Arbeitsproduktivität in Österreich: Ein Update

Statistik Österreich revidiert Daten: Mehr Wachstum und kein Rückgang der Arbeitsproduktivität in 2016.

Statistik Austria hat im September 2018 die Ergebnisse einer routinemäßigen Revision der Daten für die Jahre 2015 und 2016 veröffentlicht. Dadurch ergaben sich vor allem für das Jahr 2016 einige signifikant bessere Kennzahlen: Die österreichische Wirtschaft wuchs 2016 real nicht um 1,5% wie bisher angegeben, sondern um 2%. In Kombination mit revidierten Daten zum Arbeitsvolumen ergab sich auch eine Verbesserung bei der Arbeitsproduktivität für 2016: Aus einem Minus von 0,4% wurde nun eine Stagnation ( -0,0%).

Quelle: Volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen 1995 – 2017; Download (pdf, 550Kb). (Bruttoinlandsprodukt: Tabelle 3; Arbeitsvolumen: Tabelle 15; Arbeitsproduktivität: Tabelle 16)

Die neuen Daten sind allerdings noch nicht in die Präsentationen unter „Wie geht’s Österreich?“ eingearbeitet. Dort heißt es etwa zur Arbeitsproduktivität derzeit weiterhin (per 24. Oktober 2018): „2016 ging die Arbeitsproduktivität im Vergleich zum Vorjahr um 0,4% zurück“ (siehe Arbeitsproduktivität).

Für 2017 wird ein reales BIP-Wachstum von 2,6% angegeben, wobei das Arbeitsvolumen von 7.023 Mio. Stunden auf 7.137 Mio. Stunden zunahm, ein Plus von 1,62%. Das Arbeitsvolumen überstieg damit auch den bisherigen Höchststand aus dem Jahr 2008, vor der Finanzkrise. Die Arbeitsproduktivität erhöhte sich 2017 demnach um rund 0,9% (zumindest bis zur nächsten Revision …).

Die Änderungen vom September 2018 sind in der nachstehenden aktualisierten Grafik zu Arbeitsvolumen und Arbeitsproduktivität berücksichtigt.

Am Trend zu einer schwächeren Zunahme der Arbeitsproduktivität hat sich durch die Datenrevision allerdings nichts geändert. Ein Vergleich des jüngsten Aufschwungs mit der Wachstumsperiode vor der Finanzkrise macht dies besonders deutlich: 2006 und 2007 wuchs das BIP real insgesamt um 7,36% (3,52% bzw. 3,71%), wobei die Arbeitsproduktivität um 5,19% zunahm (plus 2,65% bzw. plus 2,48%). In den Jahren 2016 und 2017 wuchs das BIP um 4,65%, doch die Arbeitsproduktivität erhöhte sich nur um 0,9% (-0,0% + 0,9%).

Auch bei einer anderen Kennzahl für die Produktivität, der Total Factor Productivity (TFP), weist Österreich im internationalen Vergleich zwar hohe Werte auf, verzeichnet aber seit der Finanzkrise eine Stagnation, während die TFP in der Eurozone insgesamt wieder steigt, wie aus einem Bericht der EU-Kommission hervorgeht (Länderbericht Österreich 2018 vom 7. März 2018). Es ist aber darauf hinzuweisen, dass dieser Bericht auf älteren, noch nicht revidierten Daten für 2015 und 2016 beruht, ebenso wie die nachstehende Infografik aus diesem Bericht (der Hinweis in der Grafik “Vor der Revision …” stammt von mir):

“Österreichs totale Faktorproduktivität, die während der Finanzkrise deutlich gesunken ist, hat sich noch nicht wieder erholt und stagniert unter dem Vorkrisenniveau. Dies kontrastiert mit dem Euro-Währungsgebiet insgesamt, in dem die totale Faktorproduktivität zwar ebenfalls während der Krise zurückging, seit 2013 aber stetig ansteigt und das Vorkrisenniveau bereits übertroffen hat.” (Länderbericht Österreich 2018, S.8)

Soweit es meine Zeit erlaubt, werde ich in einem zukünftigen Beitrag verschiedene Erklärungen der Wirtschaftswissenschaft für die schlechte Entwicklung von Arbeitsproduktivität und Total Factor Productivity insbesondere in Österreich darstellen.

Pflegesektor, Gig Economy ausgeblendet?

Eines vorweg: Unter den Faktoren, die die TFP negativ beeinflussen, befindet sich auch der Strukturwandel, d.h. ein steigender Anteil der Dienstleistungen am BIP, was mit dem im Vergleich zur Industrie geringeren Produktivitätswachstum in diesem Sektor zusammenhängt.

Ausdrückliche Hinweise auf spezifische Bereiche des Dienstleistungssektors wie die „Gig Economy“ oder den Pflegesektor habe ich in einschlägigen Quellen bisher übrigens keine gefunden. (Zum Pflegesektor siehe u.a. Pflege kommt nicht ohne Osteuropa aus (ORF, 22. Oktober 2018). Ältere Menschen tauchen nur insofern auf, als sie als „Klotz am Bein“ bei der Erweiterung des „Humankapitals“ betrachtet werden.

Das könnte durchaus auch daran liegen, dass man zumal dem Bereich der (“arbeitsintensiven”) Pflege mit Standard-Empfehlungen wie mehr Deregulierung, Erhöhung der Investitionen und der Forschungs- und Entwicklungsausgaben a priori keine „Produktivitätssteigerung“ im konventionellen Sinne verpassen kann (mehr “Output” pro “Input”). Der Sektor ist m.E. eine Art gesellschaftlicher „Overhead“, wie man aus betriebswirtschaftlicher Sicht sagen würde – zusätzliche Fixkosten, die in Zukunft stetig wachsen werden.

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