Rashomon am Yppenplatz

Schwank in drei Akten. Hauptakteure: die Gemeinde Wien und das Stadtgartenamt. In den Nebenrollen: Paulownien, asiatische Bockkäfer und die BürgerInnenbeteiligung.
Entstehungszeitpunkt: Herbst 2012.

1. Akt
Ort des Geschehens: Der Yppenplatz in Neulerchenfeld, Ottakring, Wien 16, der bereits Ende der 90er Jahre einer Umgestaltung unterzogen wurde. 2010 ist es wieder so weit. Wien schenkt seinen BürgerInnen einen moderneren, grüneren Park, finanziert mit Steuergeldern – 50% davon, 352.170 Euro, aus dem EU-Programm „Regionale Wettbewerbsfähigkeit und integrative Stadtentwicklung“. (Näheres dazu im leider vergriffenen Handbuch „Österreich als Nettozahler: Wie man sich das Geld wieder zurückholt“.)

Die Schenkung war dringendst erforderlich, denn der Platz war „aufgrund seiner hohen Nutzungsfrequenz unterschiedlichster Interessensgruppen … zuletzt stark abgenutzt“, wie es auf der Website der Stadt Wien dazu heißt, und wurde deshalb „im Rahmen eines BürgerInnenbeteiligungsverfahrens gemeinsam mit den Anrainerinnen und Anrainern“ umgestaltet.

Für die nicht so Ortskundigen

Für die nicht so Ortskundigen

Das muss natürlich gefeiert werden. Die Eröffnung im Juni 2010 ist von einem enormen Tam-Tam begleitet, woran nicht ganz unschuldig sein dürfte, dass gerade Vorwahlzeit ist. Als Zeremonienmeisterin betätigt sich die zuständige Stadträtin höchstpersönlich. Der Yppenpark präsentiere sich nun „moderner und grüner“, es gebe „vitale Jungbäume“, und durch die neue Begrünung mittels zweier Pergolen werde die Mitte des Platzes beschattet.

Davon ist natürlich noch nichts zu bemerken. Die Sonne brennt auf alle Anwesenden herunter. Auffällig ist in erster Linie die farbliche Gestaltung des Bodens. Es gibt jetzt violette und blaue Zonen.

Das stört mich aber alles kaum. Was mich schon irritiert, ist die Sache mit der BürgerInnenbeteiligung. Wieso wusste ich nichts davon? Immerhin wohne ich ja dort, sogar am Yppenplatz Nr. 1. Jeden Tag sehe ich auf den Platz hinunter. Viel mehr Anrainer kann mensch ja nicht sein, oder? Außerdem hätte ich da schon gerne was dazu gesagt.

Plan des Umgestaltungskonzepts

Plan des Umgestaltungskonzepts

Wie mich ein bezirkspolitisch aktiver Bekannter aufklärt, nimmt die SPÖ das mit der BürgerInnenbeteiligung nicht immer so genau. In manchen Fällen, eben auch in diesem, müssten halt ein paar ParteigenossInnen, etwa von den Kinderfreunden (Platzbetreuung), als AnrainerInnen herhalten. Das wär’s dann.

Aha, so ist das. Ähnliches hatte ich schon befürchtet. Denn es wollte mir einfach nicht gelingen, auf den Internetseiten der Stadt Wien eine verbindliche Definition von „BürgerInnenbeteiligung“ zu finden.

2. Akt
Rückblende: Ende der 1990er Jahre wird der Yppenplatz zum ersten Mal umgestaltet, damals immerhin mit etwas mehr Beteiligung der lokalen Bevölkerung. Meine Begeisterung hielt sich wegen der begleitenden Verluste dennoch in Grenzen. Die da wären: Ein schönes Sanddornbäumchen in der Mitte des Platzes (ersetzt durch eine Asphaltdecke), die prächtig blühenden Holunderbüsche am Zaun an der Westseite (ersatzlos gerodet; Büsche sind eine unerträgliche Gefahr für Frauen und Mädchen) und eine völlig gesunde, gelb blühende Blasenesche (ebenfalls ersatzlos gestrichen).

Die Blasenesche musste offenbar weichen, da der letzte der neuen Marktstände an der Nordzeile – die alten wurden allesamt abgerissen – um keinen Meter schmäler sein durfte als die anderen. Wahrscheinlich hatte das zuständige Marktamt den prospektiven Stand schon vermietet, und was ist schon ein Baum gegen diesen Einnahmenentgang. Zudem war sie etwas schief gewachsen – unerhört, was sich die Bäume herausnehmen. Andererseits handelt es sich um ein untrügliches Indiz dafür, wie achtlos frühere Stadtverwaltungen mit dem Baumbestand umgingen. Unter einem modernen und verantwortungsbewussten Stadtgartenamt hätte es diesen Baum erst gar nicht gegeben.

Letztlich konnte auch eine zeitweilige Baumbesetzung, sprich Erkletterung, nichts mehr an ihrem Schicksal ändern. An derselben waren übrigens mindestens zwei (mir gut bekannte) Menschen beteiligt, die sich noch dazu offensichtlich zu diesem Zweck verabredet hatten – also ein klarer Fall von OK. Ein Glück, dass das damals niemandem aufgefallen ist. Aber vielleicht gilt das ja nur für TierschützerInnen.

Ein alter Trompetenbaum musste wenige Jahre später auch noch entsorgt werden. Alles in allem war seit der Umgestaltung Nr. 1 doch ein empfindlicher Rückgang der lokalen Artenvielfalt zu beklagen, Vögel inklusive (keine Büsche mehr).

Immerhin gab es einen Lichtblick in Gestalt eines Blauglockenbaums (Paulownie), der in der Nähe der öffentlichen Toilette gesetzt wurde. Der wuchs wunderbar, mit arttypisch ausladenden Ästen und großen Blättern. Dann ließ das Stadtgartenamt (MA 42) die Stammstützen entfernen. Offenbar zu früh: Nicht lange darauf wurde er Opfer einer Windböe; der Stamm brach wenige Zentimeter über dem Boden glatt ab. Doch die MA 42 blieb beharrlich und setzte wieder einen Blauglockenbaum, am selben Ort. Auch der entwickelte sich großartig.

3. Akt
Wir schreiben wieder 2009/2010. Die Umgestaltung Nr. 2 ist im Gange. Mit einigem Befremden beobachte ich, wie Beauftragte des Stadtgartenamts die Paulownie Nr. 2 samt Wurzelstock ausgraben. Später wird sie in der Nähe des Fußballkäfigs wieder eingesetzt. Dort gibt sie nach kurzer Zeit den Geist auf.

Das war vor der Eröffnung. Vielleicht ein Omen, denn seither mehren sich die Anzeichen, dass das neue Konzept unter einem schlechten Stern geboren wurde. Etwa dort, wo bisher die Paulownie gedieh, wurden zwei neue Bäume – Ahornarten offenbar – gesetzt. Einer davon verkümmerte bereits 2011 und wurde ersetzt (durch wieder eine andere Baumart); auch der zweite, größere, sieht nach drei Saisonen – 2010, 2011, 2012 – ziemlich krank aus. Die Unterpflanzung unter den im Süden in Zweierreihen neu gesetzten Linden ist gescheitert, die Kletterpflanzen an den Pergolen kommen nicht wirklich hoch (von Beschattung kann keine Rede sein), und 2011 wurde ein weiterer „vitaler Jungbaum“ Opfer eines Betriebsunfalls: Neuer Sand für den Sandkasten wird angeliefert, ein 4m-Bäumchen steht im Weg, an dem man mit der Kranschaufel einfach nicht vorbeikommt, knirsch, knacks, abgehackt in 2m Höhe.

Anfang Oktober 2012

Anfang Oktober 2012

So wird das nichts, denke ich mir. Die Gründe für das Scheitern liegen auf der Hand: Weder die Unterpflanzen bei den Linden noch die Kletterpflanzen an den Pergolen sind ausreichend geschützt (siehe Bilder). Hier wird u.a. Fußball gespielt, auch außerhalb des Fußballkäfigs, da es glücklicherweise mehr Kinder in der Gegend gibt als spielenderweise in den Käfig passen, und es gibt einen Haufen Vierbeiner mit einer Vorliebe für vertikal ausgerichtete Notdurftplätze, die in Wien schon größere Bäume erledigt haben. Schließlich fühlen sich einige Baumarten an ihren Standorten offensichtlich nicht wohl.

Nachdem ich leider nicht an der BürgerInnenbeteiligung beteiligt wurde, nehme ich nun die allen offenstehende Möglichkeit der Mitgestaltung in Anspruch: Ich wende mich an den Bürgerdienst der Stadt Wien und fordere „entschlossenere und zielorientiertere Schritte zur Begrünung und Beschattung des Yppenparks“, darunter der Vorschlag, es doch wieder mit Blauglockenbäumen zu versuchen (nebst Hinweis auf den bisherigen Erfolg).

Ende August 2012

Ende August 2012


Mitte Oktober 2012 erhalte ich die Antwort des Stadtgartenamts, per E-Mail via Bürgerdienst.

1. Zum Betriebsunfall bei der Sandlieferung: „Betreffend des entfernten Jungbaumes kann berichtet werden, dass dieser mit dem asiatischen Bockkäfer befallen war und daher so rasch wie möglich entfernt werden musste.

2. Zum Blauglockenbaum: „Der von Ihnen priorisierte Blauglockenbaum erfüllt nur teilweise die Anforderungen an einen Stadtbaum – dessen Jungbäume sind nicht ausreichend frostsicher – sein Holz ist leicht windbrüchig und wird daher in stark frequentierten Bereichen nicht mehr verwendet.

Das darf ja wohl nicht wahr sein. Der Baum, der versehentlich umgehackt wurde, hätte also ohnhin entfernt werden müssen?

Dann war wohl göttliche Vorsehung im Spiel, als der LKW-Lenker mit den Kranhebeln hantierte. Oder vielleicht gab’s einen Anruf: „Sagen Sie mal, Herr Mlinkovic, kennen Sie den asiatischen Bockkäfer? Nein? Egal, vergessen Sie’s. Aber Sie liefern ja heute den neuen Sand am Yppenplatz, oder? Da steht da ein Baum im Weg, Sie werden’s schon sehen. Wär ganz praktisch, wenn Sie da ein bisschen ankommen würden mit der Kranschaufel. Nein, natürlich nicht ein bisschen, schon ordentlich. Ja, genau. Nein, nein, geht alles in Ordnung.“

So war es aber wohl nicht. Asatische Bockkäfer (die wirklich gefährlich sind) befallen in erster Linie Ahorn, Pappel, Weide, Esche, Rosskastanie und Apfel, wie meine Recherchen ergeben; der von der MA 42 entsorgte Baum war das von mir erwähnte verkümmerte Exemplar der Ahornart, und den Betriebsunfall wollte die MA 42 offenbar nicht zugeben, warum auch immer.

Und die Paulownie wird „an stark frequentierten Bereichen“ nicht mehr verwendet?

Das muss eine ganz neue Vorgabe sein. 2010 kann sie jedenfalls nicht gegolten haben, denn wie oben beschrieben wurde die Paulownie Nr. 2 sogar von einem eher ruhigen Platz zu einem weit stärker frequentierten versetzt. Und abgesehen davon, dass beide Bäume den Winterfrost schadlos überstanden hatten: Wenn die leichte Windbrüchigkeit des Holzes bekannt ist, warum wurden dann die Stammstützen der Paulownie Nr. 1 so früh entfernt? (Sofern ich das nicht halluziniert habe, denn die beiden Blauglockenbäume gab’s ja gar nicht – laut MA 42 jedenfalls.)

Wie dem auch sei. Die MA 42 sieht sich selbst jedenfalls als ohne Fehl und Tadel. Zugegeben wird allein, dass die Unterpflanzung unter den im Süden in Zweierreihen neu gesetzten Linden gescheitert ist, ebenso wie bisher die Begrünung der westlichen Pergola, was ich in meinem Schreiben erwähnt hatte. Aber schuld daran waren der Nutzerdruck und Vandalismus: „Trotz Absperrung konnte die Unterpflanzung in den Baumscheiben dem Nutzerdruck nicht standhalten. Auch die erste Begrünung der Pergola mit Klettergehölzen, die unter normalen Bedingungen 2-3 Meter Jahreszuwachs haben, ist aufgrund Vandalismus gescheitert.

„Vandalismus“ gab es wirklich, allerdings nur an einer der vier „berankten“ Stützen der westlichen Pergola. Das Hauptproblem sind die verwendeten Absperrungen, die einfach wirkungslos sind. Der „Nutzerdruck“ ist hier so vorhersehbar wie Wildbiss im Wald, aber dort bringt jeder Forstwirt Gitterhüllen an den Jungbäumen an. Schon einfache Drahtgitter wären effektiver.

Wie weitere Recherchen ergeben, verfügt das Stadtgartenamt offenbar nicht über geeignete Schutzgitter. Zumindest sind sie im Parkleitbild der Stadt Wien nicht vorgesehen. Was die Sache auch nicht besser macht.

Ich habe jedenfalls beschlossen, den Bürgerdienst der Stadt Wien nicht mehr zu belästigen – jedenfalls wenn es um botanische Themen geht. Zudem brauche ich mir ohnehin keine Sorgen um den Yppenpark zu machen, denn es gibt ja Alternativen, auf die mich das Stadtgartenamt freundlich aufmerksam macht:

Da es am Yppenplatz in den Sommermonaten kaum schattige Bereiche gibt, darf ich ihnen den nahe gelegenen Huberpark empfehlen. Dort gibt es genügend Bänke im Schatten von Großgehölzen.

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