Baumleichen, Hitzeinsel, Verdichtung & Versiegelung

Der heiße und trockene Sommer scheint zahlreichen standort-gestressten Bäumen am und um den Yppenplatz den Rest zu geben. Die Wohnbauten und Umgestaltungen aus der Ideenkiste der Bezirksverwaltung sorgen für eine weitere Aufheizung des lokalen Klimas.

Baumleiche in speAls Anrainer genieße ich das Privileg, den von mittlerweile zwei kostspieligen Umgestaltungen betroffenen Yppenpark direkt von meiner Wohnung aus bewundern zu dürfen. Was nicht unbedingt ein Genuss ist. Im Laufe des Sommers begann sich einer der vor einigen Jahren gepflanzten Ahorne in eine Baumleiche in spe zu verwandeln. Was auch immer diesem Baum neben der Hitze so zusetzt, werden wir genau wohl nie erfahren. Bisher sah er halbwegs normal aus. Klar ist leider nur, dass die 2010 vollmundig angekündigte Beschattung im Yppenpark in immer fernere Zukunft rückt. Aber es gibt ja den Huberpark … (siehe Rashomon am Yppenplatz).

Silberlinde mit AblaufdatumEin herber Rückschlag war in dieser Hinsicht ja auch auf der Piazza zu verzeichnen, die seit April 2015 um zwei Silberlinden ärmer und um zwei kleine Zürgelbäume reicher ist. Der dritten schon etwas maroden Linde am „Extremstandort“ gab das Stadtgartenamt offenbar noch eine Gnadenfrist – in Anbetracht ihres aktuellen Zustands dürfte dieselbe aber eher kurz bemessen sein (siehe Foto). Was die Umbenennung des dortigen Lokals Miš in „Zu den drei Linden“ fast prophetisch erscheinen lässt, denn von den ursprünglich sechs Linden auf der Piazza werden bald wirklich nur mehr drei vorhanden sein.

Brunnengasse, vitaler Jungbaum 1
Brunnengasse, vitaler Jungbaum 2

Ums Eck in der Brunnengasse sieht es weiterhin nicht gerade erfreulich aus: Den „vitalen“ Jungbäumen dort scheint mehrheitlich jeder Lebensgeist zu fehlen (Fotos links).
Götterbaum: vital, aber böse
Ziemlich wohl scheint sich dagegen der Götterbaum zu fühlen, dessen Krone hier über den Standldächern zu erspähen ist (Foto rechts). Das wird ihm aber auch nicht helfen, denn das ist ein ganz ein böser (ein invasiver Neophyt), der Fundamente aushebeln kann. Also nix mit Grün und Schatten, der muss weg. Was so einfach nicht ist, wenn man den Wurzelstock nicht rausbekommt. Wir werden’s sehen.

Friedmanngasse, Baum 1Friedmanngasse, Baum 2

Die Friedmanngasse einen Häuserblock weiter ist ja seit einiger Zeit Einbahn, womit zwar in erster Linie Parkplätze geschaffen wurden, aber ein paar Bauminseln gingen sich auch noch aus. Ideale Standorte dürften das aber nicht sein, wie sich an den beiden Exemplaren gleich neben der Brunnengasse erkennen lässt.

Die Bäume sind im Trockenstress, bestätigt das Stadtgartenamt – und beruhigt: Die Bäume werden im nächsten Jahr wieder austreiben. Abwarten und Tee trinken. Siehe Früher Laubfall wegen Hitze (ORF, 24.8.2015).

Das Grätzel ist offenbar ein schwieriges Terrain. Vielleicht hängt das alles ja auch damit zusammen, dass der gürtelnahe Bereich von Ottakring mit den zahlreichen weitgehend verbauten Hinterhöfen eine der Hitzeinseln Wiens ist. Dieselbigen zu entschärfen hat sich die Gemeinde Wien ja seit einiger Zeit zum Ziel erkoren (siehe UHI – Urbane Hitze Inseln).

Am Gürtel, 1
Am Gürtel, 2

Was sich aber offenbar noch nicht bis in die Ottakringer Bezirksvertretung herumgesprochen hat, denn bei der jüngsten Umgestaltung des Platzes vor dem Büro- (unten) und Boboturm (oben) am Gürtel (siehe Hernalser: Symbolträchtiger Turm) wurde offenbar darauf Wert gelegt, die lokale Wärmespeicherfähigkeit zu maximieren: Anstatt den durch die Entfernung der früheren Tankstelle entstandenen Raum für eine Grünfläche zu nutzen, wurde der Boden lückenlos versiegelt (bis auf den zentralen Kanalabfluss). Erstaunlicherweise soll sich dieses Konzept gegen mehrfache Konkurrenz durchgesetzt haben. Ich will nicht behaupten, dass der sichtbare Schädlingsbefall der beiden Roßkastanien damit etwas zu tun hat. Er passt aber ins Gesamtbild.

Friedmanngasse 42
Brunnengasse / Ecke Neulerchenfelderstraße
Bergsteiggasse 6

Apropos Gesamtbild. Die laufende Schaffung von neuem Wohnraum für die Mittel- und Oberschicht im Grätzel, ob privat finanziert oder mit Wohnbaufördermitteln ermöglicht, trägt ganz und gar nicht zu einer Verbesserung des lokalen Klimas bei, ganz im Gegenteil: Das Ergebnis ist eine bauliche Verdichtung.

Für das Projekt in der Friedmanngasse 42 etwa wurden einige Altbäume geopfert (u.a. wegen der Tiefgarage), das bisschen Luft durch die Baulücke Ecke Brunnengasse-Neulerchenfelderstraße wird einem freifinanzierten Wohnbau weichen (= Miet-/Eigentumswohnungen zu Marktpreisen, also teuer), und was an der Baulücke in der Bergsteiggasse 6 (Foto rechts unten) entsteht, wird – in Form von Beton und Asphalt – die frühere Wärmespeichermasse um zumindest das Dreifache erhöhen, was natürlich auch für den geplanten Wohnbau an der Brunnengasse gilt: Die früheren ein- und zweigeschossigen Altbauten werden durch Gebäude mit fünf Stockwerken oder mehr ersetzt.

Zynisch betrachtet ist es übrigens durchaus im Sinne der offiziellen „Aufwertungsstrategie„, wenn es hier im Sommer in den Wohnungen immer heißer wird. Das dürfte nämlich die Lebenszeit der verbliebenen AltmieterInnen (das sind die mit den unanständig niedrigen Mieten) verkürzen, mit dem Effekt, dass man die Wohnungen und Zinshäuser rascher leer bekommt, um sie endlich einer marktgerechten und damit lukrativeren Nutzung zuzuführen. Alles neu oder top-saniert, und wärmegedämmt natürlich. Bösartige Hintergedanken, die ich niemandem unterstellen will.

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