Grundeinkommen – Geldillusion, Inflation, Wachstum

In der Debatte um ein bedingungsloses, existenzsicherndes Grundeinkommen existieren unterbeleuchtete Aspekte, etwa mögliche inflationstreibende Effekte. Das Problem mit dem Wachstumszwang kann ein Grundeinkommen ohnehin nicht lösen.

Viele VerfechterInnen der Einführung eines bedingungslosen, existenzsichernden Grundeinkommens betrachten das zu lösende Problem scheinbar bloß als eines der Verteilung. Dabei wird der „Reichtum“ unserer Gesellschaft als „Geld“ gedacht, und dieser Reichtum ließe sich daher umverteilen, indem das Geld anders verteilt wird.

Diese Vorstellung beruht auf einer „Geldillusion“. Der Reichtum der Gesellschaft besteht mitnichten aus „Geld“, sondern aus Produkten und Leistungen, die auf gegenwärtiger oder vergangener Arbeit beruhen. Dass ein Verteilen von Geld bereits eine Verteilung des Reichtums sei, ist daher ein Trugschluss.

Zumindest Götz W. Werner, Gründer der dm Drogeriemärkte und ein prominenter Befürworter eines solchen Grundeinkommens, dürfte diesem Trugschluss so nicht unterliegen – siehe etwa das in brand eins 3/2005 erschienende Interview „Wir leben in paradiesischen Zuständen“, in dem er seine Vorstellungen präsentiert.

Werner: „Zum anderen kann ich von meinem Einkommen nicht leben – es sei denn, ich esse Euro-Scheine oder Kreditkarten. Ich bin darauf angewiesen, dass andere für mich arbeiten und konsumfähige Güter und Dienstleistungen herstellen, so dass ich Brot, Milch, Eier, Zucker oder Käse kaufen kann.“

Werner unterscheidet korrekt zwischen den Quellen des Reichtums und dem Mittel zur Aneignung desselben, nämlich Geld, und fordert eine Entkoppelung von (Lohn)Arbeit und Geldeinkommen: „Wenn aber die Menschen nicht mehr arbeiten müssen, weil Methoden und Maschinen das zu einem immer größeren Teil erledigen – dann müssen wir sie eben mit Einkommen versorgen.“

So weit, so logisch. Da unser „Reichtum“ auf Arbeitsleistungen beruht und diese wiederum auf der Bereitschaft der Menschen, sie auch zu erbringen, stehen jedoch die potenziellen Auswirkungen eines solchen Grundeinkommens auf die Arbeits-/Leistungsbereitschaft im Zentrum der Kritik. Die Sorge ist die vor verbreiteten Produktionsausfällen und damit einhergehenden Wohlstandsverlusten. Diese Auswirkungen lassen sich naturgemäß nicht vorhersagen und konnten durch die bisher durchgeführten kleinräumigen Experimente auch nicht abgeschätzt werden.

Götz W. Werner gibt sich diesbezüglich optimistisch und erwartet eine große, freiwillige Leistungsbereitschaft; GegnerInnen des Modells sind natürlich extrem pessimistisch. Aber es wäre m.E. jedenfalls unrealistisch, eine Art glatten Übergang zu erwarten. Auch auf den Finanzmärkten und im Bankensektor wären wegen der erforderlichen Neubewertung von Vermögenswerten – Aktien, Kreditforderungen, Schuldtitel, inkl. Staatsschuldtitel etc. – erhebliche Turbulenzen zu erwarten. Die Zinssätze könnten wegen erwarteter Unternehmenszusammenbrüche, Kreditausfälle und steigender Inflation (siehe in der Folge) kräftig in die Höhe schnellen.

Dass ein Grundeinkommen je nach Finanzierungsmodell mit erheblichen inflationären Effekten verbunden sein könnte, wird nach meiner Kenntnis der Literatur meistens ausgeblendet. Diese Effekte könnten sich m.E. aus zumindest zwei Gründen ergeben:

1. Sofern nicht im Gegenzug alle anderen Transfer- und Sozialleistungen (inkl. Gesundheitsversorgung und Pensionszahlungen) ersatzlos gestrichen werden (ein m.E. bedenkliches Konzept, fast wie eine de facto Privatisierung der Gesundheitsversorgung!), wird sich die Abgabenquote je nach Modell um mindestens 10% des Bruttoinlandsprodukts oder mehr erhöhen. Sollen diese Mittel aus dem Produktionsprozess aufgebracht werden und nicht über eine deftige Erhöhung der Einkommensteuern, würden sich die Endprodukte entsprechend verteuern – wobei es in dieser Hinsicht belanglos ist, ob die Steuern von den EndverbraucherInnen („Konsumsteuer“) oder an vorgelagerten Punkten der Wertschöpfungskette erhoben werden. Es sei denn, es gelingt, die Teuerung durch eine entsprechende Senkung der Lohnkosten zu kompensieren – was Götz Werner offenbar vorzuschweben scheint; dazu siehe gleich anschließend.

Bereits daraus ergeben sich je nach Einführungsverfahren einmalige oder schrittweise Preissteigerungseffekte, und die Kaufkraft eines Grundeinkommens von beispielsweise 1.500 Euro wäre bereits weit geringer als heute. Analoges gilt selbstverständlich für die Kaufkraft aller sonstigen Einkommen.

2. Preiserhöhungen sind aber jedenfalls bei Produkten/Dienstleistungen vorhersehbar, die Arbeitsleistungen erfordern, die niemand gerne erbringt und die daher weit besser bezahlt werden müssten als bisher. Natürlich nur, sofern das Grundeinkommen hoch genug ist, um monetäre Arbeitsanreize weitgehend zu beseitigen. Die Dimension – und sogar die Richtung – dieses Effekts hängt ja von der Höhe des Grundeinkommens ab: Geringe Grundeinkommen mit verbleibendem Arbeitszwang werden m.E. zu Recht als Mittel zum weiteren Ausbau des Niedriglohnsektors betrachtet (Schema zuwenig zum Leben, zuviel zum Sterben.)

Dass – unter der Voraussetzung eines hohen Grundeinkommens – im Gegenzug anderes im selben Ausmaß billiger wird (produziert werden kann) und damit das durchschnittliche Preisniveau unverändert bleiben würde, halte ich für eine Illusion. Wird weniger produziert bzw. bereitgestellt und das gleichzeitig auch noch zu höheren Preisen, nimmt der verteilbare Reichtum ab, und das verteilbare bzw. verfügbare Einkommen verliert dementsprechend an Kaufkraft/Wert. Ist die Höhe des Grundeinkommens noch dazu mit der Entwicklung des Verbraucherpreisindex verknüpft, um eine Entwertung des Einkommens durch Preissteigerungen zu verhindern, könnte daraus eine sich selbst anheizende Inflationsspirale entstehen.

In dieser Hinsicht ist es völlig unerheblich, ob das Grundeinkommen dazu führt, dass bisher fehlende Produkte und Leistungen außerhalb der Geldökonomie bereitgestellt werden (ein wichtiges Argument der BefürworterInnen). Solange die Finanzierbarkeit eines Grundeinkommens auf der Funktionsfähigkeit der Geldökonomie basiert, und das soll ja nach allen Konzepten so sein, darf ein Grundeinkommen die Geldökonomie nicht gefährden – also nicht die Kuh schlachten, die gemolken werden soll. Was zu einem letzten Punkt überleitet, zum Wachstumszwang.

Wachstumsproblematik bleibt außen vor

Die Betrachtung des Problems als eines der Verteilung beinhaltet eine weitere zwangsläufige Beschränkung: Verteilt werden kann nur etwas, was es bereits gibt (auch wenn ich Geld mit den altbekannten Mitteln der Notenpresse oder der Kreditschöpfung in die Welt setze, nimmt dadurch der verteilbare Reichtum nicht zu). Mit dem Problem, wie der gesamtgesellschaftliche Reichtum, in Geld bewertet, real zunehmen kann, befassen sich Grundeinkommensmodelle überhaupt nicht. Ein (bedingungsloses) Grundeinkommen, in welcher Höhe auch immer, kann daher auch das Problem mit dem Wachstumszwang unserer Geldökonomie nicht lösen.

Zweifellos könnte es dieses Problem aber mildern, insoweit große Schichten der Bevölkerung aus ihrem derzeit durch Geldmangel erzwungenen Konsumverzicht befreit werden – wir könnten mit einem einmaligen, wenn auch vorübergehenden Wachstumsschub rechnen (sofern es nicht, wie oben erwähnt, zu massiver Arbeitsverweigerung und damit zu einer Reduktion der verfügbaren Produkte und Leistungen kommt). Ist dieser ausgereizt, sind wir in punkto Wachstumszwang wieder dort, wo wir vorher waren – und genauso ratlos.

Eine umfangreiche Link-Sammlung zum Thema Grundeinkommen gibt es unter www.grundeinkommen2005.org.

Zum Wachstumsproblem siehe u.a. rätsel geldschöpfung und die Folgetexte sowie Gibt es eine – bessere – Alternative zum Kapitalismus?.

Eine Antwort auf „Grundeinkommen – Geldillusion, Inflation, Wachstum“

  1. Guten Tag,

    von mir ein großes Lob, dass Sie sich hier ernsthafft mit dem Thema „Leistungsloses Grundeinkommen“ beschäftigen. Ich persönlich bin eine große Freundin dieser Idee.

    Eine Anmerkung erlaube ich mir, die großen Turbulenzen an den Finanzmärkten komme so oder so, dass ganze Finanzsystem wird eines schönen Tages zusammenklappen wie ein Kartenhaus.

    Mit freundlichen Grüßen

    Claudia Dameweg

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