„Hernalser“: Symbolträchtiger Turm

Der neue Büroturm am Hernalser Gürtel, der von den Bauherren „Hernalser“ getauft wurde, eignet sich aus mehreren Gründen als Symbol der „Aufwertung“, die seit einigen Jahren im Yppen-/Brunnenviertel inszeniert wird. Das liegt natürlich einmal an seiner Sichtbarkeit – wobei sich bereits die Frage stellt, wie die Widmung für die realisierte Bauhöhe (45 m) zustande kam.

Jedenfalls ist schon allein dieser Umstand ein Ärgernis: Das Ding verschandelt mir einfach die Aussicht. Neben dem einen, noch sichtbaren der beiden fein strukturierten Türme der Breitenfelder Pfarrkirche (1898, „lombardische Frührenaissance“, unter Denkmalschutz) erhebt sich nunmehr ein grober Klotz; das Beste an ihm ist wohl, dass sich die untergehende Sonne von meiner Wohnung aus gesehen in den Fenstern spiegelt. [Mittlerweile eher der stattliche Fuchs, den ich am 30.11.2013 nachts in das (offene, da noch Baustelle) Erdgeschoss wechseln und dort stöbern gesehen habe …]

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Dass ich diesem Projekt nur wenig abgewinnen kann, liegt aber auch an anderen Gründen: Es entspricht fast perfekt der fehlgeleiteten Entwicklung des Immobilien- und Wohnungsmarkts in Wien in den letzten Jahren, Jahrzehnten eigentlich. Was in Wien immer mehr fehlt, ist erschwinglicher Wohnraum für sozial Schwache und NormalverdienerInnen; was früher vorhanden war – „Substandardwohnungen“ – wurde durch diverse Sanierungs- und Aufwertungskampagnen der Stadtverwaltung weitgehend vernichtet.

Was durch den „Hernalser“ geschaffen wird, sind im Wesentlichen nur Büroflächen. Die Eigentumswohnungen in den Stockwerken 9, 10 und 11 sind lediglich für eine äußerst kaufkräftige Klientel gedacht: ein – laut Werbeprospekt – „ideales Zuhause für urbane Freigeister“, die über das nötige Kleingeld verfügen. Die Quadratmeterpreise (bezogen auf die Wohnfläche) beginnen bei ca. 5.500 Euro; im Dachgeschoss sind wir bei weit über 8.000 Euro (Details siehe u.a. unter www.piment.at).

Dass mit dem Büroturm „Kaufkraft“ ins Viertel geschleust wird, dürfte wohl stimmen; allerdings werden davon allenfalls ein paar Gewerbetreibende profitieren (übrigens ein Nullsummenspiel auf Wiener Ebene – die Kaufkraft wird woanders abgezogen). Der Rest der AnrainerInnen wird davon bestenfalls vorerst nichts bemerken, mittelfristig wird das Leben hier aber teurer werden – durch höhere Preise oder durch eine Verdrängung vorhandener Geschäfte/Betriebe zugunsten einer betrieblichen Infrastruktur, die dem Bedarf der neu Zugezogenen entspricht. Eine klassische Entwicklung. Bei wem sollen wir AnrainerInnen uns dafür bedanken?

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