Arbeitsproduktivität und Total Factor Productivity: Weltbank-Analyse

Vor allem in den reichen Ländern hat sich das Wachstum von Arbeitsproduktivität und Total Factor Productivity (TFP / Gesamtfaktorproduktivität) zuletzt deutlich verlangsamt. Dieser Trend etablierte sich bereits vor der Finanzkrise; warum, ist nicht ganz klar. In ihrem jüngsten Bericht zum Ausblick für die Weltwirtschaft (Global Economic Prospects, Jänner 2018) gibt die Weltbank einen Überblick über die Diskussion.

Die Arbeitsproduktivität ist der wirtschaftliche Output pro geleisteter Arbeitsstunde, die Total Factor Productivity steht für jenen Teil des Outputs, der nicht durch den Einsatz der Produktionsfaktoren Kapital und Arbeit erklärt werden kann – man könnte sagen, TFP ist ein Maß für die Effizienz, mit der diese beiden Faktoren kombiniert werden, oder auch ein Maß für die technologische Innovation.

Download der Weltbank-Analyse: Understanding the recent productivity slowdown: Facts and explanations (pdf, extrahiert aus dem Gesamtbericht)

Beide Kennzahlen sind von Bedeutung für das Wachstumspotenzial einer Wirtschaft: Je geringer die Zunahme, desto geringer auch die zukünftigen Wachstumsaussichten und desto schwieriger auch die Deckung der zukünftigen Pensionsverpflichtungen. Daher gibt die jüngste Entwicklung Anlass zur Sorge.

Auch in Österreich geht das Wachstum der Arbeitsproduktivität zurück, und der Aufschwung von 2016 war überraschenderweise sogar von einem Rückgang der Arbeitsproduktivität begleitet, worauf ich hier (Österreich 2016: Seltsamer Aufschwung) aufmerksam gemacht habe.

Weltweit sieht das etwa so aus (Quelle der Grafiken: Weltbank; “AEs” (Advanced Economies) sind die reichen Länder):

Als mögliche Ursachen dieses “productivity slowdowns” nennt die Weltbank vorübergehende Faktoren, insbesondere geringere Investitionen aufgrund höherer Unsicherheit und von Nachwirkungen der Finanzkrise, aber auch nachhaltig wirksame Einflüsse:

  • Die demographische Alterung
  • Regulierungseffekte und “strukturelle Rigiditäten”
  • Sinkende Dynamik des Welthandels und stagnierende vertikale Spezialisierung
  • Sinkender Beitrag der IKT-Branche (“Digitalisierung”) zur Produktivitätssteigerung

Demographische Alterung. In den reichen Ländern sinkt der Anteil der Menschen im Arbeitsalter an der Gesamtbevölkerung seit Jahrzehnten. Ältere Menschen brauchen länger, um sich neue Fähigkeiten anzueignen, d.h. die Akkumulation von Humankapital verlangsamt sich, was wieder Innovation und Produktivitätswachstum bremst.

Regulierung & strukturelle Rigiditäten. Hier verweist die Weltbank auf Faktoren, die eine effiziente Reallokation von Ressourcen (Kapital und Arbeit), eine historisch bedeutende Quelle von Produktivitätsgewinnen, behindern dürften. Genannt werden etwa Flächenwidmungspläne in US-Städten und damit verbundene Probleme der Wohnraumbereitstellung (geringere Mobilität von Arbeitskräften), aber auch “strukturelle Rigiditäten” in Arbeits- und Produktmärkten in Europa.

Welthandel und vertikale Spezialisierung. Abgesehen von einer langsameren Expansion des Welthandels, was mit weniger Wettbewerbsdruck und einer geringeren Investitions- und Reallokationsdynamik in Verbindung gebracht wird, verweist die Weltbank auf eine Stagnation der Bedeutung von globalen Wertschöpfungsketten, die auf vertikaler Spezialisierung beruhen.

Dabei handelt es sich quasi um den Inbegriff der “Globalisierung”: Firmen lagern z.B. arbeitsintensive Prozesse in Länder mit niedrigeren Lohnkosten aus, was mit Produktivitätsgewinnen verbunden ist, wie in einem zitierten Working Paper (World Bank Policy Research Working Paper No. 7978) gezeigt wird (“Does Vertical Specialization Increase Productivity?” (Download-Seite: papers.ssrn.com/sol3/papers.cfm?abstract_id=2923531).

Die folgende Grafik (mit Daten bis 2014) aus diesem Paper deutet an, dass sich die vertikale Spezialisierung weltweit nicht mehr vertieft oder sogar rückläufig sein könnte.

Eine Interpretation wäre, dass das Potenzial für Produktivitätsgewinne durch Auslagerung / Aufsplittung der Wertschöpfungsketten zumindest in den reichen Ländern derzeit bereits ausgeschöpft ist (Globalisierung am Ende?).

IKT, Digitalisierung und Produktivität. Als nur mehr gering schätzt die Weltbank die Produktivitätssteigerung durch die Informations- und Kommunikationstechnologien ein. Da es außerdem zunehmend aufwändiger wird, neue Ideen zu generieren, könnte der Beitrag der IKT-Branche zum Produktivitätswachstum auch in Zukunft schwach bleiben. Zudem hätten sich die Innovationen der Branche seit der Jahrtausendwende zunehmend auf Konsumprodukte konzentriert anstatt auf Hard- und Software, die zu höherer Produktivität führt.

Ich selbst habe ja zuletzt darüber spekuliert, ob Cybercrime und der Kampf dagegen den Produktivitätsbeitrag der Softwarebranche weiter senken könnte (siehe Cybercrime & Produktivitätsbeiträge der Softwarebranche).

Empfehlungen der Weltbank. Was könnte gegen das Problem mit der Produktivität getan werden? Die Weltbank meint, man sollte etwa die Lernfähigkeit älterer Bevölkerungsgruppen erhöhen.

Der Rest ist alter Tobak: Förderung von Investitionen in physisches Kapital und Forschung & Entwicklung, Deregulierung und Handelsliberalisierung, d.h. mehr Wettbewerb. Das wird bereits seit Jahrzehnten gepredigt, ohne dass sich der beobachtete Rückgang des Produktivitätswachstums hätte aufhalten lassen. Alles in allem herrscht m.E. offenbar eher Ratlosigkeit …

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