damals, als ob diese Gruppe sich mit den Resten einer anderen, besser bekannten bewaffneten Gruppe, der Roten Armee Fraktion (RAF) zusammengeschlossen hätte.

Von allen drei später verurteilten jungen Österreichern war bekannt, dass sie mit dem bewaffneten Kampf sympathisierten, aber kaum jemand hätte ihnen diese praktische Konsequenz zugetraut - auch ich nicht. Meine Beziehung zu ihnen beruhte auf meiner Überzeugung, dass die Haftbedingungen der gefangenen Mitglieder "terroristischer" Organisationen in Deutschland (etwa Incommunicado-Haft) als schwere Menschenrechtsverletzungen einzustufen waren. Diese Auffassung teilten damals auch amnesty international und führende liberale Persönlichkeiten in Deutschland und anderswo, und eine Nähe zu "Terrorgruppen" kann daraus nicht abgeleitet werden.

Abgesehen von dieser politischen Beziehung war mir der Student, mit dem ich verwechselt wurde, durchaus sympathisch. Wie mir im Nachhinein klar wurde, entwickelte er während seines Kontakts mit der erwähnten Organisation offensichtlich einige autoritäre Züge, eine Art zweite Persönlichkeit. Innerhalb weniger Minuten oder sogar Sekunden konnte er wieder zu seiner früheren Persönlichkeit wechseln, als ob alles wie früher wäre. Bei dieser scheinbaren Schizophrenie könnte es sich ganz allgemein um eine Auswirkung der Zugehörigkeit zu Organisationen mit einer militärischen oder quasi-militärischen Struktur handeln.




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Letzte Änderung: 05 07 2007

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