Covid-19: Der tägliche Blindflug

Wie sich die Inzidenz des SARS-CoV-2-Virus in Österreich entwickelt, lässt sich anhand der vorhandenen offiziellen Daten nicht verlässlich feststellen. So können Medien und Regierung fast nach Belieben mit den Zahlen jonglieren.

Ein Beispiel waren die “fast 2.000 Neuinfektionen”, die am 18. Februar 2021 durch die österreichische Medienlandschaft geisterten. Etwa brachte nachrichten.at die Meldung Knapp 2.000 Neuinfektionen, FFP2-Maskenpflicht auch im Freien möglich. Auch der ORF übernahm diese Zahl: “Konfrontiert mit dem aktuellen 24-Stunden-Anstieg der Neuinfektionen auf knapp 2.000 am Donnerstag sagte Anschober (…).” Dem Gesundheitsminister kam die Frage offenbar nicht ungelegen. Er bestätigte: „Die Zahl ist eine, die in den letzten Tagen gestiegen ist, so ist es.“ (Siehe Lokal angeordnete Maskenpflicht möglich.)

Es gibt hier allerdings zwei kleine Probleme: Erstens gab es die “knapp 2.000 Neuinfektionen in 24 Stunden” gar nicht, wie sich der nachstehenden Grafik auf Basis der Zahlen der Österreichischen Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (Ages) entnehmen lässt (die knapp 2.000 Fälle verteilten sich auf vier Tage). Und die Zahl der positiven Tests ist zwar in den letzten Tagen gestiegen, nur taten sie das seit 10. Jänner in jeder Woche – und einige Male sogar stärker als zuletzt.

Tatsächlich lässt sich den offiziellen Fallzahlen seit der zweiten Jännerwoche überhaupt kein Trend entnehmen. Dass die Zahl der positiven Tests nicht zunimmt, obwohl weit mehr getestet wird (siehe nachstehende Grafik, Zahlen vom 17.2.2021), spricht eigentlich eher für eine sinkende Inzidenz des Virus. Je mehr Gesunde sich testen lassen, desto eher findet man auch Personen mit asymptomatischen Infektionen oder Personen, bei denen sich zwar noch die per PCR-Test gesuchten Bruchstücke des Virusgenoms nachweisen lassen, aber kein replikationsfähiges Virus. Ob das so ist, weiß man aber nicht, da auf eine Überprüfung verzichtet wird (dazu müsste man versuchen, das Virus mittels Zellkultur nachzuweisen).

Schon allein deshalb können auch aus der von Ages veröffentlichten Statistik der Anteile positiver Tests keine verlässlichen Schlüsse auf das Infektionsgeschehen gezogen werden. Dafür wären regelmäßig wiederholte repräsentative Stichproben nötig.

Für die Medien und die Regierung hat diese Ages-Statistik aber offensichtlich ohnehin keine Relevanz, denn aus ihr könnte man allenfalls schließen, dass die Inzidenz des SARS-CoV-2-Virus in der Bevölkerung trotz der Handelsöffnung per 8. Februar sinkt: Der Anteil positiver Tests lag am 8.2. bei 0,97 %, am 16.2. aber nur bei 0,68 %. Das auf die große Glocke zu hängen könnte ja als Verharmlosung des Virus interpretiert werden.

Ein Grund für Optimismus in punkto Handelsöffnung wäre jedenfalls die Entwicklung der 7-Tage-Inzidenz nach der Handelsöffnung im vergangenen Dezember: Es war kein Anstieg festzustellen, ganz im Gegenteil sank diese Kennzahl deutlich. Mit FFP2-Masken und 20-Quadratmeter-Regel sollte es demzufolge ja auch diesmal klappen. Ob es aber klappt oder nicht, lässt sich mangels verlässlicher Daten zum Infektionsgeschehen nicht feststellen. An solchen Daten hat die Regierung aber offenbar kein Interesse – sie setzt lieber ihren täglichen Blindflug fort.

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