Untersterblichkeit 65 plus: Ein Post-Epidemie-Phänomen?

In Österreich ist in den letzten Kalenderwochen eine deutliche Untersterblichkeit in der Altersgruppe 65 plus zu beobachten. Das Phänomen tritt auch anderswo auf, insbesondere in England. Aus der Reihe fällt Israel, wo die Übersterblichkeit laut EuroMOMO-Angaben seit Kalenderwoche 8 wieder deutlich steigt.

Die folgende Grafik zeigt die Entwicklung der Gesamtsterblichkeit der Altersgruppe 65 plus im Vergleich zum Schnitt der Jahre 2018-2020 sowie den Anteil der auf diese Altersgruppe entfallenden offiziellen Covid-19-Todesfälle laut Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (Ages) (ca. 93,79 %). Wie der Grafik zu entnehmen, war die Untersterblichkeit in der Altersgruppe 65 plus bisher in der Kalenderwoche 9 am stärksten.

Im gesamten Verlauf des Jahres 2021 ergibt sich trotzdem noch eine Übersterblichkeit von etwa 360 Todesfällen. Ohne die Todesfälle “an oder mit” Covid-19 sind in Summe jedoch bereits mehr als 1.800 Todesfälle weniger zu verzeichnen.

Die hier gezeigten Über- oder Untersterblichkeiten beruhen nur auf einem Vergleich mit den drei vorangegangenen Kalenderjahren. Abweichungen zu den Daten des EuroMOMO-Netzwerks für Österreich sind daher zu erwarten. Infos zum EuroMOMO-Netzwerk und den Daten gibt es auf der Website der Österreichischen Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (Ages): Übersterblichkeit in Österreich basierend auf dem EuroMOMO-Modell, 2017-2020.

Nicht nur in Österreich. Ähnliche Entwicklungen sind auch in anderen Ländern Europas zu beobachten, wenn auch nicht unbedingt im selben Zeitraum: Nach Perioden der Übersterblichkeit folgen oft Zeiträume mit deutlicher Untersterblichkeit, was darauf hindeutet, dass ein großer Teil der Sterbefälle “an oder mit” Covid-19 wohl lediglich um einige Monate früher eingetreten ist als ansonsten zu erwarten gewesen wäre. Man kann sich die Entwicklungen nach Ländern und nach Altersgruppen getrennt anzeigen lassen – siehe EuroMOMO, graphs and maps.

Dies zeigt jedenfalls, dass die Auswirkungen der Covid-19-Epidemie in “verlorenen Lebensjahren” nicht auf Basis einer durchschnittlichen Lebenserwartung der “an oder mit” Covid-19 gestorbenen Menschen berechnet werden sollten. Bekanntlich handelte es sich bei dem Großteil der Gestorbenen um Menschen mit schweren, oft mehrfachen Vorerkrankungen: eine durchschnittliche Lebenserwartung kann hier nicht unterstellt werden.

Besonders deutlich ist der Wechsel von einer Über- zu einer Untersterblichkeit in England, wie der Screenshot ausgewählter Euromomo-Daten zeigt (nur Altersgruppe 65 plus). Israel habe ich übrigens aufgenommen, weil die Daten eine eher unerwartete Entwicklung zeigen: Eine Zunahme der Übersterblichkeit in der Altersgruppe 65 plus seit der Kalenderwoche 8.

Die Erklärung für dieses Phänomen in Israel steht noch aus. Möglich wären etwa verspätete “Kollateralschäden” der Epidemie (etwa durch eine Zugangsbeschränkung im Gesundheitssystem oder eine angstbedingte geringe Inanspruchnahme von medizinischen Leistungen). Man könnte auch unterstellen, dass es sich hier um verzögerte Folgen der israelischen Impfkampagne handelt, das wäre aber reine Spekulation.

Aufällig ist jedenfalls, dass am 1. April, offenbar kurz nachdem ich den obigen Screenshot anfertigte, sämtliche Daten zu Israel rückwirkend aus dem EuroMOMO-Angebot verschwunden sind. Warum, ist derzeit ebenso unklar. Es könnte sein, dass EuroMOMO beschlossen hat, die Daten neu zu berechnen; vielleicht hat sich Israel aber überhaupt kurzfristig aus dem Netzwerk zurückgezogen.

Hier die Grafik (Ausschnitt) von Statistik Austria mit den Sterbefallkurven für die Altersgruppe 65 plus von 2016 bis 2021 (rote Linie).

Quelle: Statistik Austria, Sterbefälle nach Alter.

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