Arbeitsproduktivität in Österreich: Ein Update

Statistik Österreich revidiert Daten: Mehr Wachstum und kein Rückgang der Arbeitsproduktivität in 2016.

Statistik Austria hat im September 2018 die Ergebnisse einer routinemäßigen Revision der Daten für die Jahre 2015 und 2016 veröffentlicht. Dadurch ergaben sich vor allem für das Jahr 2016 einige signifikant bessere Kennzahlen: Die österreichische Wirtschaft wuchs 2016 real nicht um 1,5% wie bisher angegeben, sondern um 2%. In Kombination mit revidierten Daten zum Arbeitsvolumen ergab sich auch eine Verbesserung bei der Arbeitsproduktivität für 2016: Aus einem Minus von 0,4% wurde nun eine Stagnation ( -0,0%).

Quelle: Volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen 1995 – 2017; Download (pdf, 550Kb). (Bruttoinlandsprodukt: Tabelle 3; Arbeitsvolumen: Tabelle 15; Arbeitsproduktivität: Tabelle 16)

Die neuen Daten sind allerdings noch nicht in die Präsentationen unter „Wie geht’s Österreich?“ eingearbeitet. Dort heißt es etwa zur Arbeitsproduktivität derzeit weiterhin (per 24. Oktober 2018): „2016 ging die Arbeitsproduktivität im Vergleich zum Vorjahr um 0,4% zurück“ (siehe Arbeitsproduktivität).

Für 2017 wird ein reales BIP-Wachstum von 2,6% angegeben, wobei das Arbeitsvolumen von 7.023 Mio. Stunden auf 7.137 Mio. Stunden zunahm, ein Plus von 1,62%. Das Arbeitsvolumen überstieg damit auch den bisherigen Höchststand aus dem Jahr 2008, vor der Finanzkrise. Die Arbeitsproduktivität erhöhte sich 2017 demnach um rund 0,9% (zumindest bis zur nächsten Revision …).

Die Änderungen vom September 2018 sind in der nachstehenden aktualisierten Grafik zu Arbeitsvolumen und Arbeitsproduktivität berücksichtigt.

Am Trend zu einer schwächeren Zunahme der Arbeitsproduktivität hat sich durch die Datenrevision allerdings nichts geändert. Ein Vergleich des jüngsten Aufschwungs mit der Wachstumsperiode vor der Finanzkrise macht dies besonders deutlich: 2006 und 2007 wuchs das BIP real insgesamt um 7,36% (3,52% bzw. 3,71%), wobei die Arbeitsproduktivität um 5,19% zunahm (plus 2,65% bzw. plus 2,48%). In den Jahren 2016 und 2017 wuchs das BIP um 4,65%, doch die Arbeitsproduktivität erhöhte sich nur um 0,9% (-0,0% + 0,9%).

Auch bei einer anderen Kennzahl für die Produktivität, der Total Factor Productivity (TFP), weist Österreich im internationalen Vergleich zwar hohe Werte auf, verzeichnet aber seit der Finanzkrise eine Stagnation, während die TFP in der Eurozone insgesamt wieder steigt, wie aus einem Bericht der EU-Kommission hervorgeht (Länderbericht Österreich 2018 vom 7. März 2018). Es ist aber darauf hinzuweisen, dass dieser Bericht auf älteren, noch nicht revidierten Daten für 2015 und 2016 beruht, ebenso wie die nachstehende Infografik aus diesem Bericht (der Hinweis in der Grafik “Vor der Revision …” stammt von mir):

“Österreichs totale Faktorproduktivität, die während der Finanzkrise deutlich gesunken ist, hat sich noch nicht wieder erholt und stagniert unter dem Vorkrisenniveau. Dies kontrastiert mit dem Euro-Währungsgebiet insgesamt, in dem die totale Faktorproduktivität zwar ebenfalls während der Krise zurückging, seit 2013 aber stetig ansteigt und das Vorkrisenniveau bereits übertroffen hat.” (Länderbericht Österreich 2018, S.8)

Soweit es meine Zeit erlaubt, werde ich in einem zukünftigen Beitrag verschiedene Erklärungen der Wirtschaftswissenschaft für die schlechte Entwicklung von Arbeitsproduktivität und Total Factor Productivity insbesondere in Österreich darstellen.

Pflegesektor, Gig Economy ausgeblendet?

Eines vorweg: Unter den Faktoren, die die TFP negativ beeinflussen, befindet sich auch der Strukturwandel, d.h. ein steigender Anteil der Dienstleistungen am BIP, was mit dem im Vergleich zur Industrie geringeren Produktivitätswachstum in diesem Sektor zusammenhängt.

Ausdrückliche Hinweise auf spezifische Bereiche des Dienstleistungssektors wie die „Gig Economy“ oder den Pflegesektor habe ich in einschlägigen Quellen bisher übrigens keine gefunden. (Zum Pflegesektor siehe u.a. Pflege kommt nicht ohne Osteuropa aus (ORF, 22. Oktober 2018). Ältere Menschen tauchen nur insofern auf, als sie als „Klotz am Bein“ bei der Erweiterung des „Humankapitals“ betrachtet werden.

Das könnte durchaus auch daran liegen, dass man zumal dem Bereich der (“arbeitsintensiven”) Pflege mit Standard-Empfehlungen wie mehr Deregulierung, Erhöhung der Investitionen und der Forschungs- und Entwicklungsausgaben a priori keine „Produktivitätssteigerung“ im konventionellen Sinne verpassen kann (mehr “Output” pro “Input”). Der Sektor ist m.E. eine Art gesellschaftlicher „Overhead“, wie man aus betriebswirtschaftlicher Sicht sagen würde – zusätzliche Fixkosten, die in Zukunft stetig wachsen werden.

Arbeitsproduktivität und Total Factor Productivity: Weltbank-Analyse

Vor allem in den reichen Ländern hat sich das Wachstum von Arbeitsproduktivität und Total Factor Productivity (TFP / Gesamtfaktorproduktivität) zuletzt deutlich verlangsamt. Dieser Trend etablierte sich bereits vor der Finanzkrise; warum, ist nicht ganz klar. In ihrem jüngsten Bericht zum Ausblick für die Weltwirtschaft (Global Economic Prospects, Jänner 2018) gibt die Weltbank einen Überblick über die Diskussion.

Die Arbeitsproduktivität ist der wirtschaftliche Output pro geleisteter Arbeitsstunde, die Total Factor Productivity steht für jenen Teil des Outputs, der nicht durch den Einsatz der Produktionsfaktoren Kapital und Arbeit erklärt werden kann – man könnte sagen, TFP ist ein Maß für die Effizienz, mit der diese beiden Faktoren kombiniert werden, oder auch ein Maß für die technologische Innovation.

Download der Weltbank-Analyse: Understanding the recent productivity slowdown: Facts and explanations (pdf, extrahiert aus dem Gesamtbericht)

Beide Kennzahlen sind von Bedeutung für das Wachstumspotenzial einer Wirtschaft: Je geringer die Zunahme, desto geringer auch die zukünftigen Wachstumsaussichten und desto schwieriger auch die Deckung der zukünftigen Pensionsverpflichtungen. Daher gibt die jüngste Entwicklung Anlass zur Sorge.

Auch in Österreich geht das Wachstum der Arbeitsproduktivität zurück, und der Aufschwung von 2016 war überraschenderweise sogar von einem Rückgang der Arbeitsproduktivität begleitet, worauf ich hier (Österreich 2016: Seltsamer Aufschwung) aufmerksam gemacht habe.

Weltweit sieht das etwa so aus (Quelle der Grafiken: Weltbank; “AEs” (Advanced Economies) sind die reichen Länder):

Als mögliche Ursachen dieses “productivity slowdowns” nennt die Weltbank vorübergehende Faktoren, insbesondere geringere Investitionen aufgrund höherer Unsicherheit und von Nachwirkungen der Finanzkrise, aber auch nachhaltig wirksame Einflüsse:

  • Die demographische Alterung
  • Regulierungseffekte und “strukturelle Rigiditäten”
  • Sinkende Dynamik des Welthandels und stagnierende vertikale Spezialisierung
  • Sinkender Beitrag der IKT-Branche (“Digitalisierung”) zur Produktivitätssteigerung

Demographische Alterung. In den reichen Ländern sinkt der Anteil der Menschen im Arbeitsalter an der Gesamtbevölkerung seit Jahrzehnten. Ältere Menschen brauchen länger, um sich neue Fähigkeiten anzueignen, d.h. die Akkumulation von Humankapital verlangsamt sich, was wieder Innovation und Produktivitätswachstum bremst.

Regulierung & strukturelle Rigiditäten. Hier verweist die Weltbank auf Faktoren, die eine effiziente Reallokation von Ressourcen (Kapital und Arbeit), eine historisch bedeutende Quelle von Produktivitätsgewinnen, behindern dürften. Genannt werden etwa Flächenwidmungspläne in US-Städten und damit verbundene Probleme der Wohnraumbereitstellung (geringere Mobilität von Arbeitskräften), aber auch “strukturelle Rigiditäten” in Arbeits- und Produktmärkten in Europa.

Welthandel und vertikale Spezialisierung. Abgesehen von einer langsameren Expansion des Welthandels, was mit weniger Wettbewerbsdruck und einer geringeren Investitions- und Reallokationsdynamik in Verbindung gebracht wird, verweist die Weltbank auf eine Stagnation der Bedeutung von globalen Wertschöpfungsketten, die auf vertikaler Spezialisierung beruhen.

Dabei handelt es sich quasi um den Inbegriff der “Globalisierung”: Firmen lagern z.B. arbeitsintensive Prozesse in Länder mit niedrigeren Lohnkosten aus, was mit Produktivitätsgewinnen verbunden ist, wie in einem zitierten Working Paper (World Bank Policy Research Working Paper No. 7978) gezeigt wird (“Does Vertical Specialization Increase Productivity?” (Download-Seite: papers.ssrn.com/sol3/papers.cfm?abstract_id=2923531).

Die folgende Grafik (mit Daten bis 2014) aus diesem Paper deutet an, dass sich die vertikale Spezialisierung weltweit nicht mehr vertieft oder sogar rückläufig sein könnte.

Eine Interpretation wäre, dass das Potenzial für Produktivitätsgewinne durch Auslagerung / Aufsplittung der Wertschöpfungsketten zumindest in den reichen Ländern derzeit bereits ausgeschöpft ist (Globalisierung am Ende?).

IKT, Digitalisierung und Produktivität. Als nur mehr gering schätzt die Weltbank die Produktivitätssteigerung durch die Informations- und Kommunikationstechnologien ein. Da es außerdem zunehmend aufwändiger wird, neue Ideen zu generieren, könnte der Beitrag der IKT-Branche zum Produktivitätswachstum auch in Zukunft schwach bleiben. Zudem hätten sich die Innovationen der Branche seit der Jahrtausendwende zunehmend auf Konsumprodukte konzentriert anstatt auf Hard- und Software, die zu höherer Produktivität führt.

Ich selbst habe ja zuletzt darüber spekuliert, ob Cybercrime und der Kampf dagegen den Produktivitätsbeitrag der Softwarebranche weiter senken könnte (siehe Cybercrime & Produktivitätsbeiträge der Softwarebranche).

Empfehlungen der Weltbank. Was könnte gegen das Problem mit der Produktivität getan werden? Die Weltbank meint, man sollte etwa die Lernfähigkeit älterer Bevölkerungsgruppen erhöhen.

Der Rest ist alter Tobak: Förderung von Investitionen in physisches Kapital und Forschung & Entwicklung, Deregulierung und Handelsliberalisierung, d.h. mehr Wettbewerb. Das wird bereits seit Jahrzehnten gepredigt, ohne dass sich der beobachtete Rückgang des Produktivitätswachstums hätte aufhalten lassen. Alles in allem herrscht m.E. offenbar eher Ratlosigkeit …

Cybercrime & Produktivitätsbeiträge der Softwarebranche

Könnten die Cyberkriminalität und der Kampf gegen Hacker & Co die ohnehin fragwürdigen Produktivitätsbeiträge der Digitalisierung weiter verringern oder zunichte machen? Ein Blick auf ein paar grundlegende Daten.

Wie sich die erhofften Produktivitätssteigerungen durch die Digitalisierung mit dem generell sinkenden Produktivitätswachstum (“Total Factor Productivity” oder Gesamtfaktorproduktivität) in den reichen Ländern vertragen, ist ein bisher ungelöstes ökonomisches Rätsel (Tipp: nach “Produktivitätswachstum” und “Digitalisierung” googeln).

In meinen Anmerkungen zum seltsamen Aufschwung in Österreich habe ich in diesem Zusammenhang folgende gewagte These in den Raum gestellt:

Der Beitrag der Softwarebranche zur Gesamtproduktivität, soweit vorhanden, könnte zunehmend geringer werden, da ein wachsender Teil ihrer Dienstleistungen bloß für den Schutz der expandierenden Datennetzwerke gegen interne und externe Risiken wie Hackerangriffe (“Cybercrime”) erforderlich sind. Ihre Leistungen könnten sich zunehmend zu einem gesamtgesellschaftlichen “Overhead” (Gemeinkosten) entwickeln – bisher unnötige Kosten, die nun zusätzlich zu tragen sind.

Gibt es Daten, die einen solchen Trend bestätigen oder zumindest plausibel erscheinen lassen könnten? Nachfolgend ein erstes Recherche-Ergebnis (zu den Daten siehe weiter unten).

Zuerst habe ich die historischen Ausgaben für IT-Dienstleistungen & Software mit den Ausgaben für Cybersecurity verglichen, beides weltweite Daten. Zu beachten ist, dass Cybersecurity-Kosten auch Ausgaben für Hardware beinhalten; sie sind daher keine Teilmenge der Aufwendungen für IT-Dienstleistungen & Software. Wie auch immer: Das wirkt nicht besonders beeindruckend (Grafiken in Englisch, deutsche Versionen, wenn ich Zeit habe).

Interessanter sieht es in der zweiten Grafik aus: Hier habe ich zusätzlich sichtbar gemacht, wie sich das Verhältnis der absoluten Zuwächse der beiden Ausgabenbereiche entwickelt, und zwar als linearer Trend. Demzufolge nimmt die relative Bedeutung der zusätzlichen Ausgaben für Cybersecurity stetig zu; 2016 sind wir dem Trend nach bereits bei rund 30 % der gesamten zusätzlichen Ausgaben für IT-Dienstleistungen & Software. Das ist doch schon bemerkenswert, würde ich meinen.


Die dritte Grafik zeigt eine mögliche Entwicklung bis 2021, basierend auf historischen Trends und einer Prognose vom Mai 2017, hier mit den tatsächlichen geschätzten/berechneten Datenpunkten. (Das Zickzack der roten Linie bis 2016 entspricht übrigens nicht der Wirklichkeit, sondern ist eine Folge der Darstellung der historischen Cybersecurity-Ausgaben als stetige Exponentialkurve.) Demnach würden die zusätzlichen Ausgaben für Cybersecurity 2021 bereits mehr als 60% der zusätzlichen Ausgaben für IT-Dienstleistungen & Software im Allgemeinen betragen.

In absoluten Zahlen könnten 2021 demnach weltweit ca. 300 Mrd. US-Dollar für Cybersecurity ausgegeben werden. Das erscheint nicht einmal so viel: cybersecurityventures.com schätzt die Kosten von Cyberkriminalität für 2021 auf nicht weniger als 6.000 Mrd. US-Dollar (“Cybercrime damages will cost the world $6 trillion annually by 2021“). Das wären mehr als 6% der für 2021 prognostizierten weltweiten Wirtschaftsleistung (siehe statista.com).

Dabei ist noch zu bedenken, dass zum Zeitpunkt dieser Kostenprognose (Mai 2017) die Öffentlichkeit noch nichts von Meltdown und Spectre wusste.

Klar: Es handelt sich hier nur um Extrapolationen und Schätzungen schwierig zu erhebender Daten; da sich Cybersecurity-Ausgaben und Ausgaben für IT-Dienstleistungen & Software überschneiden, ergibt die Extrapolation des historischen Marktwachstums vielleicht zu geringe Werte, was zu einer Überschätzung des Gewichts der Cybersecurity-Ausgaben führen dürfte.

Trotzdem gibt diese mögliche Entwicklung doch zu Besorgnis Anlass. Meine Hypothese zu sinkenden Produktivitätsbeiträgen der Softwarebranche erscheint nicht so weit hergeholt.

Zu den Daten

  • Die historischen Daten zu den Ausgaben für IT-Dienstleistungen & Software stammen von statista.com. Die Betreiber geben leider nur gegen Geld bekannt, woher sie diese Daten haben.
  • Die historischen Daten zu den Ausgaben für Cybersecurity (Produkte & Dienstleistungen) beruhen auf Angaben von cybersecurityventures.com für die Jahre 2004 und 2017. Für die Jahre dazwischen habe ich ein gleichmäßiges exponentielles Wachstum unterstellt.
  • Die Daten zu den Ausgaben für IT-Dienstleistungen & Software von 2017 bis 2021 beruhen auf einer Extrapolation des historischen Trends (Wachstumsrate zwischen 2005 und 2016, Daten von statista.com).
  • Die Daten zu den Ausgaben für Cybersecurity von 2017 bis 2021 beruhen auf einer Schätzung von cybersecurityventures.com, wonach in diesen fünf Jahren dafür rund 1.000 Mrd. US-Dollar ausgegeben werden dürften. (“Cybersecurity Ventures predicts global spending on cybersecurity products and services will exceed $1 trillion cumulatively over the next five years, from 2017 to 2021.“).
    Dieser Betrag impliziert ein jährliches Wachstum von 26%, ausgehend von 2016. Übrigens im Widerspruch zur Aussage im nachfolgenden Satz: “We anticipate 12-15 percent year-over-year cybersecurity market growth through 2021.” Es muss ja nicht jeder rechnen können.

Österreich 2016: Seltsamer Aufschwung

Der „Aufschwung“ der österreichischen Wirtschaft von 2016 war von einem Rückgang der Arbeitsproduktivität begleitet, wie im Dezember 2017 veröffentlichte Daten von Statistik Austria zeigen – ein ungewöhnliches Phänomen für eine wachsende Volkswirtschaft.

Die Arbeitsproduktivität sank 2016 gegenüber 2015 um 0,44%, während die Wirtschaft gleichzeitig real um 1,5% wuchs. Anders gesagt: In Österreich wurden zwar um 1,86% mehr Arbeitsstunden geleistet als 2015, doch pro Stunde wurde damit weniger Wert erzeugt als im Jahr davor.
[Die Daten für 2015 und 2016 wurden per September 2018 revidiert. Siehe Arbeitsproduktivität in Österreich: Ein Update]

Noch im April 2017 hatte Statistik Austria für 2016 eine Zunahme der Arbeitsproduktivität um 0,6% ausgewiesen. Der erhebliche Unterschied von mehr als einem Prozent geht v.a. auf eine Neuberechnung des Arbeitsvolumens zurück.

Ein Rückgang der Arbeitsproduktivität hatten schon die Mikrozensus-Daten zum Arbeitsvolumen von 2016 vermuten lassen. Nun hat sich offenbar gezeigt, dass diese Daten die Entwicklung besser abgebildet haben als die Berechnungsmodelle von Statistik Austria.

Dass die Arbeitsproduktivität noch 2015 um fast 2% zugenommen hat, lässt die Entwicklung von 2016 umso rätselhafter erscheinen: Was ist das für ein Aufschwung?, fragte ich mich schon im Frühjahr 2017. (Siehe rpoth.at/blog/oesterreich-negative-wirtschaftsdaten-weitgehend-ignoriert.)

Theoretisch sollten sich Arbeitsproduktivität und Wirtschaftswachstum gleichläufig entwickeln, auf Basis einer simplen Hypothese: Im Abschwung werden Personalstand und Arbeitszeiten erst mit Verzögerung in Reaktion auf die sinkende Nachfrage reduziert, d.h. die Wertschöpfung pro geleisteter Arbeitsstunde sinkt tendenziell; das war etwa auch beim Abschwung 2008-2009 der Fall, wie der Abwärtsknick der roten Kurve in der Grafik oben zeigt. Im Aufschwung wiederum wird bei steigender Nachfrage zuerst das vorhandene Personal besser ausgelastet, womit die Wertschöpfung pro Arbeitsstunde steigt, und erst später wird der Personalstand erhöht.

Was war also 2016 los? Den Daten von Statistik Austria lässt sich lediglich entnehmen, dass die ca. 130 Millionen zusätzlichen Arbeitsstunden (gegenüber 2015) großteils im tertiären Sektor geleistet wurden. Im primären Sektor (Land- und Forstwirtschaft) ist ein Rückgang von 3 Mio. Arbeitsstunden ausgewiesen, im sekundären Sektor (Bergbau, Industrie/Gewerbe, Versorgungsbetriebe, Bau) ein Plus von ca. 12,5 Mio. Stunden. Zur Aufteilung der zusätzlichen Arbeitsstunden innerhalb des tertiären Sektors gibt es keine Angaben.

Es kann sich natürlich sowohl um einen „Ausreißer“ als auch um ein statistisches Artefakt handeln. Im ersteren Fall sollte sich bei anhaltendem Konjunkturaufschwung (und das war 2017 offenbar der Fall) die Arbeitsproduktivität wieder positiv entwickeln, was sich erst 2018 zeigen wird.

Persönlich neige ich zu einer pessimistischeren Annahme. Fast in allen entwickelten Wirtschaften (in den „reichen Ländern“) gehen die Steigerungsraten bei Arbeits- als auch Gesamtfaktorproduktivität seit Längerem stetig zurück. Dieser Trend ist jedenfalls bei der Arbeitsproduktivität auch in Österreich zu beobachten – die folgende Grafik ist ein Update einer identischen Grafik vom April.

Dieser Trend ist m.E. auf mehrere Faktoren zurückzuführen, darunter die Auslagerung der industriellen Produktion in Schwellenländer, den technologischen Fortschritt (Digitalisierung) sowie die zunehmend ungleiche Einkommens- und Vermögensverteilung. Alle diese Faktoren stehen miteinander in Wechselwirkung.

Endergebnis ist ein Phänomen, das schon vor Jahren als „Dienstbotisierung“ der Wirtschaft kritisiert wurde: Die wirtschaftliche Expansion im tertiären Sektor beschränkt sich im Wesentlichen auf Branchen mit relativ (zur Industrie) geringer Wertschöpfung, etwa persönliche Dienstleistungen für den wohlhabenderen Teil der Gesellschaft (dazu würde ich auch den Transportdienstleister Uber zählen) oder Leistungen im Gesundheits- und Sozialbereich in Zusammenhang mit der Alterung unserer Gesellschaft (Pflegedienstleistungen). Da ist pro Arbeitsstunde nicht viel Geld zu holen, außer im oberen Einkommenssegment (das sich vielleicht auch zukünftige Pflegeroboter leisten kann), und das drückt daher die Arbeitsproduktivität insgesamt.

Eine gewagtere These in diesem Zusammenhang wäre, dass auch die Softwarebranche zunehmend unproduktiv wird, da sie zwar gut bezahlte Dienstleistungen erbringt, dieselben jedoch immer weniger der Entwicklung neuer Produkte dienen, sondern vermehrt bloß für den Schutz der expandierenden Datennetzwerke gegen interne und externe Risiken wie Hackerangriffe erforderlich sind. Anders gesagt, die „Wertschöpfung“ der Branche müsste zunehmend als Teil des gesamtgesellschaftlichen Overheads (Gemeinkosten) betrachtet werden, der nichts zur Gesamtproduktivität beiträgt, sondern sie sogar verringert – bisher unnötige Kosten, die nun zusätzlich zu tragen sind.

Abschließend noch ein Beispiel für die Infografik-Expertise von Statistik Austria – die Darstellung der Entwickung der Arbeitsproduktivität unter “Wie geht’s Österreich?”.

FPÖ als neoliberale Traumbraut: Eine Kritik am Wirtschaftsprogramm der “Blauen”

Schon seit Jahren wundere ich mich, wie ins blaue Lager gewechselte ehemalige SP-WählerInnen den neoliberalen Unsinn übersehen können, den ihre neuen HoffnungsträgerInnen propagieren. Darum freut es mich jedes Mal, wenn zur Aufklärung beigetragen wird – hier von Christian Donninger.

Dr. Donninger hat sich dem neuen FPÖ-Wirtschaftsprogramm gewidmet, eine Kritik unter dem Titel “Die Strache-FPÖ als neoliberale Traumbraut der Industriellenvereinigung” verfasst und auf seiner Website publiziert. Hier der Link (pdf): IV_Traumbraut.pdf.

Eine Zusammenfassung gibt’s auch (Text eingerückt):

Das am 23. August 2017 veröffentlichte Wirtschaftsprogramm der FPÖ enthält eine klare Botschaft: Man positioniert sich als die ideale, neoliberale Traumbraut für eine Koalition unter dem voraussichtlichen Wahlsieger Sebastian Kurz.

Das Programm sieht massive Kürzungen im Gesundheits- und Sozialbereich und bei den Pensionen vor. Diese werden unter dem euphemistischen Titel „Optimierungen“ verkauft.

Die angestrebte Aufkündigung der Sozialpartnerschaft würde das gesellschaftliche Kräfteverhältnis zwischen Arbeitnehmern und Unternehmern gravierend zugunsten der Unternehmer verändern und zu sozialen Konflikten führen.

Kernstück des Programms ist die Senkung des Steueraufkommens um 12 Milliarden Euro, bei gleichzeitiger strikter Einhaltung eines Null-Defizits. Die im Programm zur Gegenfinanzierung berechneten Einsparungen sind entweder stark übertrieben oder überhaupt unrealistisch.

Während auf „Zuckerl für Unternehmen“ detailliert eingegangen wird, fallen Themen wie Armutsbekämpfung, Mindestlohn und Mindestpensionen unter den Tisch.

Mit dem aktuellen Wirtschaftsprogramm hat die FPÖ ihren Anspruch als „Soziale Heimatpartei“ zur Gänze aufgegeben.

Durchaus lesenswert, finde ich.

“Jobwunder” in Deutschland, entzaubert

Weit mehr Erwersbtätige, viel weniger Arbeitslose: Diese Entwicklung in Deutschland wird oft als “Jobwunder” bezeichnet. Was sich dahinter verbirgt, hat Markus Krüsemann auf www.miese-jobs.de analysiert.

Ein wichtiger Ausgangspunkt der Analyse sind die Daten zum Arbeitsvolumen, die auch hierzulande großteils ignoriert werden – siehe meinen letzten Beitrag Österreich: Negative Wirtschaftsdaten weitgehend ignoriert.

Wie in Österreich ist das Jahresarbeitsvolumen pro erwerbstätiger Person in Deutschland mittelfristig stark gesunken und stagniert seit 2013, trotz des gefeierten Aufschwungs.

Auch insgesamt gibt es nicht mehr Arbeit, sie wird bloß anders verteilt – und auf dem Arbeitsmarkt herrscht weiterhin eine ausgeprägte Machtassymetrie zugunsten der Arbeitgeber.

Auszüge:

Den großen Treiber für das Jobwachstum jenseits der Normalarbeit stellt mit Abstand allerdings die sozialversicherungspflichtige Teilzeitbeschäftigung dar.

Wohin sind die Arbeitslosen verschwunden?
Nicht einmal neun Prozent der Arbeitslosen wechselten auf eine sozialversicherungspflichtige Vollzeitbeschäftigung und nur weitere 18 Prozent fanden Arbeit in einem Teilzeitjob oder einer geringfügigen Beschäftigung. Insgesamt wechselten mehr als 37 Prozent der Arbeitslosen in atypische Beschäftigungsverhältnisse, während weitere 28 Prozent sich in den Ruhestand. verabschiedeten.

Fazit: (…) So entpuppt sich das Arbeitsmarktmirakel der vergangenen Jahre größtenteils als gigantische Umverteilungsmaschinerie. Wenn auf immer mehr Erwerbstätige pro Kopf immer weniger Arbeitsstunden entfallen, dann ist Arbeit nicht neu geschaffen, sondern nur umverteilt worden. Das bedeutet, auch weiterhin ist nicht genug Arbeit für alle Erwerbswilligen vorhanden.

Link zur Analyse: Das Jobwunder – ein entzauberter Popanz

Eine gekürzte Version erschien auf dem Blog von Norbert Häring:
Kein Jobwunder.

Österreich: Negative Wirtschaftsdaten weitgehend ignoriert

Schwach steigende Arbeitsproduktivität, Rückgang der Wirtschaftsleistung pro Kopf, Nachfrage nach Arbeit geringer als 2006 bei stark zunehmender Erwerbsbevölkerung: Ergebnisse einer Recherche zum Arbeitsvolumen.

Zu den weitgehend igorierten Parametern, die von Statistik Austria (statistik.at) erhoben bzw. geschätzt werden, gehört das jährliche Arbeitsvolumen in Österreich. Das Arbeitsvolumen ist die Summe der von allen Erwerbstätigen tatsächlich geleisteten Arbeitsstunden innerhalb eines Jahres – von allen Erwerbstätigen, unselbständig wie selbständig.

Das Arbeitsvolumen ist ein zentraler Parameter. In Verbindung mit den Daten zum Bruttoinlandsprodukt (real, d.h. inflationsbereinigt) lässt sich damit die Arbeitsproduktivität berechnen. Und die Entwicklung der Arbeitsproduktivität ist nicht nur ein Maßstab für den aktuellen Lebensstandard, sondern auch wesentlich für die Abschätzung der zukünftigen Finanzierbarkeit von Einkommenstransfers von der erwerbstätigen zur nicht erwerbstätigen Bevölkerung, insbesondere der Pensionen.

Dies gilt bei den Pensionen unabhängig vom System, ob Umlage- oder Kapitaldeckungsverfahren, wobei es sich bei Letzterem ohnehin um einen Etikettenschwindel handelt und nicht um eine Lösung für die erwarteten demographischen Probleme, wie von mir anderswo erläutert – lang ist’s her (siehe pensionsreformdebatte).

Wenn die Erwerbsbevölkerung in Zukunft tatsächlich wesentlich schrumpft und die nicht erwerbstätige Bevölkerung gleichzeitig zunimmt (Alterung der Gesellschaft), dann können die Transfers auf dem bisherigen Niveau nur beibehalten werden, wenn die Wertschöpfung pro Arbeitseinheit, also die Arbeitsproduktivität, entsprechend steigt.

Statistik Austria als Datenquelle

Sich Daten zum Arbeitsvolumen in der Gesamtwirtschaft zu beschaffen, scheint auf den ersten Blick kein Problem: Auf Statistik Austria gibt es eine eigene Seite dazu – Arbeitsvolumen. Klickt man auf den Link zu den Daten z.B. im Html-Format, erscheint eine detaillierte Tabelle mit Aufteilung auf Vollzeit- und Teilzeiterwerbstätigkeit, auf Frauen und Männer sowie auf unselbständig Beschäftigte und Selbständige.

Dem “Kleingedruckten” unter der Tabelle ist u.a. zu entnehmen, dass die Daten auf einer regelmäßigen Mikrozensus-Befragung basieren. Mangels anderer Links auf der Site und ohne diesbezügliche Hinweise liegt die Annahme nahe, dass es keine anderen Daten zum Arbeitsvolumen gibt. Ein Irrtum, was mir allerdings erst bei weiteren Nachforschungen klar wurde.

Mikrozensus-Daten, 2016: Arbeitsproduktivität sinkt um 0,9%!

Vorerst nahm ich jedenfalls die Mikrozensus-Daten zur Hand und errechnete in Kombination mit den Daten zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) die Entwicklung der Arbeitsproduktivität. Ich war einigermaßen betroffen. Das BIP hat sich in Österreich 2016 zwar inflationsbereinigt um 1,5% erhöht, doch bei einem gleichzeitig weit stärkeren Anstieg des Arbeitsvolumens um 2,4%. Demnach wäre die Wertschöpfung pro Arbeitsstunde gegenüber 2015 um 0,9% gesunken. Das wäre nicht nur ein Bruch mit dem längerfristigen Trend (hier seit 2004), sondern eine doch bedenkliche Entwicklung, siehe meine obigen Anmerkungen.

Arbeitsproduktivität 2004-2016

Eine Erklärung dafür wäre, dass das zusätzliche Arbeitsvolumen in 2016 nicht in zukünftsträchtigen, hochproduktiven Wirtschaftsbereichen anfiel, sondern ganz im Gegenteil in Branchen mit weit unterdurchschnittlicher Wertschöpfung. Damit hätte sich die Struktur der österreichischen Wirtschaft verschlechtert, trotz des gefeierten “Aufschwungs” von 2016.

“Versteckte” Daten: Arbeitsproduktivität steigt um 0,6%

Eher zufällig klickte ich dann auf der Seite mit dem Titel Österreichs Wirtschaft wuchs 2016 um 1,5% auf den Link “+ mehr”. Dort las ich zu meiner Überraschung, dass das Arbeitsvolumen 2016 nicht um 2,4%, sondern nur um 0,9% zugenommen hat und die Arbeitsproduktivität daher nicht um 0,9% gesunken, sondern um 0,6% gestiegen ist.

Das ist zwar auch ziemlich dürftig, aber wenigstens nicht so erschreckend wie auf Basis der Mikrozensus-Daten (zum Trendbruch seit der Finanzkrise siehe weiter unten). Aber woher stammen diese vom Mikrozensus abweichenden Daten zum Arbeitsvolumen überhaupt? Auf eine Mail-Anfrage erhalte ich folgende Auskunft:

In die Berechnung des Arbeitsvolumens gemäß den Konzepten der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen (VGR) fließen neben dem Mikrozensus noch andere Quellen ein. Auch die Methodik ist eine andere. Dementsprechend sind die Ergebnisse nicht dieselben (6.898,9 in 2015; 6.959,8 in 2016). Zur Messung der Arbeitsproduktivität werden sowohl BIP als auch Arbeitsvolumen aus dem VGR-Datenkörper verwendet.

Nach dem “Fundort” dieser anderen Daten hatte ich leider nicht ausdrücklich gefragt. Da ich eine Zeitreihe brauchte, stöberte ich also herum und wurde unter Regionales BIP und Hauptaggregate nach Wirtschaftsbereichen und Bundesländern (NUTS 2) fündig. Dort gibt es eine Excel-Tabelle namens Arbeitsvolumen der Erwerbstätigen 2000-2015: nach Bundesländern und Wirtschaftsbereichen. Leider handelt es sich nur um Jahresdaten bis 2015, ohne weitere Aufschlüsselung nach Vollzeit, Teilzeit, Männer und Frauen etc.; die Gesamtzahl für 2016 hatte ich ja schon.

Tatsächlich war ich inzwischen bereits etwas verärgert: Warum sind die “schlechten” Daten (Mikrozensus) detailliert aufgeschlüsselt, und die “besseren” (für die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, VGR) nicht? Und warum werden die schlechteren prominent auf einer eigenen Seite publiziert, während die “besseren” in den regionalen Gesamtrechnungen “versteckt” werden?

Das wird für mich vorläufig ein Rätsel bleiben, denn meine diesbezügliche Anfrage wurde von Statistik Austria nicht beantwortet.

Die beiden Zeitreihen zum Arbeitsvolumen lt. Mikrozensus und lt. VGR zeigen übrigens dieselben Trends, nur in den Jahren 2012 bis 2015 gibt es stärkere Abweichungen:

Aus beiden Reihen wird ersichtlich, dass das Arbeitsvolumen (und damit die Nachfrage nach Arbeit) seinen bisherigen Höchststand im Jahr 2008 erreicht hat, im Gefolge der durch die Finanzkrise ausgelösten Rezession einknickte, 2011 stärker zunahm und seither eher rückläufig war. Nach den VGR-Daten lag das Arbeitsvolumen 2016 weiter unter dem Niveau von 2006 und auch unter dem Niveau von 2011.

Jedenfalls ist daraus ersichtlich, dass sämtliche ständig verlautbarten Daten über die steigende Zahl der Beschäftigungsverhältnisse zumindest bis 2016 die zugrundeliegende Realität verschleiert haben, nämlich den Rückgang der Nachfrage nach Arbeit. Im gleichen Zeitraum hat sich zudem die Zahl der Erwerbstätigen massiv erhöht. Die Konsequenz war ein erheblicher Rückgang der Zahl der jährlichen Arbeitsstunden pro erwerbstätige Person, wie der zweiten Grafik zu entnehmen ist: Sie sank von 2004 bis 2016 um mehr als 200 Stunden oder um mehr als 11%!

Jährliche Arbeitsstunden je erwerbstätige Person, 2004-2016

Trendbruch seit der Finanzkrise

Nun zur Arbeitsproduktivität anhand der “besseren” VGR-Daten. Die nachstehende Grafik zeigt die Entwicklung der Arbeitsproduktivität und die jährlichen Änderungen auf Basis des Arbeitsvolumens laut VGR. Das Ergebnis ist durchaus interessant, wenn auch nicht beruhigend: Die Arbeitsproduktivität zeigt seit der Finanzkrise eher schwache Zuwächse, mit einem negativen Trend. Im Schnitt stieg die Arbeitsproduktivität von 2000 bis 2007 um 1,95% pro Jahr, von 2010 bis 2016 jedoch nur mehr um 0,86% pro Jahr. Daher belegen auch die VGR-Daten für 2016 eine nicht gerade optimistisch stimmende Entwicklung.

Arbeitsproduktivität 2000-2016

Dieser Bruch im Trend der Arbeitsproduktivität ist Statistik Austria bisher entweder nicht aufgefallen oder nicht der Rede wert.

Abgesehen von verstreuten beiläufigen Wortspenden ist der Arbeitsproduktivität unter Wie geht’s Österreich? eine Grafik gewidmet. Diese leidet jedoch, wie im Fall fast aller dort gezeigten Zahlenreihen, unter dem hohen Maximalwert der y-Achse (220, siehe Screenshot): Aus derart verflachten Kurven lassen sich jährliche Änderungen kaum mehr entnehmen. Offensichtlich verdankt sich dieser hohe Maximalwert einzig und allein der Zahlenreihe zum nominellen Bruttoinlandsprodukt, die einen Indexwert von an die 200 erreicht. Bei allen anderen Parametern ist diese y-Achse völlig unzweckmäßig, außer man beabsichtigt, eine ungebrochene Aufwärtsentwicklung zu suggerieren.

Arbeitsproduktivität Statistik Austria, Screenshot

Zahlen fehlen hier ohnehin, und damit auch Zahlen zu den jährlichen Änderungen. Der Bruch in der Entwicklung der Arbeitsproduktivität seit der Finanzkrise, zu entnehmen der von mir erstellen Grafik (siehe oben), wäre hier selbst dann nicht zu erkennen, wenn der Wert von 2016 (+0,6%) bereits in die Grafik von Statistik Austria einbezogen wäre.

Internationale Diskussion über rückläufige Produktivität ignoriert?

Das Schweigen zur schwachen Entwicklung der Arbeitsproduktivität ist jedenfalls erstaunlich, denn der Rückgang des Wachstums von Arbeitsproduktivität und Total Factor Productivity (TFP, Gesamtfaktorproduktivität) in den reichen Ländern, verschärft seit der Finanzkrise, bereitet der ökonomischen Zunft weltweit seit geraumer Zeit einiges Kopfzerbrechen.

Ein Beispiel ist die jüngste “Staff Discussion Note” des Internationalen Währungsfonds (IWF) von Anfang April, zu finden hier:
Gone with the Headwinds: Global Productivity (pdf). Daraus stammt die folgende Grafik:

Die Rezeption dieser “Staff Discussion Note” des IWF in Österreich hält sich bisher in engen Grenzen, wie eine Google-Suche nach “Gone with the Headwinds” + site:at (am 9. Mai 2017) zeigt: Es gibt nur einen einzigen Treffer, einen Artikel des Wirtschaftsredakteurs des Standard, András Szigetvari, von Anfang April mit dem Titel Produktivität: Innovative Ideen ohne Wirkung.

BIP pro Kopf stetig rückläufig

Als Draufgabe noch eine letzte Grafik: Hier habe ich die Entwicklung der österreichischen Wirtschaft seit 2004 (real, d.h. inflationsbereinigt mit dem BIP-Deflator von Statistik Austria) mit der gleichzeitigen Bevölkerungsentwicklung in Zusammenhang gebracht, die hier aus Gründen der Klarheit nicht gezeigt wird. Als Bevölkerungszahl für 2016 wurde der Stand Ende des 4. Quartals 2016 verwendet – mangels anderer Daten.

Hier kommt sehr deutlich zum Ausdruck, dass Österreich von einem “Aufschwung” und “Wohlstandsgewinnen”, verstanden als zunehmende Wirtschaftsleistung pro Kopf, sehr weit entfernt ist. So etwas gab es noch bis zur Finanzkrise – das BIP pro Kopf nahm jedes Jahr deutlich zu. Dann kam die Rezession und ein Aufholprozess, der 2012 abebbte. Seither geht es konstant abwärts – das BIP pro Kopf ist stetig rückläufig und dürfte es auch im “Aufschwungjahr” 2016 gewesen sein, selbst wenn die durchschnittliche Bevölkerungszahl von 2016 wie zu erwarten unter dem Wert vom Jahresende liegt.

Eine sinkende Wirtschaftsleistung pro Kopf ist wahrlich kein Grund zu Jubelgeschrei. Ganz besonders schlimm sieht es diesbezüglich übrigens in Wien aus – bis einschließlich 2015 jedenfalls.

Am schlimmsten in Wien

Wie auf meinem anderen Blog (goingbobo.rpoth.at) unter Wiener Wirtschaft auf Talfahrt nachzulesen, dürfte das Bruttoregionalprodukt pro Kopf in Wien seit 2007 bis Ende 2015 um ca. 5,7% gesunken sein, und das trotz eines etwas stärkeren Wachstums in 2015. Wird zur Inflationsbereinigung der nominellen Zahlen nicht der offizielle BIP-Deflator von Statistik Austria herangezogen, sondern der Verbraucherpreisindex (VPI), könnte der Rückgang sogar ein Ausmaß von 7,7% erreicht haben.

Nur eine Minderheit weiß, dass private Banken Geld schöpfen

Die Bevölkerung weltweit ist kaum über das Thema der Geldschöpfung informiert, wie eine internationale Studie zeigt: Nur 20% wissen, dass der Großteil des Geldes von Privatbanken in die Welt gesetzt wird.

Zum Thema siehe auch:

Geld/Geldreform: Übersicht

Ungeachtet dessen sind aber 59% der Ansicht, dass Regierungen und Zentralbanken die Geldschöpfung kontrollieren sollten; nur 13% befürworten den Stand der Dinge – nämlich dass Privatbanken das Geld in die Welt setzen (“Giralgeld” im Unterschied zu Bargeld, das von den Zentralbanken herausgegeben wird).

Befragt wurden 2013/2014 rund 23.600 Personen in 20 Ländern, die 75% des Weltwirtschaftsprodukts repräsentieren.

Durchgeführt wurde die Studie von den Organisationen Sustainable Finance Lab (Utrecht/Niederlande) und Glocalities (Amsterdam).

Die Presseinformation zur Studie: Global population does not want commercial banks to stay responsible for creating most of the money

Eine Zusammenfassung (englisch, pdf) kann hier heruntergeladen werden:
Fact sheet – Knowledge about who creates money low amongst international population