Rückgang der US-Gesamtverschuldung // Ökonomen der Bank für internationalen Zahlungsausgleich bestätigen Risiken einer zu hohen Verschuldung
Auch einige Jahre nach dem Platzen der US-Immobilienblase wird in Medien immer wieder berichtet, dass die Krise von den meisten Ökonomen nicht vorhergesehen wurde.
Mein liebstes Zitat in diesem Zusammenhang: "I really didn't get it until very late in 2005 and 2006". Es stammt von Ex-Fed-Chef Alan Greenspan aus einem Interview im September 2007 mit dem Sender CBS über seine Wahrnehmung der Vergabepraktiken im US-Hypothekarkreditgeschäft und deren potenzielle Auswirkungen auf die Wirtschaft.
Für mich ist diese angebliche Unvorhersehbarkeit
ein nach wie vor ungelöstes Rätsel. Meines Erachtens hätte es allein ausgereicht, sich die Entwicklung der Gesamtverschuldung in der US-Wirtschaft sowie der Sparquote der privaten US-Haushalte anzusehen, um "Alarmstufe Rot" auszugeben, wie die beiden nachstehenden Grafiken illustrieren. Die Gesamtverschuldung hatte bereits Anfang des Jahrtausends den bisherigen Höchststand aus den 1930er Jahren überschritten, und die private Sparquote war bereits negativ.
Die beiden Kennzahlen gehören zu den Daten, die ich in meinem ausführlichsten Kommentar zur Schuldenkrise in den USA herangezogen habe -
Schulmeister auf Abwegen?
Mittlerweile geht die US-Gesamtverschuldung (öffentliche und private Schulden in % des Bruttoinlandsprodukts/BIP) wieder zurück, wie ich einem Beitrag auf marketwatch.com entnehme (
U.S. debt load falling at fastest pace since 1950s). In den elf Quartalen seit dem offiziellen Ende der US-Rezession fiel sie von 373% auf 336% des BIP. Das ist zwar immerhin eine positive Entwicklung, aber der Weg zu einer Gesundung ist sehr weit: Die Verschuldung ist damit noch immer um mehr als 100% höher als Anfang des Jahrtausends!
Im selben Beitrag wird auf eine Studie von Ökonomen der Bank für internationalen Zahlungsausgleich verwiesen (
The real effects of debt; Link zum Download), die im September 2011 erschien. Darin wird empirisch analysiert, ab welchen Niveaus die Schulden der privaten Haushalte, der Unternehmen und des öffentlichen Sektors mit negativen Effekten auf das Wirtschaftswachstum verbunden sind.
Der erste Satz des Papers lautet übrigens interessanterweise "Debt is a two-edged sword" - genau diesen Ausdruck habe ich vor Jahren im Rahmen einer Beitragsserie zur Geldschöpfung verwendet (
Zweischneidiges Schwert). Eingeräumt wird, dass die Volkswirtschaft Probleme hatte, die Rolle der Verschuldung für die gesamtwirtschaftliche Entwicklung zu begreifen, und dass dieser Mangel durch die letzte Krise offensichtlich wurde. ("On the fringe were theoretical papers in which debt plays a key role, and empirical papers concluding that the quantity of debt makes a difference. The latest crisis has revealed the deficiencies of the mainstream approach and the value of joining those once seen as inhabiting the margin.")
Identifiziert werden Schwellenwerte, ab denen die Verschuldung eine Gefahr für das Wachstum darstellt: 85% des BIP für die Staatsverschuldung, 90% für den Unternehmenssektor und geschätzte 85% für die privaten Haushalte (Letzteres "extremely imprecise"). Eine der Schlussfolgerungen der Autoren lautet daher, dass die Schuldenprobleme der reichen Länder v.a. in Zusammenhang mit der Alterung der Bevölkerung sogar noch größer sind als angenommen - die Gefahr eines negativen Feedbackeffekts, eines Teufelskreises besteht: die Alterung führt zu höherer öffentlicher Verschuldung, senkt das Wachstum und könnte ein höheres Zinsniveau bewirken, was die Bedienung der Schulden erschwert.
Für mich befriedigend sind die Anerkennung der Rolle der Gesamtverschuldung sowie der Gefahr einer bevorstehenden historischen Wachstumsschwäche. Allerdings beenden die Autoren ihre Studie mit einer merkwürdigen Empfehlung: "In the end, the only way out is to increase saving" - also die Ersparnisse müssten erhöht werden.
Dass mehr Sparen letztlich kein Ausweg aus einer Wachstumsschwäche sein kann, sollte angesichts der Probleme in der Eurozone hinlänglich klar sein. Offenbar haben die Autoren doch etwas Prinzipielles nicht ganz begriffen ...