Nocebo-Effekte

Dass so genannte „Placebo“-Effekte mächtiger sein können als pharmazeutische Wirkstoffe und konventionelle Behandlungen, dürfte allgemein bekannt sein. Die Beschäftigung mit den gleichermaßen mächtigen „Nocebo“-Effekten steckt vergleichsweise noch in den Kinderschuhen. Hier einige Lesetipps.

Zur Einführung sind die beiden Wikipedia-Einträge durchaus zu gebrauchen: Placebo sowie Nocebo-Effekt. Aus beiden Phänomenen folgt die Erkenntnis, dass die Vorgänge im Gehirn eines Menschen weit wichtiger sein können als das, was sich im „Rest“ des Körpers abspielt.

Auf die mögliche Rolle so genannter Nocebo-Effekte in der Aids-Epidemie habe ich kurz in meinem Text Ein Bekenntnis zur Skepsis und etwas ausführlicher in aids/hiv – nur ein mächtiges paradigma? hingewiesen. Es ist m.E. durchaus plausibel, dass ein nicht unerheblicher Teil der fatalen Krankheitsverläufe nach einer HIV-Diagnose auf Nocebo-Effekte zurückzuführen war/ist – auch dann, wenn die Virustheorie von Aids zutrifft, wovon im Allgemeinen ausgegangen wird.

In diesem Zusammenhang stieß ich auch erstmals auf eine weiterreichende Auseinandersetzung mit dem Nocebo-Effekt:
Aids and the Voodoo Hex von Matt Irwin vom Februar 2002.

Hierbei handelt es sich um einen ziemlich gründlich recherchierten Artikel mit umfangreichen Verweisen auf einschlägige wissenschaftliche Quellen. Dabei wird u.a. der Frage nachgegangen, inwiefern Stress, soziale Isolation und Depression Veränderungen des Immmunsystems bewirken können, die den Aids-Symptomen haargenau gleichen, z.B. eine Umkehrung des Verhältnisses zwischen T-Helfer- und T-Suppressorzellen (CD4/CD8 ratio).

Wenig später erschien dann der folgende Artikel in der Washington Post: The Nocebo Effect: Placebo’s Evil Twin (30.4.2002).
Zitat: „Changing ethical standards have made it difficult to even repeat some of the classic nocebo experiments. In a study from the early 1980s, 34 college students were told an electric current would be passed through their heads, and the researchers warned that the experience could cause a headache. Though not a single volt of current was used, more than two-thirds of the students reported headaches.

In diesem FAZ-Artikel – Ich werde schaden (FAZ, 21.9.2009) – wird Manfred Schedlowski, Leiter der Medizinischen Psychologie der Universitätsklinik Essen, mit folgender Aussage zitiert: „Wenn Sie Laborratten in eine enge Röhre setzen und sie anschließend mit Bakterien infizieren, sterben die Tiere. Sie sterben an einer eigentlich ungefährlichen Infektion, die ihre angstfreien Artgenossen fast unbeschadet überstehen.

Der Beitrag Forschungslage: Placebo in der Medizin (Neuraltherapie.Blog 11.4.2011) befasst sich zwar nur am Rande mit Nocebo-Effekten. Dafür wirft er ein Licht auf das Ausmaß, in dem Placebo-Effekte in der konventionellen medizinischen/pharmazeutischen Forschung und Praxis ignoriert oder beseitegeschoben werden.
Zitat: „Eine wissenschaftlich fundierte Beantwortung der Frage, wie Arzneimittel mit hoher Evidenz wirken, wenn sie Probanden ohne ihr Wissen gegeben werden, könnte für große Teile des medizinischen Mainstreams und Teile der Pharmaindustrie schockierend sein.

Umso schockierender wäre es wohl, wenn dieselbe Frage auch für die von Gesundheitssystem und Pharmaindustrie bewirkten Nocebo-Effekte beantwortet würde …

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.