Aids/HIV: Werden wir wirklich unvorsichtiger?

Lieber politisch korrekt als sachlich gedeckt, das scheint die Devise des jüngsten “Safer Sex”-Aufrufs zum Welt-Aids-Tag am 1.12. zu sein.

Mehr als sechs Wochen nach der letzten, nicht belegten Horrormeldung über steigende HIV-Infektionen in Österreich (siehe Kommentar vom 13.10.2004) hat die ORF-Redaktion am 29.11.04 die einigermaßen spärliche Evidenz nachgeliefert – und dabei die Aussage abgeschwächt: Die Neuinfektionen “dürften steigen”; ein Anstieg “wird befürchtet” heißt es nun. In Zahlen: Ein Anstieg von 423 auf ca. 480 registrierte Neuinfektionen (siehe ORF Online – Meldung). [Nachtrag: Die tatsächliche offizielle Zahl für 2004 war dann 470 – siehe Infos des Instituts für Virologie der Universität Wien]

Jede Diagnose einer HIV-Infektion ist natürlich eine zuviel, allein schon wegen des damit verbundenen psychischen Schocks für die Betroffenen. Vor allem bewirken anhaltender Stress und Depressionen an sich bereits eine Schwächung des Immunsystems und höhere Krankheitsanfälligkeit, was einen Teufelskreis auslösen kann. Doch selbst wenn sich die Befürchtungen bestätigen, bewegte sich der Anstieg innerhalb der durchschnittlichen jährlichen Schwankung (1990-2003) von etwa +/- 70 Neuinfektionen und wäre statistisch nicht signifikant. Daraus allein lassen sich kaum Rückschlüsse auf das Sexualverhalten in Österreich ziehen.

Gibt es aber darüber hinaus Indizien für den (regelmäßig behaupteten) Zusammenhang zwischen HIV-Neuinfektionen und Sexualverhalten?

Ist ein risikoreicheres Sexualverhalten die Ursache, müsste sich dieses auch an Hand anderer Indikatoren feststellen lassen. Insbesondere müsste die Zahl der Infektionen mit sexuell übertragenen Krankheiten zunehmen, beispielsweise mit Gonorrhoe/Tripper und Lues/Syphillis (in Österreich meldepflichtig). Die Entwicklung dieser drei Zahlenreihen (inkl. HIV-Neuinfektionen) von 1990-2003 inkl. Prognosedaten für 2004 lässt sich der Grafik entnehmen. Die schwarze Kurve beschreibt übrigens die Zahl der Anzeigen wegen Heroin-/Opiatmissbrauch nach dem Suchtmittelgesetz von 1993 bis 2002 – dazu weiter unten.

Augenscheinlich ist die Zahl der Tripper-Fälle in Österreich seit Anfang der 1990er Jahre bis 2000 dramatisch gesunken, bis 2002 rasch gestiegen und sinkt seither wieder; die Syphillis-Fälle dagegen stagnieren vorerst, zeigen dann aber ebenfalls einen Anstieg ab 2000 sowie einen Rückgang ab 2002. Bei den HIV-Infektionen lässt sich kein ausgeprägter Trend erkennen; die Kurve verläuft vergleichsweise flach. Aus der “Tripper-Kurve” könnte man vielleicht ableiten, dass in Österreich zwar wieder unvorsichtiger Sex getrieben wird, aber bei weitem nicht so risikobereit wie Anfang der 1990er Jahre. Die Zahlen könnten aber auch anzeigen, dass sich ab und zu ein Tripper-Erreger epidemisch ausbreitet und dann wieder in die Knie geht, weitgehend unabhängig vom Sexualverhalten.

Was die Korrelationen der Zahlenreihen betrifft, bestätigt sich wieder einmal der bekannte Satz: Glaube keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast. Je nach den gewählten Bezugsjahren und Krankheiten schwanken die Korrelationskoeffizienten von -0,68 bis +0,92! Über den Gesamtzeitraum etwa korreliert Lues mit HIV praktisch nicht (-0,03) und mit Tripper negativ (-0,24). Andererseits ergibt sich eine positive Korrelation zwischen Tripper-Fällen und HIV-Infektionen (+0,63). Betrachte ich aber den Zeitraum 1998-2003, korreliert Lues sowohl mit Tripper (+0,92!) als auch mit HIV-Infektionen (+0,78!) positiv; zwischen 1990 und 1997 verhielt es sich aber praktisch umgekehrt (-0,30 bzw. -0,68). Zwischen 1990 und 1994 wiederum korreliert Tripper mit HIV-Infektionen negativ (-0,34), von 2000 bis 2004 positiv (0,45).

Überraschend sind aber weitere Zusammenhänge, die ich mir probehalber angesehen habe. Etwa korreliert die Zahl der HIV-Neuinfektionen zwischen 1993 und 2002 positiv mit den Anzeigen wegen Heroin- und/oder Opiatmissbrauch nach dem Suchtmittelgesetz – und mit +0,54 sogar ziemlich stark. Die stärkste Korrelation überhaupt zwischen allen vier in der Grafik abgebildeten Zahlenreihen besteht aber zwischen Tripper-Fällen und den genannten Anzeigen – mit einem Koeffizienten von sage und schreibe +0,85!

Natürlich ist generell in Frage zu stellen, inwieweit die offiziellen Infektionsstatistiken die Realität korrekt abbilden, und die Aussagekraft von Korrelationen auf Basis schlechter Daten sind daher noch um einen Faktor unzuverlässiger. Genau das zeigt ja das Beispiel der seltsam hohen Korrelation von Tripper und Anzeigen. Die unangemessene statistische Erfassung der Realität verwandelt die selbe jedoch in konturlose Nebelschwaden, in die wie bei einem Rohrschach-Test bequem alles hineingedeutet werden kann, was man/frau a priori glaubt bzw. befürchtet.

Summa summarum: Anhand dieser Daten kann mich jedenfalls niemand davon überzeugen, dass ein Anstieg der HIV-Neuinfektionen irgend etwas mit einer Änderung des Sexualverhaltens hierzulande zu tun hat. Und ich bin der Auffassung, dass sich auch niemand davon überzeugen lassen sollte. Selbst wenn am 1.12. Welt-Aids-Tag ist.

Aktuelle Zahlen (30.11.2007)

Die Entwicklung der registrierten HIV-Neuinfektionen in Österreich bis 2006 scheint meine im obigen Kommentar geäußerte Skepsis zu bestätigen. Hier eine aktualisierte Grafik mit offiziellen Zahlen bis 2006:

Quelle: Virusepidemiologische Information Nr.04/07 (pdf, ca. 1 Mb)

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