Covid-19: Auf der Suche nach der dritten Welle

Von einer “dritten Welle” der Corona-Epidemie, die ganz Österreich heimsuchen soll, ist auf Basis offizieller Daten nicht viel zu sehen. Lediglich die Krankenhauszahlen sprechen bis zu einem gewissen Grad dafür – doch hier fehlen leider wichtige Details.

„Ganz Europa ist mittlerweile in der dritten Welle, auch wir“, warnte Gesundheitsminister Rudolf Anschober am 19.3.2021 (siehe Entscheidungen am Montag erwartet, orf.at). Aber woraus schließt er das?

Ein Kandidat ist der Verlauf der 7-Tages-Inzidenz, berechnet von der Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (Ages). Dabei handelt es sich um die Zahl der positiven PCR-Tests auf Spuren des Sars-CoV-2-Virus (“laborbestätigte Fälle”) in 7 Tagen pro 100.000 Einwohner*innen, jedoch nicht um die Zahl nachgewiesener Infektionen (das kann ein PCR-Test nicht leisten).

Die Entwicklung dieser Kennzahl für ganz Österreich zeigt einen Anstieg von 105 am 7.2.2021, dem Vortag der Handelsöffnung, auf 219 am 18.3.2021. Das ist mehr als eine Verdoppelung. Diese 7-Tages-Inzidenz stand aber bereits öfters unter Kritik, da hier unter den Tisch fällt, dass sich auch die Zahl der Tests seit Anfang Februar stark erhöht hat: Wer mehr sucht, findet auch mehr, so das Argument.

Ist da was dran? Das lässt sich abschätzen. Eine Möglichkeit: Man vergleicht die durchschnittliche Zahl der Tests pro Tag von Anfang Februar mit der Zahl der Tests in der letzten Woche. Wie in der folgenden Grafik eingetragen, wurden in der letzten Woche (vom 12.3. bis 18.3.) im Schnitt 289.593 Tests pro Tag durchgeführt, in der Woche vom 2.2.-8.2.2021 jedoch nur 137.189 Tests pro Tag. Die Zahl der Tests hat sich mehr als verdoppelt – um das 2,11-Fache.

Hätte man Anfang Februar genauso häufig (und ziellos) getestet wie zuletzt, wäre daher eine durchschnittliche Inzidenz von 223 zu erwarten gewesen (105,9 x 2,11). Die für 18.3.2021 angegebene 7-Tages-Inzidenz (219,2) liegt knapp unter diesem Wert. Doppelt so viele Tests, doppelt so viele “Fälle”. Das spricht eher dafür, dass sich die so gemessene “Inzidenz” seit der Woche vor der “Öffnung” am 8.2. überhaupt nicht geändert hat; bloß die “Dunkelziffer” war Anfang Februar höher. Mit der Strategie “Testen, Testen, Testen” war der Anstieg der Inzidenz-Zahlen bereits programmiert.

Eine “dritte Welle”, von der ganz Österreich heimgesucht würde, ist anhand der bereinigten Inzidenz-Zahlen jedenfalls nicht zu erkennen.

Die obige Berechnung wird auch durch die ebenfalls von der Ages berechneten Anteile der positiven Tests bestätigt. Würde sich das Sars-CoV-Virus tatsächlich auf gefährliche Art in Österreich verbreiten, sollte sich das in einer entsprechenden Zunahme des Anteils positiver Testergebnisse ausdrücken. Auch davon ist nichts zu sehen. Dieser Anteil lag am 7.2.2021 bei 0,99 Prozent, am 18.3.2021 bei 0,98 Prozent. Dabei sind wahrscheinlich sogar diese Prozentangaben eine Überschätzung, denn im Nenner fehlen die freiwilligen Antigen-Tests, die negativ ausfallen (Ages berücksichtigt nur behördlich angeordnete Tests).

Dankenswerterweise stellt Ages auch bundesländerspezifische Daten zu den Anteilen positiver Tests bereit. Die folgenden Screenshots zeigen die Entwicklung dieser Anteile nach Bundesländern, zuerst für alle außer Wien, Salzburg und Kärnten, dann für Wien und Salzburg (die Testzahlen in Kärnten sind zu sprunghaft und daher wenig aussagekräftig). Die Kurven in der ersten Grafik sind seit Ende Februar alle flach oder tendieren abwärts, anders gesagt: Hier breitet sich nichts aus. Lediglich in Wien gibt es einen relativ deutlichen und in Salzburg einen leichten Aufwärtstrend. Eine “Welle” oder besser Ansätze einer solchen kann man also im Wesentlichen nur für Wien reklamieren.

Ob das ausreicht, um eine “dritte Welle” in Österreich zu beschwören, wie es Gesundheitsminister Rudolf Anschober am 19.3.2021 tat, überlasse ich den Leserinnen und Lesern.

Aber die Zahl der belegten Covid-19-Betten steigt doch?

Bleiben also im Wesentlichen die von Ages gemeldeten Krankenhauszahlen. Den Angaben nach lag die Zahl der belegten Normal- und Intensivbetten am 7.2.2021 bei 1.275 bzw. 285, per 18.3.2021 bei 1.481 bzw. 388. Zweifellos ein Anstieg, wenn auch kein dramatischer. Entsprächen sie tatsächlich einer Zunahme der schweren Covid-19-Erkrankungen, wäre Anschober zum Teil recht zu geben – und zu Vorsicht zu raten, aber nur in den betroffenen Regionen (Wien?).

Das Problem: Es lässt sich nicht zweifelsfrei feststellen, ob die zunehmende Zahl der belegten Betten einer Zunahme der schweren Covid-19-Erkrankungen entspricht. Dazu bräuchte es nähere Informationen, die aber nicht verfügbar sind – ein prinzipielles Problem mit den Krankenhauszahlen. Dazu kommt ein auffälliger Unterschied zur Bettenbelegung im Herbst, der aufzuklären wäre.

Das prinzipielle Problem. Bei den Zahlen der belegten Covid-19-Betten handelt es sich nicht um Krankenhauseinweisungen aufgrund einer schweren Covid-19-Erkrankung, sondern um die Zahl der von positiv getesteten Menschen belegten Normal- und Intensivbetten. Viele dieser positiv getesteten Patient*innen sind nicht wegen Covid-19 in stationärer Behandlung, sondern aus anderen Gründen, und es könnten auch viele “asymptomatische” Fälle darunter sein. In deutschen Krankenhäusern liegt der Anteil der bloß positiv Getesteten bei 20 Prozent bis 30 Prozent, wie Recherchen der Wochenzeitung DIE ZEIT ergaben. (Siehe Weniger Patienten wegen Corona im Krankenhaus als bislang angenommen.)

Es gibt keine stichhaltigen Gründe für die Annahme, dass es sich in österreichischen Krankenhäusern ganz anders verhalten sollte: Wer positiv getestet wird, muss abgesondert werden und liegt daher auf einem “Covid-19-Bett”. Die Zahl der belegten Betten ist daher nicht identisch mit der Zahl der schweren Covid-19-Erkrankungen und folglich auch kein verlässlicher Indikator für die Verbreitung des SARS-CoV-2-Virus in den Wochen davor. Genausogut könnte es sein, dass bloß mehr Menschen im Krankenhaus einen positiven Test abgeliefert haben (etwa auch, weil sie öfter getestet werden).

Auffällig: Höherer Anteil der Intensivbetten. Der Anstieg bei den belegten Normalbetten ist etwas geringer als bei den Intensivbetten, und der Anteil der Intensivbetten an allen belegten Covid-19-Betten liegt seit Mitte Februar deutlich höher als noch im Oktober und November, zur schlimmsten Phase der Epidemie – zumeist bei 20 bis 22 Prozent gegenüber 15 Prozent im Herbst. Wie kann das sein?

Eine Hypothese wäre, dass der Anteil der schweren Verläufe zugenommen hat. Das steht aber nicht in Einklang mit Berichten, dass die Zahl der Infektionen besonders alter Menschen mit dem höchsten Risiko schwerer Verläufe gesunken sein soll – dann müsste der Anteil der schweren Verläufe ja zurückgehen.

Oder es bedeutet umgekehrt, dass ein Teil der Erkrankungen nun leichter verläuft als noch im Herbst, weshalb Menschen auf Covid-19-Normalbetten nun rascher wieder entlassen werden können. Oder es liegen bloß deshalb mehr Menschen auf Intensivbetten, weil es noch genügend freie Kapazitäten gibt (mehr als 500 freie Intensivbetten per 18.3., laut Ages) und Patient*innen deshalb von Normal- auf Intensivbetten verlegt oder einfach länger behandelt werden.

Alles davon ist denkbar. Da die Öffentlichkeit aber nicht mit den relevanten Informationen versorgt wird, ist eine verlässliche Bewertung der Krankenhauszahlen nicht möglich. Ich befürchte, dass das vielleicht auch so sein soll.

Update 22.3.2021, Krankenhäuser: Auslastung Covid-19-Betten und höherer Intensiv-Anteil

Einem heute, Montag auf orf.at veröffentlichten Bericht (CoV-Patienten werden jünger) sind einige Hinweise in Zusammenhang mit der Auslastung der Intensivkapazitäten sowie dem auffallend höheren Anteil der Intensivbetten an der Gesamtzahl der belegten Covid-19-Betten zu entnehmen. Quelle ist der Intensivmediziner Klaus Markstaller.
1. Die steigende Auslastung der Covid-19-Intensivbetten ist vor allem in Wien und Niederösterreich zu beobachten und nicht unbedingt anderswo (57 % aller Intensiv-Patient*innen in Österreich entfallen auf diese beiden Bundesländer).
1. Auch jüngere Menschen würden schneller schwer erkranken und nur kurzfristig auf einer Normalstation sein bzw. manche würden von zu Hause kommend auch relativ schnell intensivmedizinisch betreut.
2. Patient*innen bleiben länger auf der Intensivstation als früher. Zitat: “Das Problem bei der Belegung seien auch die Langzeitfolgen von Covid-19, die eine entsprechende Langzeitbehandlung erfordern.”

Das unterstützt zwei mögliche Folgerungen:
1. Die bereits seit Anfang Februar (!) beobachtete höhere Auslastung der Intensivkapazitäten im Verhältnis zu den Normalbetten ist nicht auf eine stärkere Ausbreitung des Sars-CoV-2-Virus, sondern auf einen höheren Anteil schwerer Verläufe und behandlungsbedingt längere Aufenthalte auf Intensivstationen zurückzuführen. Der Zusammenhang der Belegungszahlen mit der Verbreitung des Sars-CoV-2-Virus in den Wochen davor ist nun schwächer als in früheren Zeiträumen.
2. Es wird immer fraglicher, inwiefern die steigende Auslastung der Krankenhauskapazitäten überhaupt mit den Öffnungsmaßnahmen per 8.2.2021 in Zusammenhang steht. Unter der Annahme, dass zwischen Infektion und Krankenhauseinweisung im Schnitt zwei Wochen vergehen, hätte die Auslastung ab dem 22. Februar steigen müssen (wegen der unterstellten steigenden Infektionszahlen ab 8. Februar). Tatsächlich nahm sie erst drei Wochen ab Öffnung zu (siehe Grafik oben). Wenn sich der Zeitraum zwischen Infektion und schwerer Erkrankung nun aber tatsächlich verkürzt hat, wären die (ungeklärten) Ursachen der steigenden Bettenauslastung noch später eingetreten, nämlich erst bis zu zwei Wochen NACH den Öffnungsmaßnahmen.

Wirkungslose Maßnahmen?

Schon bei früheren “Lockdowns” und “Öffnungen” war praktisch kein Zusammenhang mit dem “Infektionsgeschehen” festzustellen. Der Lockdown Mitte November erfolgte erst, als die Inzidenz-Zahlen bereits stark fielen, nach der Öffnung Anfang Dezember gingen die Fallzahlen dennoch weiter zurück, und der Lockdown nach Weihnachten blieb weitgehend wirkungslos (siehe Covid-19-Maßnahmen: Wirksamkeit beschränkt).

Die jüngste Entwicklung scheint daher den Verdacht zu untermauern, dass die tatsächliche Ausbreitung des Sars-CoV-2-Virus nicht direkt mit den von den Behörden ergriffenen nicht-medizinischen Maßnahmen zusammenhängt. Dass trotz der bereits kurzfristig enorm hohen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Kosten dieser Maßnahmen weiterhin keine tatsachenbasierte Kosten-Nutzen-Abschätzung vorgenommen wird, lässt sich mit verantwortlichem Regierungshandeln nicht in Einklang bringen und bleibt eines der Rätsel dieser Epidemie.

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