Übersterblichkeit älterer Menschen übersteigt Zahl der Covid-19-Todesfälle

Die von Statistik Austria für die Kalenderwochen 43 und 44 ausgewiesene “Übersterblichkeit” in der Altersgruppe 65 plus lässt sich nur zum Teil durch die Zahl der gemeldeten Covid-19-Todesfälle erklären, wie ein Datenvergleich ergibt.

Statistik Austria stellt seit einiger Zeit relativ zeitnahe Zahlen zu den Sterbefällen in Österreich online zur Verfügung, und zwar differenziert nach Altersgruppen (0-64 Jahre vs. 65 Jahre und darüber) und mit Vergleichszahlen bis zurück zum Jahr 2000. Die interaktive Grafik ist unter Sterbefälle nach Alter abrufbar. Per 14. November 2020 sind alle Zahlen bis einschließlich der Kalenderwoche 44 (vom 26. Oktober bis 1. November) angegeben.

Die gute, wenn auch wenig überraschende Nachricht: In der Altersgruppe 0-64 Jahre ist im bisherigen Jahresverlauf (inkl. Kalenderwoche 44) keine “Übersterblichkeit” festzustellen (rote Kurve). Ob der Gesundheitszustand der Bevölkerung unter 65 dessen ungeachtet durch Covid-19 (oder durch die gegen die Epidemie ergriffenen Maßnahmen) beeinträchtigt wurde, ist eine andere Frage. (Grafik anklicken für größere Version.)

Die schlechte Nachricht ist aber, dass die Zahl der Sterbefälle in der Altersgruppe 65 Jahre und älter seit Kalenderwoche 43 deutlich gestiegen ist (Anstieg der roten Kurve). Im Frühjahr 2020 war zwar eine etwas überhöhte Sterblichkeit, aber kein vergleichbarer Anstieg zu beobachten. In absoluten Zahlen wurden in der KW 44 1.640 Sterbefälle verzeichnet, in den drei Jahren davor (2017, 2018, 2019) aber nur 1.320, 1.338 bzw. 1.318. Der Anstieg ist ähnlich steil wie zu Beginn der Grippewelle 2016/17 – die graue Kurve ab KW 50. (Grafik anklicken für größere Version.) Auf dieser Basis gab es in der KW 44 eine “Übersterblichkeit” von mehr als 300 Fällen.

Bis hierher bestätigen die Sterbezahlen, was befürchtet wurde und wird: Die Covid-19-Epidemie führt zu einer deutlich höheren Sterblichkeit unter den besonders gefährdeten älteren Menschen.

Es gibt aber ein Rätsel: Laut Angaben der Österreichischen Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (Ages) sind in der KW 44 (vom 26. Oktober bis 1. November) 169 Menschen (alle Altersgruppen) mit oder an Covid-19 verstorben (siehe Grafik vom 14.11.2020, orf.at/corona/daten/oesterreich).

Die Zahl der Sterbefälle in KW 44 2020 laut statistik.at liegt jedoch um mindestens 300 höher als in den drei Jahren davor. Die gemeldeten Covid-19-Todesfälle scheinen nur etwa die Hälfte der beobachteten “Übersterblichkeit” in der KW 44 zu erklären.

Liegt eine solche Diskrepanz auch in der KW 43 vor? Wie der Grafik von Statistik Austria zu entnehmen ist, wurde auch in der KW 43 von 2020 eine “Übersterblichkeit” im Vergleich zu den drei Vorjahren verzeichnet, und zwar im Ausmaß von 220 bis 260 Todesfällen. Leider liegen mir die Ages-Zahlen für Covid-19-Todesfälle in der KW 43 nicht vor. Die verfügbaren Angaben (siehe Grafik oben) reichen nur bis zum 25. 10. zurück, dem letzten Tag der KW 43 (17 Todesfälle). Zu Vergleichszwecken habe ich daher behelfsmäßig die Zahlen des Coronavirus Resource Center der John-Hopkins-Universität (JHU) für Österreich herangezogen (coronavirus.jhu.edu/map.html).

Die Frage ist hier natürlich, ob die Datenreihen der JHU ausreichend mit jenen der Ages übereinstimmen, um sie für diesen Vergleich heranziehen zu können. Die Gesamtzahl der Covid-19-Todesfälle in Österreich liegt per 13.11.2020 laut JHU bei 1.746, laut Ages (per 14.11.2020) bei 1.629. Diese Differenz spricht eher für eine Überschätzung durch die JHU, obwohl sie für die KW 44 nur 151 Covid-19-Todesfälle ausweist (gegenüber 169 laut Ages). Diese Abweichungen fallen aber nicht ins Gewicht: Die laut JHU 86 Todesfälle in der KW 43 liegen weit unter den von Statistik Austria gemeldeten “überzähligen” Todesfälle im gleichen Zeitraum, nämlich 220 bis 260 (je nach Vergleichsjahr). Die Diskrepanz zwischen “Übersterblichkeit” laut Statistik Austria und der Zahl der Covid-19-Todesfälle könnte also in der KW 43 sogar größer sein als in der KW 44.

[Update 15.11.20: Laut Ages waren es in KW 43 90 Covid-19-Todesfälle, was meine Annahme bestätigt, siehe Beitrag im Kurier Neuerliche Übersterblichkeit: Anstieg der Sterbefälle ab Mitte Oktober. Dem Artikel ist auch zu entnehmen, dass Statistik Austria trotz teilweise “hochgeschätzer” Daten nicht mit “gröberen Abweichungen” rechnet.]

Wie sich das Rätsel der unerklärten Übersterblichkeit lösen lässt, weiß ich nicht. Es wäre vielleicht einmal abzuwarten, ob das Auseinanderklaffen der beiden Datenreihen (“überzählige” Sterbefälle einerseits, gemeldete Covid-19-Todesfälle andererseits) auch in den kommenden Wochen anhält. [Update 20.11.20: Auch in KW 45 besteht eine Diskrepanz zwischen überzähligen Sterbefällen laut Statistik Austria (plus 460 gegenüber dem Schnitt 2017-2019) und Covid-19-Todesfällen laut Ages (298), das prozentuelle Ausmaß hat sich aber verringert. Die Zahl der unerklärten “überzähligen” Todesfälle in der Altersgruppe 65 plus ist damit aber weiter gestiegen.]

Ungeachtet dessen sind aus meiner Sicht mehrere Erklärungen möglich. Allerdings gibt es nur eine, die mich wirklich beruhigen würde: Dass es sich bloß um eine “zufällige” Entwicklung handelt. Alle anderen Optionen (bis auf Nr. 6) sind beunruhigend.

Mögliche Erklärungen

1. Es sind in den KW 43 und 44 Menschen an oder mit Covid-19 verstorben, die nicht (oder noch nicht) als Covid-19-Todesfälle registriert wurden. Das würde bedeuten, dass die Auswirkungen der Covid-19-Epidemie schlimmer sind als offiziell ausgewiesen.

2. Die Inzidenz anderer Infektionskrankheiten (Grippe/Influenza wäre naheliegend) ist 2020 höher als im Vergleichszeitraum der drei Vorjahre und führt – unabhängig von Covid-19 – zu einer höheren Zahl an schweren Erkrankungen und Todesfällen älterer Menschen.

3. Die Inzidenz anderer Infektionskrankheiten unterscheidet sich nicht vom Vergleichszeitraum der drei Vorjahre, doch die Anfälligkeit älterer Menschen gegenüber Infektionskrankheiten (Schwere des Krankheitsverlaufs) und die Wahrscheinlichkeit, an anderen, altersbedingten Todesursachen zu sterben, haben sich erhöht.

4. Die medizinische Versorgung älterer Menschen hat sich gegenüber den Vorjahren verschlechtert (quantitativ, qualitativ).

5. Das Angebot medizinischer Versorgung ist quantitativ und qualitativ unverändert, doch hat sich die Inanspruchnahme dieses Angebots durch ältere Menschen verringert.

6. Die “Übersterblichkeit” in der Altersgruppe 65 plus ist überschätzt. Eine höhere Zahl der Sterbefälle ist allein schon wegen des Wachstums der Altersgruppe zu erwarten.

7. Es handelt sich um eine zufällige Entwicklung.

Diskussion. Zur Erklärung Nr. 2 (andere Infektionskrankheiten) ist festzuhalten, dass zumindest Influenza eher nicht in Frage kommen dürfte. Den Influenza-Daten auf der Ages-Website (www.ages.at/themen/krankheitserreger/grippe/saison-202021) ist zwar zuletzt ein Anstieg der Influenza-Erkrankungen zu entnehmen (Sprung auf “1013”), aber erst in KW 45, nicht in den KW 43 und 44. (Siehe nachstehende Grafik.) Andererseits könnte es auch hier Datenprobleme geben oder es handelt sich um ein bisher nicht registriertes Infektionsgeschehen.

Die Erklärung Nr. 1 wäre übel, halte ich aber in Anbetracht der Definition eines Covid-19-Todesfalls in Österreich (“an” oder “mit” Covid-19 gestorben – klinische Symptome – oder sogar bloß mit SARS-CoV-2-Infektion) eher für unwahrscheinlich. Nr. 6 wiederum könnte einen Teil der Diskrepanz erklären, nicht aber den zeitlichen Verlauf der Sterbefälle.

Am wahrscheinlichsten sind daher aus meiner Sicht, abgesehen vom Zufall (Nr. 7), leider die Erklärungen Nr. 3 bis Nr. 5: Die Altersgruppe 65 Jahre und darüber ist krankheitsanfälliger und morbider geworden, nimmt medizinische Versorgung weniger in Anspruch oder das medizinische Versorgungsangebot hat sich verschlechtert. Für alle drei Entwicklungen gäbe es eine denkbare gemeinsame Ursache: die direkten und indirekten Auswirkungen der Maßnahmen, die bisher gegen die Covid-19-Epidemie ergriffen wurden. Auch hier wäre aber noch zu erklären, warum diese Effekte erst ab der zweiten Oktoberhälfte deutlich werden sollten und nicht bereits zuvor.

Wichtig jedoch: Selbst wenn der unerklärte Teil der Übersterblichkeit – derzeit offenbar ca. 50% – ein “Kollateralschaden” der Maßnahmen gegen die Covid-19-Epidemie wäre, könnte man damit allein keinen Verzicht auf Kontrollmaßnahmen begründen – es fehlt das Vergleichsszenario (was wäre oder würde ohne oder mit weniger strikten Maßnahmen geschehen).

Klar ist aber andererseits, dass Kollateralschäden, vor allem wenn sie quantifizierbar werden, unbedingt Bestandteil einer utilitaristischen Folgenabschätzung sein müssen. Ich werde jedenfalls die Sterblichkeitsdaten von Statistik Austria in den kommenden Wochen sicher weiter verfolgen.

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